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Nobelpreis für Physik: Mit dem Klebeband zum Wunderstoff Graphen

Für ihre Arbeiten zu dem modifizierten Kohlenstoff Graphen werden der Niederländer Andre Geim und der russisch-britische Forscher Konstantin Novoselov mit dem Nobelpreis für Physik geehrt. Der "Wunderstoff" Graphen, das dünnste Material überhaupt, ist das Ergebnis eines Spaßexperiments.

Der Nobelpreis für Physik geht in diesem Jahr an die Entdecker des "Wundermaterials" Graphen. Der Niederländer Andre Geim und der britisch-russische Physiker Konstantin Novoselov teilen sich die höchste Auszeichnung für Physiker. Das teilte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm mit. Graphen (gesprochen mit langem E) ist ähnlich aufgebaut wie eine Graphitmine im Bleistift - nur sehr viel dünner. Die höchste Auszeichnung für Physiker ist mit umgerechnet rund einer Million Euro (10 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

"Als der Anruf (vom Nobel-Komitee) kam, dachte ich nur: Oh Shit, wie aufregend", berichtete Geim nach der Zuerkennung. "Aber dann dachte ich mir, jetzt werde ich all die anderen schönen Preise nicht mehr bekommen." Andererseits sei der Nobelpreis, auf den er sehr stolz sei, gut für das Einkommen. "Mein Plan für heute ist, zur Arbeit zu gehen und ein paar Aufsätze fertig zu machen." Anders als andere Wissenschaftler werde er weiterforschen.

Nur eine Lage Atome

Graphen ist der Name für ein Gitter aus Kohlenstoffatomen, die in einem Honigwaben-Muster flach wie bei ein Maschendrahtzaun angeordnet sind. In Graphit - das Material, das in Bleistiften verwendet wird - liegen diese Gitter in Schichten übereinander. Ein Millimeter Graphit besteht aus drei Millionen Lagen Graphen. Geim und Novoselov nutzten bei ihren Versuchen ein Klebeband, um ein wenig Graphit von einem größeren Block abzureißen. Der "Klebeband-Trick", wie er von der Akademie genannt wurde, wurde dann wiederum auf die abgerissene Schicht angewandt, zehn- bis zwanzigmal. Am Ende hatten die Forscher eine Lage Graphen zur Verfügung.

"Wir wissen noch nicht, wofür Graphen wirklich anwendbar ist. Aber ich hoffe, dass es genauso unser Leben verändern kann wie Plastik", sagte Geim der Nobelpreisstiftung am Telefon. "Als Material ist es völlig neu", hieß es in der Mitteilung der Akademie. "Nicht nur das dünnste überhaupt, sondern auch das stärkste." Graphen leitet Strom so gut wie Kupfer und Wärme besser als alle anderen bekannten Stoffe. Es ist fast völlig durchsichtig, jedoch gleichzeitig so dicht, dass nicht einmal Helium das Gitter durchdringen kann.

Doktorvater und Dotorand

Geim, 51, und Novoselov, 36, sind beide in der Sowjetunion geboren und arbeiten derzeit an der britischen Universität Manchester. Der Vizepräsident der russischen Akademie der Wissenschaften, Gennadi Mesjaz, reagierte auf die Entscheidung der Nobeljury mit den Worten: "Ich bin entzückt. Das russische Genie kann sich auch in Manchester durchsetzen."

Im Labor seines Doktorvaters Andre Geim werde zehn Prozent der Zeit für "Freitagabend-Experimente" verwendet, erzählte Novoselov im vergangenen Jahr dem Portal "ScienceWatch.com". Die meisten dieser verrückten Versuche gingen schief - das Graphen-Experiment im ersten Ansatz zunächst auch. Viel Hoffnung auf Erfolg habe das Team nicht gehabt. Eine "Kette von Zufällen" habe aber dann binnen einer Woche das entscheidende Resultat gebracht.

Geim hatte bereits im Jahr 2000 zusammen mit dem Briten Michael Berry den Ig-Nobelpreis erhalten, mit dem skurrile Forschungen geehrt werden. Der Name ist ein Wortspiel mit dem englischen Ausdruck "ignoble" (schändlich, lächerlich). Sie hatten damals einen lebenden Frosch in einem starken Magnetfeld schwerelos erscheinen lassen.

Am Montag war der Medizin-Nobelpreis dem Briten Robert Edwards für die Entwicklung der Reagenzglas-Befruchtung zugesprochen worden. Am Mittwoch werden die Träger des Chemie-Nobelpreises benannt. Die feierliche Überreichung der Auszeichnungen findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

DPA/Reuters/san / DPA / Reuters