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Plagiatsvorwürfe: Bayerischer Forscher narrt Kollegen

Ein bayerischer Wirtschaftswissenschaftler hat offenbar jahrzehntelang seine Forscherkollegen getäuscht: Hans-Werner Gottinger steht unter Verdacht, abgeschrieben und sich als Mitarbeiter von Hochschulen und Vereinigungen ausgegeben zu haben.

Nach Informationen des renommierten britischen Fachjournals "Nature" (Bd. 448, S. 632) hat Hans-Werner Gottinger, der inzwischen in Ingolstadt der Rente entgegengehe, mehrfach aus Fachartikeln von Kollegen abgeschrieben und sich fälschlich als Mitarbeiter einer Hochschule und Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Vereinigungen ausgegeben. Der 63-Jährige selbst sprach von Missverständnissen, er habe sich zudem zum Teil entschuldigt.

Er gab sich als Mitarbeiter der Uni Maastricht aus

Das GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München trennte sich nach Angaben des Pressesprechers Heinz-Jörg Haury 1984 von Gottinger. "Es hat Unregelmäßigkeiten bei einem EU- Projektantrag gegeben", sagte Haury der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der Wirtschaftswissenschaftler habe auf dem Antrag für Forschungsgeld Kollegen genannt, die nichts von dem Projekt gewusst hätten. Gottinger selbst teilte der dpa mit, er habe das Forschungszentrum verlassen, weil zunächst mündlich zugesagtes Fördergeld von dritter Seite weggefallen sei.

Danach soll sich der Wirtschaftswissenschaftler, der laut "Nature" zahlreiche kurzfristige Engagements weltweit hatte, fälschlich als Mitarbeiter der niederländischen Universität Maastricht ausgegeben haben. Die Universität habe ihn inzwischen gebeten, alle Angaben über eine Zugehörigkeit zur Universität aus dem Internet herauszunehmen, sagte Universitätssprecherin Jeanine Hermans dem Journal. "Nature"- Autorin Alison Abbott sagte auf Nachfrage, der 63 Jahre alte Forscher habe ihr gesagt, er habe aus Versehen die Universität auf Fachaufsätzen und seinem Lebenslauf angeführt, er habe für andere Maastrichter Institute gearbeitet. Er habe nach eigenen Angaben inzwischen alle Betreiber der betreffenden Internetseiten gebeten, entsprechende Einträge zu löschen.

Forscher aus Simbabwe schrieb bei Gottinger ab

Ein Student hatte die ganze Geschichte laut "Nature" im Juni ins Rollen gebracht: Er habe herausgefunden, dass der heute 63-jährige Forscher 1993 für eine Arbeit im Journal "Research Policy" über das Raketenabwehrsystems (SDI) des US-Präsidenten Ronald Reagan ganze Absätze und Gleichungen aus einem 13 Jahre älteren Artikel kopiert habe, ohne dessen Autor zu erwähnen. Dem Magazin "Nature" sagte der Beschuldigte, es sei nicht seine Absicht gewesen abzuschreiben, und er habe sich aufrichtig für alle Missverständnisse entschuldigt.

Ein Herausgeber des Fachjournals "Research Policy", Ben Martin, forschte weiter nach und fand "Nature" zufolge mehrere ähnliche Fälle, in denen der Forscher abgeschrieben hatte. Das Journal "Kyklos" habe bereits 1999 einen Fachartikel deswegen zurückgezogen. Bei dem ersten und auch bei anderen kritisierten Fachaufsätzen habe es sich um Überblickartikel gehandelt, die nicht den Anspruch auf neue Aussagen gehabt hätten, teilte Gottinger der dpa mit.

Martin hatte laut "Nature" auch festgestellt, dass 2005 ein Forscher aus Simbabwe bei dem Deutschen abgeschrieben haben könnte. "Es ist erschreckend", sagte Martin. "Solche Abschriften könnten viel häufiger sein als wir bislang dachten." Eine Erklärung, warum der Wissenschaftler nicht früher aufgefallen sei, könne vielleicht im ungewöhnlich anspruchsvollen mathematischen Ansatz seiner Arbeiten liegen. Bislang gebe es nur ungenügende Computerprogramme, um Plagiate zu erkennen. Abhilfe könnte von November an das Programm CrossCheck schaffen, das dann mehr Fachartikel einsehen könne als ältere Programme, schreibt "Nature".

DPA / DPA
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