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Großbritannien: Showdown der Nager

Grau versus Rot im Vereinigten Königreich: Graue Eichhörnchen aus Nordamerika verdrängen die einheimische rote Variante. Die Grauen sind robuster - und sie übertragen ein Virus, das den Roten den Garaus macht.

Das graue Eichhörnchen hat in Großbritannien keinen guten Ruf: Es stiehlt Eier aus Nestern, tötet kleine Vögel und schädigt Bäume. Und zu allem Überfluss macht der amerikanische Einwanderer seinem schwächeren, britischen Cousin, dem roten Eichhörnchen, das Leben schwer. Die kleinen Roten, die in Großbritannien vielerorts vom Aussterben bedroht sind, haben mit einem tödlichen Virus jetzt einen weiteren Feind. Der Überträger ist - natürlich - das Grauhörnchen. Showdown im Reich der Nager.

Exotischer Gefährte überträgt Virus

Das Grauhörnchen kam schon im 19. Jahrhundert aus Nordamerika nach England und wurde als exotischer Gefährte in den Gärten reicher Briten gehalten. Der graue Nager ist robuster und in der Nahrungssuche weniger wählerisch als sein roter Verwandter, so dass er den Überlebenskampf klar für sich entscheidet.

Das so genannte Pox-Virus schleppten die Tiere wahrscheinlich bereits vor über 100 Jahren nach England ein. Laut einer Studie der Universität Newcastle tragen inzwischen bereits 70 Prozent der grauen Tiere das Virus in sich. Besonders gemein: Das Grauhörnchen überträgt das Virus, erkrankt aber nicht. Infiziert sich dagegen ein rotes Eichhörnchen, stirbt es innerhalb von ein bis zwei Wochen.

Vergiften oder zum Abschuss freigeben

Da es keine Impfung gibt, sehen Forscher das Virus als größte Bedrohung der Roten im Kampf gegen die Grauen. In Gegenden mit dem Virus starben die roten Pelzträger bis zu 25 Mal schneller als in Regionen, die von dem Virus nicht befallen sind. 2016 könnten die roten Nager, die ohnehin fast nur noch in Schottland und im Norden Englands leben, deshalb im Vereinten Königreich komplett ausgestorben sein. "Entscheidend ist, dass wir das Virus unter Kontrolle bekommen", sagt Peter Lurz, Leiter der Studie.

Tierschützer haben bereits allerlei Vorschläge gemacht, um das rote Eichhörnchen, das seit 10.000 Jahren in Großbritannien lebt, zu retten: Um die Vermehrung der Grauhörnchen zu stoppen, sollten diese mit Verhütungspillen gefüttert oder gar vergiftet werden. Einige forderten auch, die grauen Nager zum Abschuss freizugeben. "Wenn wir so weitermachen und nichts unternehmen, nimmt die Natur ihren Lauf und die Roten werden ganz ausgerottet sein", sagte Mel Tomkin vom schottischen Naturschutzverband SNH. Inzwischen stehen nur noch rund 140.000 Rote sechs Millionen Grauen gegenüber.

Die Grauen werden siegen

Doch ob rot oder grau - manche Wissenschaftler halten nichts von übertriebenem Tierschutz. Es sei Verschwendung, so viel Geld dafür auszugeben, sagte Stephen Harris, Professor an der Universität Bristol. Die Tierfreunde müssten akzeptieren, dass die Grauen den Kampf wohl bald für sich entscheiden würden.

Die einheimischen Nager sind den Briten aber so sehr ans Herz gewachsen, dass neben seriösen Plänen auch immer wieder kuriose Ideen aufkommen. Man könne das Fleisch der Grauhörnchen doch in Schulmensen anbieten und auf diese Weise die Population kontrollieren, hatte Lord Inglewood, Abgeordneter der Konservativen, einmal vorgeschlagen. Umgesetzt wurde dieser Plan zwar nicht. Doch die Briten haben genug von den lästigen Einwanderern.

Kathrin Klette/DPA / DPA