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Geologie: Zeitzeugen aus dem Bernstein-Sarg

Fossile Insekten sind in Bernstein-Einschlüssen so gut erhalten, dass man sie als "Beweisfotos" der Vergangenheit deuten kann. Nun basteln Biologen und Geologen am Puzzle des Ökosystems vor 40 Millionen Jahren.

50 Millionen Jahre sind sie alt, und noch keines ihrer Haare ist gekrümmt. Fossile Insekten sind im Baltischen Bernstein so gut erhalten, dass ihre Beinhärchen noch immer einen feinen, abstehenden Saum bilden. Für Biologen sind diese Einschlüsse wie Beweisfotos vom zeitgleichen Vorkommen früherer Arten. Gemeinsam mit Paläontologen und Geologen setzen sie das Puzzle der uralten Momentaufnahmen zusammen und rekonstruieren ein 40 bis 50 Millionen Jahre altes Ökosystem - den baltischen Bernsteinwald.

Bernstein als Lagerstätte

"Bernstein ist die größte Lagerstätte für fossile Insekten", schwärmt Wolfgang Weitschat, der Leiter des Geologisch- Paläontologischen Museums der Universität Hamburg. Dort lagert eine der bedeutendsten Bernsteinsammlungen der Welt mit mehr als 10.000 Stücken. Die Faszination des Bernsteinwalds haben Weitschat und sein Kölner Kollege Wilfried Wichard jetzt in einem Bildband festgehalten ("Im Bernsteinwald", Gerstenberg Verlag, 35 Euro).

Vor 40 bis 50 Millionen Jahren im Erdzeitalter des Eozäns habe der harzende Wald im Süden des heutigen Skandinavien und der Ostsee die begehrten Steine produziert, erläutert Weitschat. Sehr dünnflüssiges Harz müsse es gewesen sein, das in einer schnellen Welle aus Kiefern austrat und noch lebende Tiere einschloss.

Sehr dünnflüssiges Harz

Wie dünnflüssig das Harz war, zeige sich unter anderem bei einigen eingeschlossenen Köcherfliegen an ihren blau-grün leuchtenden Augen. Die Augen seien aus unzähligen Facetten - unter dem Mikroskop kleine hügelähnliche Noppen - zusammengesetzt. Über diese Facetten legte sich der Harzfilm wie die durchsichtige Glasur auf einer dicht belegten Erdbeertorte. Dabei seien an den Berührungsstellen zwischen den Hügeln kleine Luftkammern übrig geblieben. Wenn sich Seitenlicht an dieser eingeschlossener Luft breche und im Bernstein reflektiert wird, dann sehen wir die grüne oder blaue Farbe, erläutert Weitschat.

90 Prozent aller Bernstein-Einschlüsse sind Insekten, fast 10 Prozent seien Spinnentiere. Nur sehr selten finden sich Wirbeltiere. Eine Sensation war daher der vor ein einhalb Jahren im Baltischen Bernstein entdeckte Gecko. Dieses Tier sei der weltweit älteste bekannte Gecko und stelle die Basis im Stammbaum der Geckoartigen dar, berichtet Weitschat.

Meist nur kleine Tiere eingeschlossen

Viel häufiger seien kleine Tiere oder solche mit großen Flügeln in der zähen Flüssigkeit gefangen. Auf ihre letzten Bewegungen deuten noch heute Schlieren im Bernstein. Aus dem noch flexiblen Harz ragende Körperteile von größeren Insekten waren für Ameisen ein gefundenes Fressen. Wenn sich das Harz jedoch in mehreren Schüben ergoss, konservierte es dieses Fress-Szenario manchmal für die Ewigkeit. Ein eindrucksvolles Stück zeigt eine Ameise, die vor 50 Millionen Jahren an einem Fliegenauge knabberte.

"Jedes Fossil ist tot, hier lebt alles", schwärmt der Geologe von seiner Arbeit. Besonders interessant seien Bernsteine, in denen mehrere Tiere zusammen eingeschlossen sind. "Grabgemeinschaften" nennt sie Wichard, Zoologe vom Institut für Biologie und ihre Didaktik der Universität Köln.

Rückschlüsse auf Landschaftsformen

"30 Prozent aller Inklusen sind Wassertiere", sagt er. Wichard erkennt die Verwandtschaft der Insekten im Baltischen Bernstein mit heute lebenden Arten an Details im Geschlechtsapparat. Anhand winziger Indizien schließt er von der Gegenwart auf die Millionen Jahre zurückliegende Ära. "Bestimmte Köcherfliegen kommen heute auf der ganzen Welt nur in Fließgewässern vor", beschreibt der Zoologe. Ihre Verwandten aus dem Baltischen Bernstein haben im Eozän also mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Flüssen oder Bächen gelebt. Wo Wasser fließt, müssen Berge sein, kombinieren die Forscher. So setzen sie das Puzzle zusammen. Heute gelte als gesichert, dass der Bernsteinwald bergig und von vielen Flüssen und Seen durchzogen war.

Susan Schädlich, dpa / DPA
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