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Eisbären auf Spitzbergen: Gefährliche Nachbarn

Auf der norwegischen Insel Spitzbergen leben mehr Eisbären als Menschen. Meist kommen die ungleichen Nachbarn gut miteinander aus - auch wenn Bären manchmal mit Warnschüssen vertrieben werden müssen. Doch der Klimawandel macht das Zusammenleben zunehmend zum Problem.

Durch Flocke und Knut ist es vielleicht in Vergessenheit geraten: Eisbären sind gefährlich. Niemand weiß das besser als die Menschen auf Spitzbergen. Sie werden auf Schildern weiterhin vor ihren pelzigen Nachbarn gewarnt. Die Schilder zeigen einen weißen Eisbären auf schwarzem Grund. Sie warnen davor, unbewaffnet durch die arktische Wildnis zu streifen. In noch größerer Gefahr allerdings schwebt der Eisbär selbst. Der vom Menschen verursachte Klimawandel lässt ihm buchstäblich das Eis unter den Tatzen wegschmelzen. Ihrer Jagdreviere beraubt, dringen die Räuber immer öfter in menschliche Siedlungen vor. Das Zusammenleben von Mensch und Eisbär wird somit riskanter.

Zahlenmäßig sind die Eisbären den Bewohnern Spitzbergens überlegen: 3000 von ihnen leben auf der norwegischen Inselgruppe - gegenüber 2300 Menschen. Eigentlich haben sich Zweibeiner und Vierbeiner gut arrangiert. Die meisten Inselbewohner sind an der Westküste zuhause, wo das Klima dank des Golfstroms milder ist. Die Eisbären hingegen leben im ausgedehnten Eis der Ostküste, wo die Robben - ihre Hauptnahrung - zahlreich vorkommen.

Waffenpflicht in der Wildnis

Trotzdem kreuzen sich die Wege von Mensch und Polarbär regelmäßig in dieser eisigen Gegend, die doppelt so groß wie Belgien ist. "Die Warnschilder sollen Besucher daran erinnern, ein Gewehr mitzunehmen, wenn sie sich von Longyearbyen entfernen", erklärt Regierungsberater Kyrre Reymert. Wer durch die Wildnis wandert, ist sogar verpflichtet, sich zu bewaffnen. Seit 1970 wurden auf Spitzbergen mindestens vier Menschen von Eisbären getötet: Eine junge Studentin, ein österreichischer Tourist, der in seinem Zelt überrascht wurde sowie ein Fremdenführer und ein Telegrafist.

Da verwundert es nicht, dass ein großes Absperrgitter den Kindergarten von Longyearbyen sichert. Vor allem die älteren Bewohner können Geschichten erzählen, von mehr oder minder dramatischen Begegnungen mit dem Räuber. Liv-Rose Flygel beispielsweise war elf Jahre alt, als ein ausgehungertes Tier den von ihrem Vater gelenkten Motorschlitten attackierte. "Er war rund 25 Meter hinter uns. Das war wirklich ein ziemlich unangenehmes Gefühl", erzählt die heute 52-Jährige. Ihr Vater habe vergeblich versucht, den Eisbären abzuschrecken. "Letztlich musste er ihn abschießen."

Leuchtraketen zur Bärenabwehr

Eigentlich schützt Norwegen seine Polarbären, die nur in fünf arktischen Ländern vorkommen. Meistens reichen Leuchtraketen und das Knattern der Motorschlitten oder Hubschrauber aus, um tollkühne Tiere abzuwehren. Abgeschossen werden dürfen sie nur im Notfall. Trotzdem haben 24 Bären zwischen 1998 und 2005 ihre Neugier oder Aggressivität mit dem Leben bezahlt.

Darunter war auch jener Bär, der es auf Bjoern Fjukstad abgesehen hatte. Der Grubenarbeiter erinnert sich noch genau, wie er damals nahe der Kohlegrube von Svea beim Weihnachtsessen saß. Draußen herrschte Finsternis, wie es zu dieser Jahreszeit auf Spitzbergen üblich ist. Plötzlich habe ein hungriges Jungtier - nicht viel größer als ein Bernhardiner - versucht, in das Gebäude einzudringen. "Wir haben uns bemüht, ihn zu verjagen, ein Mal, zwei Mal, drei Mal und dabei die Luft angehalten. Aber der Bär hat nicht aufgegeben und so habe ich ihn schließlich abgeschossen", erzählt der 59-Jährige.

Die Bären suchen nach Nahrung

In den vergangenen Jahrzehnten sind die Eisbären auf Spitzbergen immer häufiger in Ortschaften vorgedrungen. Meist werden die Tiere vom Geruch des Robbenfleischs angezogen, mit dem Eskimohunde gefüttert werden und das an riesigen Gerüsten im Freien aufgehängt wird. Dass die Eisbären hier nach Nahrung suchen, hat seinen Grund. Der Klimawandel lässt das Packeis, das Jagdrevier des Eisbären, abschmelzen.

Der Mensch sei auf bestem Wege, die Eisbären durch industrielle Aktivität und Umweltverschmutzung auszurotten, glaubt Liv-Rose Flygel. "Die Gefahr geht nicht von den Eisbären aus, sondern von uns", sagt sie. "Ich hoffe, dass wir die Eisbären auf unserem Schild niemals durch ein Skelett ersetzen müssen."

AFP / AFP