Neandertaler-Skelett "Es sieht nach Bestattung aus"


Wissenschaftler haben das weltbekannte Skelett des Neandertalers weiter vervollständigt. Dem 1856 entdeckten Menschenfossil wurden mindestens vier unlängst gefundene Knochenbruchstücke zugeordnet.

Zwei Tage lang hat sich das deutsch-amerikanische Wissenschaftlerteam über das weltweit bekannte Neandertaler-Skelett aus dem Bonner Landesmuseum gebeugt, durch Lupen und Mikroskope gesehen und in Ausgrabungsberichten geblättert. Dann stand es fest: Die knapp 70 am wiederentdeckten Fundplatz des "historischen" Neandertalers bei Mettmann neu ausgegrabenen Knochen lassen sich zusehends klarer dem "Namenspatron" und einem zweiten, grazileren Urmenschen zuordnen. In Plastiktütchen stapeln sich die neuen uralten Knochensplitter aller Größen, einige bräunliche Zähne und Steinwerkzeuge auf dem provisorischen Bonner Arbeitstisch des Tübinger Urgeschichtlers Ralf W. Schmitz und seiner beiden Kollegen Fred und Maria Smith aus Chicago.

Fürsorgliche Neandertaler

Die vielen kleineren Knochen von Fingern, Füßen und Wirbeln, die gleichmäßige Verteilung der Fragmente über den ganzen Körper, die beim Bonner Neandertaler-Puzzle gelungen ist, lassen die Wissenschaftler berechtigt spekulieren. "Es sieht so aus, als ob der Neandertaler in der Höhle bestattet worden wäre", meint Ralf W. Schmitz, der mit seinem Kollegen Jürgen Thissen den Fundplatz von 1856 vor sieben Jahren wieder entdeckt hat. Obwohl bereits mindestens 20 Neandertaler-Begräbnisse zwischen Frankreich und Nahost bekannt sind, wäre dies "das erste Grab dieses Urmenschen in Mitteleuropa", freut sich Schmitz vorsichtig. Bestätigt würde damit die These eines funktionierenden familiären Umfeldes für den Neandertaler. Schon zu Lebzeiten hat auch der Neander-"Namenspatron" Fürsorge gebraucht, denn sonst hätte er einen schweren Armbruch nicht überlebt, der am linken Ellbogen deutlich sichtbar ist.

65 Bruchstücke sind "über"

Mit vier neuen, passenden Bruchstücken vom Hinterkopf, Gesicht, Becken und Knie ist das Bonner Museums-Skelett nun so komplett wie nie zuvor. Dass die beim Bonner Puzzle "überzähligen" 65 Bruchstücke sich jemals wenigstens teilweise einer zierlicheren Partnerin des stämmigen Fundstücks von 1856 zuordnen lassen, "wird seriös niemals möglich sein", konstatiert der Tübinger Forscher. Gleichwohl wird das auf ein Alter von 42.000 Jahren neu datierte Bonner Skelett im Sommer 2006 im Mittelpunkt stehen: Zum 150-jährigen Jubiläum der hoch bedeutenden Entdeckung im Neandertal geben sich die "Stars" der Urmenschen-Fossilien aus Europa, Süd- und Ostafrika sowie Asien ein Stelldichein am Rhein.

Gerd Korinthenberg/DPA DPA

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