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Südpolen: Die Bären sind los

Romantische Nachtwanderungen durch die Gebirgstäler der Hohen Tatra in Südpolen sind derzeit tabu. Touristen müssen nachts draußen bleiben, denn zur Zeit geht dort der Bär um.

Auch noch so laue, sternenklare Sommernächte können die Verwaltung des Nationalparks im Grenzgebiet zur Slowakei nicht erweichen. Touristen müssen nachts draußen bleiben - nicht aus Sorge vor Stolperfallen auf den Wanderwegen, sondern um den Menschen "tierische" Begegnungen zu ersparen: Die Bären sind los.

Noch niemand angegriffen

Von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens müssen Wanderer das gesamte Gebiet des Nationalparks meiden. Auch in den Gebirgshütten herrscht dann "Ausgangsverbot", bestimmte Pawel Skawinski, der Direktor des Nationalparks. Ein Wanderpfad ist sogar tagsüber für Wanderer gesperrt worden, ausgerechnet eine der beliebtesten Routen für den Aufstieg zum Giewont, dem "Hausberg" des Touristenzentrums Zakopane. "Seit einer Woche bekommen wir Mitteilungen über Begegnungen mit Bären", begründete er das Verbot. "Zum Glück haben sie niemanden angegriffen."

Doch Skawinski will sich nicht allein aufs Glück verlassen. Die Zahl der in der Hohen Tatra lebenden Bären wird schließlich auf mehr als ein Dutzend geschätzt. Bislang hielten die Tiere Abstand zu den Touristenpfaden, auf denen in den Sommermonaten tausende Wanderer und Gipfelstürmer unterwegs sind. "Bären sind schnell" warnte Andrzej Gasienica-Joskowy, ein Mitarbeiter der Bergwacht.

Die Bären haben es auf Schafe abgesehen

Erst in der vergangenen Woche kam es zur Begegnung von Touristen mit einer Bärenmutter und ihren Jungen - Skawinski weiß, das hätte übel enden können. Denn wenn eine Bärin ihre Jungen bedroht glaubt, ist sie besonders gefährlich. Die Jungtiere wiederum verlieren nur zu leicht ihre natürliche Scheu vor den Menschen.

Auch die Bauernhöfe der Goralen, der Bergbauern in der Tatra, werden von den Bären nicht länger gemieden. "Der Bär hat keine Angst mehr", klagte Stanislaw Rychtarczyk in der Zeitung "Super Express". Er verlor bereits sechs Schafe, die von Bären getötet wurden.

Leichtsinnige Touristen locken die Tiere mit Futter an

Parkranger und Goralen schütteln auch den Kopf über den Leichtsinn mancher Touristen, die bewusst auf Bärensuche gehen oder die Tiere sogar mit Futter locken wollen, um ein besonderes Urlaubsfoto zu schießen. "An allem ist nur die Dummheit der Leute schuld", meinte Bergbauer Stanislaw Stopka. "Sie lassen Verpackungen ihres Essens zurück und locken die Tiere mit dem Geruch an. Das führt noch zu einer Tragödie."

Die Parkhüter patrouillieren deshalb mit besonderer Sorgfalt im Nationalpark. Sie versuchen, die Bären mit Gummigeschossen zu vertreiben, wenn sie sich Touristenpfaden nähern. Für sie ist die Alarmstimmung erst im Spätherbst vorbei, wenn sich die Bären in den Winterschlaf zurückziehen.

Eva Krafczyk, DPA