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Lust auf Land und Garten: Da blüht uns was!

Im Alltag fühlt sich der Mensch oft aufgewühlt und zerrieben. Ein uraltes Rezept dagegen ist wieder im Trend: buddeln, säen, pflanzen und ernten. Die Lust auf Land und Garten bedeutet Mühe, bringt aber auch Glücksgefühle.

Von Peter Sandmeyer

Vor zwei Jahren ist der Zustand der Menschheit gekippt. Zum ersten Mal lebten 2007 weltweit mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Viele in Megacitys, in den aufeinandergestapelten Kuben riesiger Stadtzentren. Vor 150 Jahren traf ein durchschnittlicher Erdenbürger im Lauf seines gesamten Lebens zwei- bis dreihundert Menschen. Heute lebt er meist in engster Nachbarschaft mit Millionen.

Aber 200.000 Jahre Menschheitsgeschichte haben tiefe Spuren hinterlassen. Auch wer seinen Alltag zwischen Hochhaus, Tiefgarage, Supermarkt und Schnellimbiss verbringt, ist noch geprägt von den Traumbildern seiner Herkunft. Die Augen sehnen sich nach dem freien Blick über Wiesen und Felder, die Nase nach Blütenduft und dem Geruch von frischem Gras, die Ohren nach dem Flüstern des Windes und dem Zirpen der Grillen.

Und die Seele verlangt nach ländlichem Frieden und der Freiheit von allen Abhängigkeiten des Daseins in Steinen und Staus. Der realen Landflucht entspricht die innere Stadtflucht.

Sehnsucht nach Natur

Dem langsamen Sinken der Sonne zuschauen und dann fürs Abendessen ein paar Kartoffeln ausbuddeln, die passenden Möhren aus der Erde ziehen, für die Vorspeise drei schöne reife Tomaten vom Stock schneiden, den Thymian dazu direkt aus dem Kräuterbeet pflücken und den Tisch mit ein paar frischen Blumen vom eigenen Beet schmücken - das wär's. Aber wer kann schon so leben? Nur wenigen gelingt es, die Lust am Land mit den Zwängen von Job, Arbeitswegen, Spritkosten und Kinderbeschulung unter einen Hut zu bringen. Für die meisten bleibt es beim Sonntagsausflug. Und bei der Sehnsucht nach Natur, die nicht nur zum Anschauen, sondern auch zum Anfassen ist.

Besonders dann, wenn sie Kinder haben. Wer je Zeuge war, mit welcher Hingabe ein Kind den ersten selbst gefangenen Regenwurm betastet und mit welcher Verzückung es die ersten grünen Stängel betrachtet, die aus dem von ihm in die Erde versenkten Samen sprießen, wird alles daran setzen, dieser Sehnsucht eine Heimat zu verschaffen: ein Stück selbstbestimmte Natur, ein kleines Quantum Landschaft - einen Garten!

"Ein Garten kann Sehnsüchte erfüllen", sagt Thomas Wagner, 40, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde, kein Mann mit Strohhut und grüner Schürze, sondern mit gestutztem Kinnbart, Baseballkappe und weißen Turnschuhen. Ein Mann, der den Zug der Zeit erkennt.

Wieder eins werden mit der Natur und mit sich selbst: Immer mehr Menschen haben diese Sehnsucht und suchen ihre Erfüllung im eigenen eingezäunten Stück Grün. Und da machen sie wunderbare Erfahrungen. Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Gärten in Deutschland, Zuwachsprognose für die nächsten Jahre: zwei Millionen. So wie die Deutschen vor mehr als 20 Jahren ihre Küchen als Orte schöpferischer Gestaltung und kulinarischer Lebensfreude neu entdeckten, so stoßen sie heute auf den Garten als Anti- Stress-Hilfe und Kreativatelier.

Laubenpieper gelten heute als coole Trendsetter

Gartenmärkte boomen, Gartenbücher sind Bestseller, Gartenreisen ausgebucht, die Kleingartenkolonien der Großstädte werden von jungen Paaren und Familien gestürmt. Früher wurden sie abschätzig Laubenpieper genannt, heute gelten sie als coole Trendsetter. Die uralte Freude am Pflanzen und Ernten ist überall zu neuer Lust entflammt. Selbst First Lady Michelle Obama findet es sexy, zu Hacke und Harke zu greifen und im Garten des Weißen Hauses Spinat, Brokkoli und anderen Kohl anzubauen.

"Jeder Mensch braucht einen Garten", lautet der erste Satz des "Garten- Manifests" von Sabine Reber, einer 39- jährigen Autorin aus der Schweiz, die mit ihrem im Februar erschienenen Buch "Endlich gärtnern!" besonders den Jüngeren Appetit machen will, zu Spaten und Rosenschere zu greifen: "Jeder Mensch braucht etwas Boden unter den Füßen, eine Handvoll Erde, um ein Pflänzchen wachsen zu lassen, und einen Baum, an den er sich lehnen kann."

Der Schriftsteller und leidenschaftliche Gärtner Jürgen Dahl schrieb: "Es gibt wirklich Menschen, die von sich behaupten, sie brauchten keinen Garten. Aber wahrscheinlich sind gerade sie es, die ihn am ehesten nötig hätten: um zu staunen, um zu lernen, um müßigzugehen, um sich eigenen Salat zu erschaffen - und um zu erfahren, dass sie ihn gar nicht erschaffen, sondern damit beschenkt werden."

Kreativer Ausgleich zum Beruf

Inge Renken erfuhr dieses Geschenk vor 17 Jahren. Damals war sie 49 und arbeitete bei einer Versicherung, Abteilung Vollstreckung. Kein Traumjob. Kompliziert und oft unangenehm. Sie lebte allein, der Sohn war aus dem Haus. Ihre Kollegen suchten den Ausgleich zum Beruf vor dem Fernseher, im Fitnessklub, in der Sauna, manche auch bei Yogaübungen. Aber Entspannung war Inge Renken zu wenig. Sie wollte etwas Kreatives tun, etwas gestalten. "Es geht so vielen Menschen wie mir - man arbeitet, ohne zu sehen, was man gemacht hat."

Sie begann, sich dem brachliegenden Weideland hinter ihrem Haus zu widmen, norddeutsche Stoppelwiese, fruchtbar, aber unbearbeitet. Mit einem kleinen Stück fing sie an. Grub um, säte, pflanzte. Stauden, Rosen, Hecke. Dann das nächste Stück. Und wieder eins. Ein kleiner Garten entstand. Langsam wurde er größer. Sie fasste Mut, probierte es mit seltenen Rosenarten, besonderen Gräsern, legte Kräuterbeete an, schuf Teiche. Und sie wurde belohnt. Mit jeder Erweiterung ihres Gartens mehr. "Wenn man etwas pflanzt, sieht man es wachsen. Man hört die Stimmen der Natur, wenn sich plötzlich Vögel und Käfer niederlassen, Frösche, Kröten, Libellen. Diese Stimmen beruhigen."

Inge Renken erlebte, was Gott am dritten Tag der Schöpfung empfunden haben muss. "Die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt ein jedes nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war." Heute ist Inge Renkens Garten 3000 Quadratmeter groß, beherbergt Tausende von Pflanzen, und sie sieht, dass es gut ist: "Mein Garten soll eine Einheit mit der Natur sein. Und ich freue mich, wenn andere Leute sagen, dass ich eine Einheit mit meinem Garten bin."

Befriedigung durch Bespaßung ist vorbei

Raus aus dem ICE, runter vom Gas, den Laptop zuklappen, den Spaten in die Hand nehmen, den Boden aufwerfen und seinen Geruch einsaugen, ganz tief; dann eine Pflanze einbetten, sagen wir: einen Rhododendron, der im Mai seine Blüten öffnen und ganze Geschwader von Hummeln anlocken wird; seinen Wurzelballen tief versenken, die Erde fest andrücken und dann gut angießen - immer mehr empfinden so etwas als eigene Erdung. Und als Balsam für ihre Seele, wenn sie nicht das Signal der nächsten E-Mail zum Aufblicken bringt, sondern der Gesang einer Amsel; wenn sie den unablässigen Hochgeschwindigkeitsfluss der Nachrichten und Ablenkungen einfach abschalten und sich für eine Weile nur auf die wunderbare Welt der Kamelie konzentrieren.

Die Zeiten ständigen Erlebniskonsums und der Befriedigung durch Bespaßung sind vorbei, glauben die Trendforscher. Sie sehen uns auf dem Weg zu einer "Sinngesellschaft". Wo sonst könnte der Mensch Sinn ursprünglicher und unmittelbarer erfahren als dort, wo er die elementaren Erlebnisse des Pflanzens, Blühens und Erntens hat?

Nicht einfach Gartenanlage biete er, sagt auch Fred Fuchs, 48, Mitbegründer der "Gärtner von Eden", eines anspruchsvollen Verbunds deutscher Elitepflanzer, sondern "Orientierung und Sinn". Er sagt damit nichts anderes als sein gärtnerischer Ahnherr Karl Foerster, der den Garten einen "Zauberschlüssel" zum versperrten Garten Eden nannte, dem verlorenen Paradies der Bibel. Die Welt da draußen ist in der Krise, Hektik herrscht dort und Hetze, Chaos und kapitalistische Anarchie; hier drinnen aber, hinterm Gartenzaun, lässt sich eine Welt noch sinnvoll ordnen, harmonisch gestalten und jeden Tag neu als Schöpfung erleben.

Gärtner als Guerilla der Cyberwelt

Flucht? Aber klar! Flucht aus Leistungshetze und Turbogesellschaft! Gärtner sind die Guerilla der Cyberwelt. "Eine andere Welt ist pflanzbar!", lautet die Devise der "Rosa Rose", einer grünen Partisanentruppe in Berlin, die Brachflächen zwischen tristen Wohnsilos in Gartenland verwandelt.

Jeder Gärtner träumt von Harmonie mit der Natur, aber er erlebt sie nicht immer. "Je mehr ich plane, desto härter trifft mich die Wirklichkeit", hat der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt einmal gesagt. Nirgendwo trifft das so zu wie im Umgang mit Kraut und Unkraut.

Ein Garten verlangt beides, Mut und Demut. Mut zum großen Entwurf und Demut, weil nichts aus ihm wird. Jedenfalls nicht das, was auf dem Planungspapier stand. Ein Garten entwickelt seine eigene Dynamik, er ist nicht bis ins Letzte berechenbar, er funktioniert nicht, er ereignet sich. Die Natur fordert, oft gegen alle Absichten des Gärtners, ihre Mitentscheidung, und sehr oft ist sie gnadenlos.

Raupen, Schnecken, Fröste, Wühlmäuse, herangewehter Samen, stures Unkraut, zu wenig Sonne, zu viel Regen machen immer wieder einen Strich durch die Rechnung der kunstvoll geplanten Rabatten. Wahrscheinlich war es diese Erfahrung, die den englischen Kriminalschriftsteller Beverley Nichols zu der Bemerkung veranlasste: "Manche verlieben sich in Frauen, andere verlieben sich in die Kunst, wieder andere in den Tod. Ich verliebe mich in Gärten, was ungefähr dasselbe ist, als verliebe man sich in alle drei zugleich."

Zeit ist für den Gärtner etwas Erlebbares

Andererseits wird dem Gärtner gerade durch diesen leisen Fatalismus, der sein Dasein begleitet, eine besondere Beziehung zum Leben geschenkt. Sein Garten bildet es ab, in seiner Schönheit, aber auch inklusive aller Schattenseiten und Schädlinge. Der Gärtner ist Zeuge ständigen Wandels, unaufhörlichen Keimens, Wachsens, Verdrängens, Verkümmerns und Vergehens. Entweder er verzweifelt daran, oder er lernt Gelassenheit.

Für den geduldigen Gärtner fließt die Zeit durch seinen Garten wie ein ruhiger Strom, er sitzt am Ufer und beobachtet die wechselnden Wellen, die Wasservögel und das Treibgut darauf. "Entschleunigung", das strapazierte Schlagwort, wird zur gefühlten Realität.

Zeit ist für den Gärtner etwas Erlebbares, ja Sichtbares. Und er lernt: Indem er Zeit scheinbar verschwendet, wird er tatsächlich mit ihr beschenkt. Beschenkt wird er auch mit einer Veränderung und Erweiterung seiner Wahrnehmungsperspektive. Nicht Blumen und Bäume, Vögel und Falter sind seine Gäste, er ist der Gast in einem Universum, das der Mikrokosmos seines Gartenuniversums nur abbildet und begreifen lässt. In seiner Schönheit wie seiner Unerbittlichkeit.

Der Garten als Abenteuer

"Garten heißt nicht nur Frühjahrsblühen und Sommerpracht", schreibt Jürgen Dahl, "sondern heißt vor allem: die tägliche Ankunft des Unvermuteten." Das aber macht auch jeden Morgenspaziergang durch den eigenen Garten zu einem Abenteuer voll atemloser Spannung. Ist die Saat des Enzians, den ein Freund geschenkt hat, endlich gekeimt? Hat er überhaupt eine Überlebenschance hier im norddeutschen Flachland? Sind die Radieschen schon groß genug, um sie zu essen? Wird die Osterluzei sich heute vielleicht daranmachen, mit ihren gewaltigen herzförmigen Blättern die hässliche Fassade, vor der wir sie gepflanzt haben, gnädig zu verdecken? Haben die Bierfallen am Kräuterbeet gewirkt, oder ist auch die allerletzte Petersilie in der Nacht von den Schnecken gefressen worden? Und diese neue, wunderschöne Blüte, die sich da gerade öffnet - zu welcher Pflanze gehört sie eigentlich?

Selbst im derzeit hippen "Zen-Garten", der nur aus reduziertem Immergrün und rundgeschliffenen Steinen besteht, wird dessen Gärtner bei seiner Morgenvisite ein Spinnennetz voll Tau oder einen Käfer, der sich sonnt, entdecken und sie faszinierender finden als die letzte Kursentwicklung der Deutschen Bank. "Garten", sagt die Berliner Gartengestalterin Gabriella Pape, "ist ein Erkenntnisprozess." Dass der auch zur Selbsterkenntnis des Gärtners führt, hat der freundliche Poet Joachim Ringelnatz in einem Fünfzeiler formuliert: "Kinder weinen. Narren warten. Dumme wissen. Kleine meinen. Weise gehen in den Garten."

Mitarbeit: Andrea Ritter und Hannes Ross/GesundLeben

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