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Zum Nutzen der Umwelt Und die Hinterbliebenen bekommen die Erde: Kalifornien legalisiert das Kompostieren von Menschen

Micah Truman, Bestatter aus Auburn, mit einem Behälter zur Humankompostierung. Bald ist das Verfahren auch in Kalifornien legal.
Micah Truman, Bestatter aus Auburn im USBundesstaat Washington, mit einem Behälter zur Kompostierung menschlicher Leichen. Ab 2017 ist dieses Verfahren auch in Kalifornien erlaubt.
© Jason Redmond / AFP
"Erde zu Erde" sagen christliche Geistliche bei Bestattungen. Im US-Bundesstaat Kalifornien gibt es für die Erfüllung dieser liturgischen Formel bald einen besonderen Service: menschliche Kompostierung.

Im US-Bundesstaat Kalifornien wird es künftig eine neue Möglichkeit der Bestattung geben: die Kompostierung von Menschen. Gouverneur Gavin Newsom hat am Sonntag ein Gesetz unterzeichnet, das ein staatliches Regulierungsverfahren für die "natürliche organische Reduktion" oder die Umwandlung menschlicher Überreste in Erde vorsieht, wie US-Medien berichten. Das Gesetz soll im Jahr 2027 in Kraft treten.

"Es ist völlig natürlich", zitiert der US-Sender WSMV Carolyn Maezes, Mitbegründerin des Bestattungsunternehmens Earth Funeral. "Die Mikroben in unserem Körper machen sich an die Arbeit. Sie beginnen damit, unseren Körper auf molekularer Ebene abzubauen. Diese Mikroben und die zusätzlichen natürlichen Beigaben, die Holzspäne, die Wildblumen und der Mulch, erzeugen zusammen im Wesentlichen Kompost."

Kompostieren von Menschen gilt als umweltschonender

Earth Funeral bietet diese Methode der Leichenentsorgung bereits seit März im Bundesstaat Washington an. Auch in Oregon, Colorado und Vermont ist die Kompostierung von Menschen erlaubt. Befürworter halten das Verfahren für umweltfreundlicher als Sargbestattungen und Einäscherungen. "Angesichts des Klimawandels und des Anstiegs des Meeresspiegels als sehr reale Bedrohung für unsere Umwelt ist dies eine alternative Methode der Endlagerung, die nicht zu Emissionen in die Atmosphäre führt", begründete die Abgeordnete Cristina Garcia, die den Gesetzentwurf verfasst hatte, die Neuregelung.

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Und in der Tat ist die Humankompostierung deutlich umweltschonender als herkömmliche Bestattungsverfahren. Zum Vergleich: Bei der Herstellung und dem Transport eines Standardsarges und eines Grabsteins werden Treibhausgasmengen freigesetzt wie bei einer 4000 Kilometer langen Autofahrt, so eine Untersuchung der Bestattungsdienste der Stadt Paris aus dem Jahr 2017. Und für Einäscherungen würden pro Leiche 135 Liter Brennstoff benötigt und etwa 245 Kilogramm CO2 in die Atmosphäre gepumpt, erklärte Micah Truman, Chef des Bestattungsunternehmens Return Home in Auburn, Washington, der Nachrichtenagentur AFP. "Wir haben ein System entwickelt, das etwa 90 Prozent sauberer ist als das."

Nach AFP-Angaben wurden im Jahr 2020 1,8 Millionen Amerikaner eingeäschert und bei jeder Zeremonie so viel Treibhausgase freigesetzt, wie es ein durchschnittliches Familienauto macht, wenn es zwei Tankfüllungen leerfährt. Damit überstiegen die jährlichen CO2-Emissionen durch Feuerbestattungen allein in den USA 360.000 Tonnen.

Der Prozess der Humankompostierung kann je nach Bestattungsunternehmen leicht variieren, aber "in der Regel wird  die Leiche einer Person nach dem Tod in ein isoliertes Gefäß gelegt, das mit organischem Material gefüllt ist, um den Zersetzungsprozess zu unterstützen", schreibt die Zeitung "USA Today". The Natural Funeral verwendet dafür eine rund 2,15 Meter lange isolierte Holzkiste mit Holzspänen und Stroh. An beiden Enden sind zwei große runde Holzscheiben angebracht, sodass die Kiste über den Boden gerollt werden kann und die für die Kompostierung einer Leiche erforderliche Sauerstoffzufuhr, Bewegung und Absorption gewährleistet sind. Das Gefäß müsse mindestens 72 Stunden lang ununterbrochen eine Temperatur von 55 Grad Celsius erreichen, um alle Bakterien und Krankheitserreger abzutöten. Die hohe Temperatur entstehe auf natürliche Weise bei der Zersetzung des Körpers in einer geschlossenen Box.

Nach etwa drei Monaten wird der Behälter geöffnet und medizinische Geräte und große Knochen werden aus der Erde herausgefiltert, wie "USA Today" weiter berichtet. Die verbleibenden Knochen würden pulverisiert und für weitere drei Monate zur Kompostierung in das Gefäß zurückgegeben. Die Zähne würden entfernt, um eine Verunreinigung des Komposts durch Quecksilber in Zahnfüllungen zu verhindern.

Katholische Kirche in Kalifornien kritisiert das Verfahren

Der gesamte menschliche Kompostierungsprozess dauert demnach in der Regel etwa ein halbes Jahr. Nachdem die Leiche vollständig kompostiert ist, können die Angehörigen wählen, ob sie die Erde mit nach Hause nehmen wollen oder ob sie vom Bestattungsunternehmen zum Beispiel an Farmen weitergegeben werden soll.

Die Familie könne damit machen, was sie wolle, sagte Return-Home-Chef Truman dem britischen "Guardian". Es gäbe Kunden, die hätten darin Bäume und Blumen gepflanzt oder die Erde ins Meer gestreut. Ein Landwirt habe vor seinem Tod darum gebeten, dass seine Überreste auf die Farm, die er sein Leben lang bewirtschaftet hat, zurückgebracht werden. "Es gibt keine Grenzen dafür, was man nach dem Tod mit der Erde machen kann."

Doch die Begeisterung von Umweltschützern und Beerdigungsunternehmern über die neue Bestattungsmöglichkeit in Kalifornien teilen nicht alle. Die Kalifornische Katholische Konferenz, die die katholische Kirche vertritt, sprach sich gegen den Gesetzentwurf aus und verurteilte ihn als eine unwürdige Art, mit dem menschlichen Körper umzugehen. Das Verfahren "reduziert den menschlichen Körper einfach auf eine Wegwerfware", kritisierte das Gremium. "Die Praxis, die Leichen respektvoll zu bestatten oder die Asche der Verstorbenen zu ehren, entspricht der praktisch universellen Norm der Ehrfurcht und Fürsorge gegenüber den Verstorbenen."

Tatsächlich ist die Praxis, einen Körper nach dem Tod an die Erde zurückzugeben, aber gar nicht so neu und in vielen Kulturen eine lange Tradition. So sollte ein Leichnam nach traditionellem jüdischem Recht so schnell wie möglich in die Erde zurückgebracht werden. Eine Einbalsamierung ist nicht erlaubt, und der Tote wird in einem Sarg beerdigt, der vollständig aus Holz besteht und in dessen Boden Löcher gebohrt sind, um den Verwesungsprozess zu beschleunigen. Und die buddhistischen Tibeter praktizieren "Himmelsbestattungen", bei denen ein menschlicher Leichnam auf einen Berggipfel gelegt wird, um zu verwesen oder von Tieren gefressen zu werden.

Quellen: WSMV"USA Today", AFP, "The Guardian"

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