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STERN 13/2002: Teller aus der Tiefe

Fünfhundert Jahre heil geblieben: Vor der philippinischen Küste bargen Forscher kostbares Porzellan aus dem Wrack einer chinesischen Dschunke. Schatzräuber hatten sie auf die Spur gebracht.

Dynamitfischer hatten altes Porzellan verkauft

Nie, nie wieder wolle er so etwas tun. »Es war fürchterlich«, sagt Franck Goddio, »ein Albtraum.« Übelste Wetterprognosen, eine Taifun-Warnung nach der anderen, permanent Angst um die Mannschaft und die Schiffe. »Selbst nachts klopfte es an meine Kabinentür, da stand dann einer von der Crew mit einem neuen Wetter-Fax in der Hand.« Alle paar Stunden musste der Expeditionschef entscheiden: Sollte er das Unternehmen nicht doch lieber abbrechen und einen sicheren Hafen anlaufen? Doch Goddio und seine Leute hatten Glück. »Alle sieben Taifune, die von Osten auf uns zu rasten, änderten kurz zuvor ihre Richtung.«

Der französische Unterwasserarchäologe und sein Trupp waren im Sommer vergangenen Jahres mit ihrem Equipment 15 Kilometer vor der westphilippinischen Küste vor Anker gegangen, um einen Schatz zu heben. Tagaus, tagein bewacht von der Coast Guard. Die schützte die Mannschaft vor den in dieser Gegend gefürchteten Piraten und sicherte das geheimnisvolle Objekt in der Tiefe. Im Sand des Meeresbodens, 37 Meter unter Wasser, schlummerte eine chinesische Dschunke mit wertvollem Porzellan an Bord. Vor einem halben Jahrtausend war der Frachtensegler gesunken.

Auf das Wrack aufmerksam geworden war die Regierung in Manila, nachdem auf dem Antiquitätenmarkt altes Porzellan aufgetaucht war. Recherchen ergaben, dass es Dynamitfischer verkauften, die die Preziosen beim Tauchen auf dem Grund der See entdeckt hatten und sich immer wieder heimlich an der einträglichen Quelle bedienten. Um dem Spuk ein Ende zu bereiten, wurde Goddio beauftragt. Der 54-jährige Franzose ist ein Spezialist: Vor der ägyptischen Küste grub er nach dem Königspalast von Kleopatra und nach Napoleons Flotte, und in der Südchinesischen See spürte er schon manch andere Keramik-Kostbarkeit auf.

»Die Chinesen waren Weltmeister im Packen«

»Als wir zum ersten Mal den Meeresboden inspizierten, fanden wir Chaos und Zerstörung«, erzählt der Expeditionsleiter. Scherben über Scherben, zersplitterte Holzwände. Die Schatzräuber hatten versucht, Planken aufzubrechen und dabei viel kaputtgemacht. Tagelang wurde das Wrack vermessen, dann trugen die Meeresarchäologen die Seepocken- und Korallenschichten ab, die das Schiff überwucherten. Unterwasserstaubsauger schlürften den Sand zur Seite.

Unterm Modder war jede Menge Porzellan heil geblieben. In den Laderäumen des Wracks entdeckten die Taucher Teller, Schüsseln, Krüge, Kannen und Vasen stapelweise. Und alles bestens untergebracht. »Die Chinesen waren Weltmeister im Packen«, schwärmt Goddio, »keine Ecke, in der nicht etwas steckte, kein Zwischenraum, der nicht genutzt war.« Nie zuvor hatte er diese Staukunst so eindrucksvoll bestaunen können.

Dann bargen die Froschmänner die Kostbarkeiten. »Fundstücke von exquisiter Qualität«, jubelt der Expeditionsleiter. Bestens erhalten und von unermesslichem Wert. Säuberlich registrierten die Helfer jedes Teil. Mehr als 15.000 Stücke hievte das Bergekommando nach oben, zweieinhalb Monate dauerte alles. Vorsicht war nicht nur beim zerbrechlichen Gut geboten, ein Steinfisch belagerte einige Tage lang das Wrack. »Das Tier mit seinen gefährlichen Giftstacheln war so gut getarnt, dass es fast nicht zu sehen war«, sagt Goddio, »ich habe jedes Mal einen Riesenbogen um das Vieh gemacht.«

Das »Weiße Gold« stammt aus der Ming-Dynastie

Die sichergestellten Stücke, so ermittelten Experten, entstammten samt und sonders den Brennöfen der Chinesen, die das »Weiße Gold« erfanden und die Kunst seiner Herstellung zu voller Blüte entfalteten. Auserlesenes aus der Ming-Dynastie, zu Zeiten des Kaisers Hongzhi, der das fernöstliche Reich von 1488 bis 1505 regierte - das verriet das charakteristische Dekor: blauweiße Ornamente, geometrische Formen, Blumenranken und zahlreiche Fabeltiere. Viele Teile waren nicht fürs eigene Land produziert, sondern nach dem Geschmack fremder Kulturen entworfen worden. Etwa dem der Philipinos, zu denen die Fracht offensichtlich unterwegs war.

Neben der Stapelware lag eine Reihe kleiner Mandarin-Enten - winzige Wasserkannen aus Porzellan. Auch ein Tintenfass gehörte zu den Fundsachen. Andere Prunkstücke waren aus Steingut gefertigt und mit hellgrüner Seladon-Glasur überzogen. Diesem Material wurden damals Wunderkräfte angedichtet. Wenn solche Schüsseln mit vergifteten Speisen gefüllt würden, glaubten die alten Asiaten, würden sie ihre Farbe verändern und so den Besitzer warnen. Selbst wertvoller Schmuck war an Bord: prächtige Armreifen aus grünem Turmalin.

Inzwischen lagert der Schatz - die größte jemals gefundene Ladung einer Dschunke aus der damaligen Zeit - im Nationalmuseum in Manila und wird dort von Experten unter die Lupe genommen. Die Hälfte davon steht Goddio zu, so sieht es der Vertrag mit der Regierung vor. Aber der Franzose will kein Stück der Beute für private Zwecke behalten. »Wir werden die Artefakte in einer großen Ausstellung der Öffentlichkeit präsentieren«, beteuert der Archäologe.

Die Dschunke rammte eine Unterwasserklippe und ging leck

Mit der Datierung des Porzellans war auch der Zeitpunkt des Schiffsuntergangs klar. Um das Jahr 1490 sank demnach die Hochsee-Dschunke, ein 28 Meter langes und 5,80 Meter breites Boot, das Goddio nach dem Namen des nächsten Küstenortes auf »Santa Cruz« taufte. Ein Kahn aus einer riesigen Flotte, die damals unter chinesischer Flagge durch den Pazifik kreuzte. Beladen mit Seide, Tee oder Keramik, schipperte die Armada durch die Wellen, rege handelnd mit den Nachbarstaaten.

Die »Santa Cruz« ging offenbar durch einen nautischen Fehler verloren. »Wir können den Unfall ziemlich genau rekonstruieren«, sagt

der Franzose, »das Boot ist auf seiner Steuerbordseite demoliert und liegt nur 600 Meter von einer felsigen Untiefe entfernt.«

Wahrscheinlich hatte der Kapitän, als er sein Schiff vor 500 Jahren zwischen zwei kleinen Inseln hindurch auf die philippinische Küste steuerte, diese Unterwasserklippe nicht einmal geahnt. Die Dschunke rammte den Fels und schlug leck. Innerhalb von Minuten lief der Segler voll und sank. Was aus der Mannschaft wurde, bleibt ein Geheimnis des Meeres.

Horst Güntheroth

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