TRAUMA-OPFER »Eine normale Reaktion auf einen abnormalen Zustand«


Der Schrecken sitzt tief - doch mit der richtigen Hilfe können Trauma-Opfer ihr Leben wieder genießen. Betroffene kämpfen mit Vermeidungsstrategien gegen Selbstvorwürfe.

Er vergisst den Kinderwagen mit seiner kleinen Tochter in der U-Bahn, er raucht mehrere Schachteln Zigaretten am Tag, und Telefongespräche in seine Heimat machen ihn wahnsinnig. Schlafen kann er nur unter schweren Medikamenten, und manchmal isst er tagelang nichts. Auch Alkohol rührt er nur selten an: »Das hätte mir gerade noch gefehlt«. Z., ein Bürgerkriegsflüchtling aus Bosnien leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Die Krankheit könnte inzwischen auch bei Tausenden New Yorkern aufgetreten sein, befürchten Experten.

Hilfe für Opfer

Der Deutsche Psychotherapeuten-Verband (DPTV) hat den Jahrestag der Terroranschläge am 11. September auf das World Trade Center und das US-Verteidigungsministerium zum Anlass genommen, um von den Krankenkassen eine schnellere Betreuung der Betroffenen zu verlangen. Am Ort des Anschlags auf die Diskothek »La Belle«, wo im April 1986 drei Menschen getötet und mehr als 190 verletzt wurden, erhoben die Therapeuten am Dienstag ihre Forderungen an die Kassen. In das Haus in Berlin-Friedenau ist inzwischen der Küchen- und Waschmaschinenhersteller Miele gezogen. Zwischen den neuen Geräten erinnert nichts mehr an den Horror von einst.

Zeit steht still

»Auch nach der Katastrophe geht das Leben weiter. Aber die Opfer waren nicht bereit, an diesen Ort zu kommen«, sagt DPTV-Pressesprecher Frank Karge. Für Trauma-Geschädigte durch Anschläge, Banküberfälle, Bahnkatastrophen und anderen Verletzungen »von Menschenhand« steht die Zeit nach dem Schicksalsschlag häufig still.

Schrecken verfolgt die Opfer

Sie vermeiden alles, was sie an den Schrecken erinnern könnte, und viele flüchten sich in eine Traumwelt. Z. zum Beispiel ruft nur in dringenden Fällen in Bosnien an, weil er dann besonders nervös und reizbar wird. Aber immer wieder werden die Opfer von »einschießenden Bildern« gequält. Gerüche, Geräusche, Reize aller Art können den Schrecken jederzeit wieder wachrufen.

Patientin »starrt Löcher in die Luft«

Manche machen sich jahrelang Vorwürfe, obwohl sie die Ereignisse nicht verschuldet haben. Ihre Angehörigen erscheinen ihnen immer wieder vor Augen. »Ich muss mich erinnern an meinen Bruder, der mit mir umgekommen ist, jeden Tag muss ich an ihn denken«, sagt Z. Üblich sind auch depressive Begleiterscheinungen mit extremer Antriebsminderung. Die Fallbeschreibungen der Psychologen lesen sich dann so: »Patientin ist zwei Jahre lang bettlägerig und starrt Löcher in die Luft«.

»Normale Krankheit«

Fachleute beschreiben die PTBS als »normale Reaktion auf einen abnormalen Zustand«. Die Störung wurde 1980 in den International Code of Disease (ICD) aufgenommen. Die Symptome der Krankheit sind nicht immer eindeutig von Reaktionen auf andere Traumen zu unterscheiden. »Ein persönliches Ereignis wie der Verlust eines nahen Angehörigen kann genauso erschütternd sein wie ein Arbeitsunfall oder ein Verbrechen«, sagt der Bielefelder Notfall-Psychologe Werner Wilk.

Klare Richtlinien

Die Experten haben aber klare Richtlinien für die Diagnose von Trauma-Opfern erarbeitet. Bevor sie vergeben wird, sollten die Symptome nach Angaben des DPTV zwei Jahre lang aufgetreten sein. Die Kranken müssen zunächst von Therapeuten stabilisiert werden, wenn möglich mit Imaginationsübungen oder Körperwahrnehmungen. Anschließend sollen sich die Patienten ihren Träumen stellen, um sie hinterher in ihre eigene Lebensgeschichte integrieren zu können. Dabei müssen sie gleichzeitig lernen, ihre Emotionen zuzulassen und ihre Affekte unter Kontrolle zu bringen.

Nicht immer ist es möglich, eine PTBS ganz zu heilen. Im besten Fall können die Betroffenen es aber lernen, ihr Leben trotz der schlimmen Erlebnisse wieder zu schätzen und zu genießen.

Ayala Goldmann


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