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Natur & Welt Steinzeit-Siedlung in der Ostsee


Durch Zufall stieß ein Taucher auf dem Grund der Ostsee auf ein 6000 Jahre altes Rothirschgeweih. Seitdem halten weitere Funde die Archäologen in Atem.

Archäologie mal anders: Im Taucheranzug und bewaffnet mit kleinen Saugern wühlen sich Forscher in vier Metern Tiefe durch den Meeresboden der Ostssee. Waffen, Werkzeuge, pflanzliche Textilreste und Tierknochen haben die Wissenschaftler vom Archäologischen Landesamt Schleswig und der Universität Kiel bei der Unterwassergrabung frei gelegt. Die Funde sind zahlreich. "Die Überreste sind so gut erhalten, weil sie nicht mit Sauerstoff in Berührung gekommen sind", erklärt Grabungsleiter Sönke Hartz.

Im Oktober 1999 entdeckte ein Tauchlehrer bei einem Tauchgang mit seinen Schülern ein Rothirschgeweih auf dem Grund des Neustädter Hafens. Eine Analyse ergab, dass das Geweih aus der Steinzeit stammt. Seit drei Jahren gräbt nun das 15-köpfige Team von Hartz an der Stelle. "Graben ist allerdings der falsche Begriff", sagt der Forscher. "Unter Wasser kann man nicht mit Schaufel und Kelle arbeiten". Pumpen saugen den Meeresboden ab. Wenn sie auf Fundstücke stoßen, benutzen die Archäologen kleine Handsauger um diese freizulegen.

Weit fortgeschrittene Kultur

Vor 6000 Jahren siedelten Menschen an der Ostseeküste. Seitdem ist der Meeresspiegel um vier Meter gestiegen. Deswegen gibt es laut Hartz überall in der Ostsee solche Steinzeit-Siedlungen. Jedoch sind nur wenige so gut erhalten. Nach einem Fundort in Dänemark bezeichnen Archäologen diese als "Ertebølle"-Kultur. "Aus steinzeitlicher Sicht betrachtet ist diese Kultur sehr weit fortgeschritten und vor allem stark auf das Meer spezialisiert", erläutert Hartz.

Die Ausgrabungen belegen, dass die Menschen damals von Jagd und Fischfang lebten. Die Taucher fanden im Meeresboden Knochenreste von Wildschweinen, Rehen, Rothirschen, Fischen und Vögeln. Mit Reusen fingen die Küstenbewohner Meerestiere und mit Harpunen jagten sie Robben. Die Spitzen der Harpunen fertigten sie aus den Geweihspitzen der Hirsche.

Tauschhandel mit Bewohnern des Inlandes

Außerdem entdeckten die Archäologen zwei Äxte aus Amphibolit, einem schwarzgrün glänzendem Gestein. Der Stein kommt jedoch nur an der Mittelelbe und der Donau vor. Der Fund weist nach Meinung von Hartz daraufhin, dass die Siedler Handel betrieben. Wahrscheinlich fuhren sie mit ihren Booten die Elbe aufwärts und tauschten das begehrte Gestein. Die Äxte dienten vermutlich nicht als Werkzeug, sondern als Prestigeobjekte. "Dass wir hier gleich zwei dieser seltenen Geräte fanden, lässt auf eine wichtige Siedlung schließen", meint er.

Bisher haben die Archäologen noch keine Gebäude gefunden. Hartz ist sich aber sicher, dass diese nicht aus Stein bestehen würden. "Funde in Dänemark haben gezeigt, dass zu der Zeit die Häuser aus Holz waren", sagt er. Wie groß die Siedlung im Neustädter Becken war, können die Forscher noch nicht sagen. Wegen der Finanzlage können sie höchstens einen Monat im Jahr an der Ausgrabungsstätte arbeiten. Insgesamt sind erst 40 Quadratmeter frei gelegt.

Irena Güttel

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