Hessen Streit um Bibel im Biologie-Unterricht


"Erstaunliche Übereinstimmungen" zwischen Evolutionslehre und biblischer Schöpfungsgeschichte will Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) festgestellt haben. Nun steht sie im Kreuzfeuer der Kritik.

Mit ein paar Bemerkungen über Glaubensfragen und Biologieunterricht hat Hessens Kultusministerin Naturwissenschaftler auf die Barrikaden getrieben: "Die Schöpfungslehre eignet sich nicht zur Beschreibung der Evolution", erklärte die Deutsche Forschungsgemeinschaft und gab ihre "Sorge" über die Äußerungen der Ministerin zu Protokoll. "Biblische Dogmen und Mythen sollten im naturwissenschaftlichen Unterricht keinen Raum haben", hieß es beim Verband deutscher Biologen. Christliche Schöpfungslehre sei keine Wissenschaft, urteilte Chemie-Nobelpreisträger Hartmut Michel.

Ministerium rudert zurück

Die frühere Lehrerin für evangelische Religion hatte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von "erstaunlichen Übereinstimmungen" zwischen den Fakten der Evolutionslehre und der symbolischen Darstellung der biblischen Schöpfungsgeschichte gesprochen. Der Biologie-Unterricht solle auch die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis behandeln und philosophisch-theologische Fragen aufwerfen.

Das Echo fiel so aus, dass sich das Ministerium schon am Montag zu einer Klarstellung veranlasst sah: Niemand wolle die biblische Schöpfungserzählung zum Inhalt des Faches Biologie machen. Es gehe darum, die naturwissenschaftliche Diskussion durch Auseinandersetzung mit philosophischen und religiösen Aussagen zu "ergänzen und zu erweitern" - wie es der hessische Gymnasial-Lehrplan ohnehin vorsieht.

Wolff stand schon letzten Herbst in der Kritik

Wolff konnte ihre Kritiker damit aber nicht besänftigen. Schließlich reagieren Naturforscher derzeit äußerst gereizt auf alles, was nach Vermengung von Wissenschaft und Glauben aussieht. Zu genau ist ihnen vor Augen, wie christlich-fundamentalistische Strömungen in den USA gegen die Erkenntnisse der Evolutionstheorie angehen und um Gleichbehandlung im Schulunterricht kämpfen. Auch in Deutschland gibt es Anhänger dieser "kreationistischen" Lehren, die im Extremfall die biblische Schöpfungsgeschichte wörtlich nehmen.

Im vergangenen Herbst hatte sich die Ministerin gegen den Vorwurf allzu großer Nachsicht gegenüber solchem Gedankengut wehren müssen. Anlass war ein Fernsehbeitrag über eine christliche Privatschule in Gießen. Wolff grenzte sich damals ausdrücklich vom Kreationismus ab. Sie erklärte es aber auch für zulässig, die Evolutionstheorie im Unterricht in Frage zu stellen. Sie nannte es sinnvoll, fächerübergreifende Fragen - etwa zwischen Bibel und Biologie - zu erörtern und dabei nach Gegensätzen und Übereinstimmungen zu suchen.

Wolff gibt keine Interviews mehr

In der hessischen CDU-Landtagsfraktion ist man nicht glücklich, dass die Ministerin die seitdem abgeebbte Diskussion nun wieder neu entfacht hat. Zwar gibt man ihr grundsätzlich Recht, doch man glaubt, das Thema sei ohne Missverständnisse kaum zu vermitteln.

Ohnehin läuft es in der Schulpolitik nicht so günstig für die Regierungspartei. Mit einer Kombination aus ehrgeizigem Reformtempo und Kommunikationspannen hat Wolff beträchtliche Unruhe ausgelöst. Sieben Monate vor der Landtagswahl ist das einstige Gewinnerthema zur Angriffsfläche geworden.

So will die Landesregierung die Kontroverse um Religion und Evolution möglichst schnell wieder beenden. Wolff gibt dazu keine Interviews mehr, auch ihr für die Wissenschaft zuständiger Kabinettskollege Udo Corts (CDU) lehnt eine Stellungnahme ab. Doch die Opposition spielt dabei nicht mit: Für Donnerstag beantragten die Grünen eine Landtagsdebatte über die Äußerungen der Ministerin.

Wolfgang Harms/DPA DPA

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