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Tierpark Hagenbeck: 100 Jahre Wildnis in der Stadt

Vor 100 Jahren erfand Carl Hagenbeck den Zoo ohne Gitter - und noch heute ist "ganz nah ran" das Motto im Hamburger Tierpark Hagenbeck. Den runden Geburtstag feiert Deutschlands größter Privatzoo mit Elefantenbaby "Shila" und einem neuen Tropen-Aquarium.

Von Angelika Unger

Furchtlos streckt das Schulmädchen dem Elefanten ihre Hand entgegen, braune Krümel liegen darauf, Tierpark-Futter. Der Bulle streckt seinen Rüssel aus, nimmt die Leckerei behutsam auf und lässt sie in seinem Maul verschwinden. "Er saugt das auf wie ein Staubsauger - nur ein bisschen glibschig", kreischt das Mädchen zu ihren Freundinnen hinüber, die halb fasziniert, halb verängstigt daneben stehen. Auch Thomas Wiechmann ist mit seinem kleinen Neffen zum Elefantenfüttern nach Hamburg gekommen - der Tierpark zuhause in Lübeck sei ja eher ein "Tiergefängnis", sagt er.

Willkommen im Tierpark Hagenbeck, dem Zoo, in dem das Gehege ohne Gitter erfunden wurde und noch heute Markenzeichen ist. Nur ein zwei Meter breiter Wassergraben trennt die Grundschülerin vom tonnenschweren Elefantenbullen "Hussein". Bei Hagenbeck dürfen die Besucher nicht nur die Elefanten füttern, sondern auch Kamele, Paviane und die meerschweinchenartigen Maras. Vor dem Giraffengehege gibt es sogar eine drei Meter hohe Plattform, damit sich Mensch und Tier auf Augenhöhe begegnen können.

Sechs Seehunde in einem Waschbottich

210 Tierarten von Ara bis Zebra leben heute auf der Anlage, die so groß ist wie 25 Fußballplätze. Angefangen hatte alles mit sechs Seehunden, damals, 1848, als Gottfried Clas Carl Hagenbeck noch Heringshändler auf St. Pauli war. Die Seehunde waren Fischern ins Netz gegangen, die Hagenbecks Fischladen belieferten. In einem Waschbottich stellte Hagenbeck sie in seinem Laden aus - die Menschen waren begeistert.

Motiviert durch den Erfolg, machte Hagenbecks Sohn Carl aus dem Fischladen eine Handelsmenagerie für exotische Tiere. Nach und nach nahm seine Vision Gestalt an: ein Zoo ohne Gitterstäbe, in dem Tiere leben wie in ihrem natürlichen Lebensraum, nur durch Gräben von den Besuchern getrennt. 1896 ließ er die Idee patentieren.

Weil so ein Tierparadies Platz braucht, kaufte Hagenbeck einen Kartoffelacker in Hamburg-Stellingen - und eröffnete dort 1907 den Tierpark. Als einziger Großzoo Deutschlands ist er noch heute im Privatbesitz: Stephan Hering-Hagenbeck und Joachim Weinlig-Hagenbeck führen den Park in sechster Generation.

Haie zum Greifen nah

Am 7. Mai 2007, genau 100 Jahre nach Eröffnung, eröffnet der Zoo die neueste Attraktion: das größte Aquarium Nordeuropas. Wenige Tage zuvor sind die Haie aber noch in Australien: Das Flugzeug, das sie nach Hamburg bringen sollte, fiel aus. Und so wird zur 100-Jahr-Feier zwar Bürgermeister Ole von Beust durchs neue Tropen-Aquarium spazieren, für Besucher wird es erst im Laufe des Monats Mai geöffnet. "Unsere Tiere gehen vor", sagt Joachim Weinlig-Hagenbeck. Und die müssten sich in ihrem neuen Lebensraum erst einmal eingewöhnen.

Über Dschungelpfade wird man durch einen üppig grünen tropischen Urwald wandern können, in dem wollige Äffchen durch die Bäume toben, Krokodile auf der Lauer liegen und Würgeschlangen im Unterholz rascheln. In der Meeresgrotte könne man Haie zum Greifen nah erleben und Rotfeuerfische und Muränen auf künstlichen Korallenriffen beobachten, verspricht der Tierpark. Die Höhlen und Grotten der Unterwelt schließlich bevölkern bleiche Höhlenfische und Fledermäuse.

24.000 Euro Kosten, Tag für Tag

20 Millionen Euro hat der Bau des Aquariums verschlungen, die Hälfte des Geldes gab die Stadt Hamburg dazu. Eine Ausnahme, denn regelmäßige Zuschüsse vom Staat erhält der Zoo nicht. Die laufenden Kosten sind gewaltig: 24.000 Euro - Tag für Tag. Die Eintrittsgelder müssen einen Großteil der Kosten decken. Wenn aber im Sommer die Leute lieber an die Ostsee fahren als in den Zoo, wenn die Maul- und Klauenseuche oder die Vogelgrippe das Geschäft gefährdet, dann wird es eng für die Hagenbecks.

So wie 2006: Die ersten vier Monate des Jahres waren die schlechtesten für den Zoo seit fast 30 Jahren. "Wir haben sehr mühsame Jahre hinter uns", sagt Weinlig-Hagenbeck. "Die wirtschaftliche Enge hat uns gezwungen, uns besonders viel Mühe mit dem Tierpark zu geben" - schließlich sei man ja anders als staatlich subventionierte Zoos davon abhängig, dass die Besucher kommen. Mit dem Ergebnis ist der Tierpark-Chef sehr zufrieden: "Der Besucher erhält für sein Eintrittsgeld ein echtes Erlebnis."

Die dreijährige Nadine würde hier wohl kaum widersprechen. Selig sitzt das Mädchen auf einem Baumstamm im Streichelzoo-Gehege und streichelt eine junge weiße Ziege, um sie herum toben Kinder und Ziegen durch ein Gehege voller Gurkenscheiben, Apfelschnitze und Ziegenköttel, es riecht durchdringend nach Ziegenfell und nach verschwitzten Kindern. Das Fell der Tiere ist durch die innigen Liebesbekundungen der kleinen Tierfreunde zerzaust.

61 Euro Eintritt für eine vierköpfige Familie

Ein Naturerlebnis, das nicht ganz billig ist: Eine Familie mit zwei Kindern zahlt 45 Euro Eintritt. Wenn sie auch noch das Tropenaquarium besuchen will, muss sie noch 16 Euro drauflegen. "Kostet Hagenbeck zu viel Eintritt?", fragte letzten Sommer die "Hamburger Morgenpost" und rechnete vor, dass Hagenbeck der zweitteuerste Zoo Deutschlands sei - gleich hinter Hannover. "Der Besucher trägt nur die laufenden Kosten", sagt Weinlig-Hagenbeck. Beim neuen Tropen-Aquarium gelte nicht einmal das.

Weinlig-Hagenbeck sieht das Aquarium als Investition, "um auch in Zukunft unabhängig von laufenden Steuergeldern sein zu können: Es macht uns unabhängig von Wetter und Jahreszeit." Rund eine Million Menschen besuchen den Tierpark pro Jahr, das Aquarium solle 400.000 zusätzliche Besucher anziehen. "Und wir setzen natürlich darauf, dass viele Leute nicht widerstehen können und danach noch in den Zoo gehen."

Bereits 2011 allerdings soll in der im Hamburger Boomviertel Hafen-City ein Science-Center mit Planetarium und Aquarium eröffnen. Fürchten die Hagenbecks die künftige Konkurrenz? Darauf mag Weinlig-Hagenbeck keine Antwort geben, jetzt wo das eigene Aquarium noch nicht einmal eröffnet ist.

Menschen für Tiere begeistern

2007 jedenfalls laufen die Geschäfte bisher glänzend, berichtet Weinlig-Hagenbeck: Das milde Frühlingswetter mache den Leuten offenbar Lust auf den Zoo. Ist er denn überhaupt nicht neidisch auf die Berliner Kollegen, auf den Rummel um Eisbärbaby Knut? "Knut, wer war das doch gleich?", sagt Weinlig-Hagenbeck und lacht. Bei den Besucherzahlen liege man gleichauf mit Berlin - "und so lange es uns auch gut geht, gönnen wir jedem sein Glück".

Weinlig-Hagenbecks größtes Glück ist derzeit der jüngste Nachwuchs im Elefantenhaus, das drei Wochen alte Elefantenmädchen "Shila". "Schauen Sie nur!", ruft er aus und deutet auf das Jungtier, das gerade versucht, einen kleinen Felsen zu erklimmen. "Die Shila ist ein richtiger Bergelefant." Schon wenige Stunden nach der Geburt sei sie über die Steine in der Freilaufhalle geklettert.

Wer Weinlig-Hagenbecks Begeisterung für "Shila" erlebt hat, kann seine Philosophie verstehen: "Ein Zoo ist wie kein anderer Ort geeignet, Menschen für Tiere zu begeistern, so dass sie sich für ihren Erhalt in der Natur einsetzen." Besonders gut funktioniert das, wenn die Menschen den Tieren so nah wie möglich kommen. Gitterstäbe würden dabei nur stören.