HOME

Geophysiker zur Erdbebenserie: Warum es in Italien immer wieder bebt

Italien wird momentan von heftigen Erdstößen heimgesucht. Ein Geophysiker erklärt, warum der Boden in dem beliebten Reiseland immer wieder wackelt und was Urlauber bedenken sollten.

Von Lea Wolz

Herr Lühr, viele Menschen schätzen Italien als Urlaubsland. Im Moment macht es eher durch die häufigen Erdbeben Schlagzeilen. Ist die Region als Erdbebengebiet bekannt?
Ja. Italien ist eine bekannte Erdbebenregion, wie der gesamte mediterrane Raum. Wenn man sich die Erdbebenkarten der letzten 10 bis 20 Jahre ansieht, sind von der Spitze bis zum Schaft des Stiefels nur wenige Gebiete zu finden, wo die Erde nicht erschüttert wurde. Auf Erdbebengefahrenkarten ist das Land größtenteils rot gezeichnet.

Was ist die Ursache der Beben?
Der ganze Untergrund in Italien steht unter enormen tektonischen Spannungen. Hauptursache ist die Afrikanische Platte, die dort mit der Eurasischen Platte kollidiert - und sich im Norden unter die Alpen und im Osten unter den Balkan schiebt. So bauen sich Spannungen auf, die das Gestein irgendwann nicht mehr halten kann. In Italien ist die Erde äußerst aktiv, es ereignen sich ständig Beben, doch diese sind meist so klein, dass man sie kaum spürt. Alle paar Jahre kommt es - wie jetzt - zu schweren Beben.

Die norditalienische Region Emilia Romagna wird seit dem 20. Mai immer wieder von Erdbeben erschüttert. Warum bebt die Erde dort momentan so häufig?
Dass in dieser Region die Erde bebt, ist nicht außergewöhnlich. Wurde der Boden erschüttert, gibt es viele Nachbeben und die Bebentätigkeit kann noch Wochen oder Monate anhalten. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass kurze Zeit nach einem Beben Nachbarsegmente brechen. Das können wir immer wieder beobachten. Allerdings ist es nicht möglich, Erdbeben vorherzusagen. Genauso wenig können wir sagen, ob die Aktivität noch weitergeht oder aufhört. Nachbeben können auch noch in einem Abstand von Monaten oder gar Jahren stattfinden und erfahrungsgemäß eine Stärke bis zu einer Magnitudenstufe kleiner als das Hauptbeben erreichen. Im aktuellen Fall hatte das Hauptbeben eine Stärke von 6,0, daher können durchaus Nachbeben der Stärke um die 5 auftreten.

Sind die Beben von heute denn Nachbeben oder neue Beben?
Das ist noch nicht klar erkennbar. Momentan sieht es so aus, als sei ein Nachbarsegment gebrochen - und zwar am westlichen Rand der bereits bestehenden Bruchfläche. Das würde dafür sprechen, dass es sich nicht um ein Nachbeben handelt.

Ist die aktuelle Häufung an Beben außergewöhnlich?
Nein. Wenn es einmal bebt, heißt es nicht, dass sich auf einen Schlag alle Spannungen entladen haben. Das kann Wochen so weitergehen. Tröstlich ist allerdings: Mit der Zeit nimmt die Wahrscheinlichkeit ab, dass Nachbarsegmente brechen oder stärkere Nachbeben auftreten.

Am Montagmorgen wurde auch der Süden Italiens erschüttert. Auch in Bulgarien bebte in den vergangenen Tagen die Erde. Hängen diese Beben denn zusammen?
Großräumig hängen alle diese Beben zusammen: Sie werden durch die Nordwärtsbewegung der afrikanischen Platte verursacht. Man muss daher im gesamten mediterranen Raum immer mit einem Beben rechnen. Es ist allerdings schwierig nachzuweisen, dass das Erdbeben in Bulgarien direkt mit den Beben in Italien zusammenhängt. Dazu sind die Bodenbewegungen in dieser Gegend zu komplex.

Wie gefährlich ist es momentan, nach Italien zu reisen? Sollte ich mir als Urlauber Gedanken machen?
Das momentane Erdbebengebiet, also die Region Emilia Romagna, würde ich meiden. Ansonsten sollten sich Urlauber einfach bewusst machen, dass Länder wie Italien, Griechenland, Spanien oder die Türkei Erdbebenrisikogebiete sind. Wer dort hinfährt, darf sich nicht wundern, dass die Erde auch einmal bebt.

Lea Wolz
Themen in diesem Artikel