HOME

Fledermäuse: Eine lebende Festung

Eine Bunkeranlage, von Hitler erbaut und später Ort vieler wilder Partys, ist heute die Heimat Tausender Fledermäuse. Über die Jahre wurde die Festung zu einem der größten Fledermaus-Quartiere Europas.

Drei Große Mausohren hängen mit dem Kopf nach unten schlafend an der Wand. Die Fledermäuse haben es sich in Bunkern des einstigen Ostwalls nahe des polnischen Ortes Kalawa gemütlich gemacht. Das Trio gehört zu den rund 30.000 Flattertieren, die seit Jahren in der verzweigten unterirdischen Festungsanlage überwintern.

Eines des größten Fledermaus-Quartiere Mitteleuropas

Der Unterschlupf im Oder-Warthe-Bogen, dem zentralen Teil des Ostwalls, gehört zu den größten Fledermaus-Quartieren in Mitteleuropa. Naturschützer haben dreizehn Arten in dem kühlen Kilometer langen Labyrinth gezählt. Während ihre Körperfunktionen auf Sparflamme reduziert sind, warten die Säugetiere auf den Frühling

Die Anlage diente der Verteidigung der einstigen deutschen Grenze

An der einstigen Verteidigungslinie zwischen Oder und Warthe trotzen Stahlkuppeln der dicken Schneedecke, peitscht der Wind über die Felder. "Alle zwei Jahre werden die Fledermäuse gezählt", sagt Tomasz Blaszczyk. Der Pole führt regelmäßig Gäste durch das Bunkersystem. Die Anlage war zur Verteidigung der einstigen deutschen Grenze gedacht. Ihr Bau wurde von 1934 an forciert betrieben, auf Befehl Hitlers aber 1938 gestoppt. "Deutschland wollte sich auf einen schnellen Angriff auf Polen konzentrieren."

Die deutsch-polnische Grenze war damals 20 Kilometer von der Anlage entfernt. Nur etwa 30 Prozent des Festungsbaus wurde umgesetzt. Für die Tiere gilt die Anlage mit einer fast konstanten Temperatur von acht Grad als geradezu ideal. "Zudem ist es ruhig, feucht und dunkel", erläutert Blaszczyk. Die Tunnelsysteme wirkten wie Höhlen. "Es scheint, die Tiere fühlen sich hier wohl."

Bei Kalawa gehen Touristen über vier Etagen - nur mit Führungen - bis in 30 Meter Tiefe. Mit Taschenlampen ausgestattet ziehen die Besucher lange Gänge entlang, folgen stillgelegten Bahngleisen und Rohrleitungen, erreichen einstige Aufenthalts- und Schlafräumen von Wachmannschaften und Soldaten. Auch Maschinenräume sind zu sehen. Oberhalb ragen lange Reihen Panzersperren aus dem Schnee heraus.

Statt Atommüllanlage ein Naturschutzreservat

Ein vergessener Weihnachtsbaum blinkt im Licht der Taschenlampen. Vereinzelt hängen Fledermäuse an den Wänden, die meisten halten sich jedoch versteckt. Vor kurzem wurden Filme in dieser Unterwelt gezeigt; Anlass war der 60. Jahrestag des Kriegsendes. 1945 hatte die Rote Armee die Anlage teilweise zerstört, nur drei Bereiche blieben komplett erhalten. In den 1980er Jahren entstand das Naturschutzreservat für die Fledermäuse. Pläne, die Anlage mit Atommüll zu füllen, scheiterten am Widerstand der Anwohner. Auch die Idee von einem Lebensmittellager wurde verworfen.

"Die Anlage sollte erhalten bleiben, wie sie war", meint der 29- jährige Fremdenführer. Im Innern künden Graffiti von der Sehnsucht Liebender und davon, wann wer in den Katakomben war. In den 1980er Jahren feierten junge Polen wilde Partys unter Tage. Porträts und Aktzeichnungen an vielen Wänden erinnern an die ausgelassene Zeit.

Steffi Prutean/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel