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Umwelt: Rätselhaftes Austernsterben alarmiert Franzosen

An den Austernbänken am Mittelmeer und am Atlantik sind ungewöhnlich viele Jungtiere verendet. Züchter rätseln, woran die Tiere sterben. Möglicherweise löst der Klimawandel das Massensterben aus - oder ein Virus könnte dafür verantwortlich sein.

Olivier Gonzales blickt verzweifelt auf seine Austernbänke. Von den rund 200.000 Austernlarven, die er zu Beginn der Saison gekauft hat, hat praktisch keine überlebt. "Alles ist futsch", sagt der Unternehmer aus dem südfranzösischen Bouzigues. Eine rätselhafte Krankheit hat seine Jungaustern hinweggerafft. Nicht viel besser geht es derzeit vielen Züchtern der bei Feinschmeckern beliebten Schalentiere in Frankreich. Sowohl an den Austernbänken am Mittelmeer als auch am Atlantik sind ungewöhnlich viele Jungtiere verendet. Die Sterblichkeitsrate bei den zwölf bis 18 Monate alten Jungaustern liege zwischen "40 und 100 Prozent", klagt Martial Monnier, der Leiter des französischen Austernzucht-Ausschusses. Und noch sei das ganze Ausmaß der Katastrophe nicht abzusehen. Erst in den kommenden Wochen werde sich herausstellen, ob auch erwachsene Austern von der Krankheit betroffen seien. Besonders stark hat es die Züchter am "Bassin de Thau" getroffen - einem See, der nahe der Stadt Montpellier am Rande des Mittelmeers liegt. Aber auch ihre Kollegen am Atlantik - von der Arcachon-Bucht bei Bordeaux über die Bretagne bis hin zur Normandie - haben herbe Verluste zu beklagen.

Die Krise der Branche hat mittlerweile Landwirtschaftsminister Michel Barnier auf den Plan gerufen. Er beauftragte das französische Forschungsinstitut für Meeresfischerei (Ifremer) "alle Mittel zu mobilisieren", um die Gründe des ungewöhnlichen Massensterbens herauszufinden. Außerdem bat er die französische Agentur für Lebensmittelsicherheit (Afssa), die Lage abzuschätzen.

Auch in den 70ern gab es ein Austernsterben

Die Wissenschaftler gehen mehreren möglichen Ursachen nach: Zum einen könnte der Klimawandel mit den steigenden Temperaturen bei den Tieren tödlichen Stress auslösen. Denkbar ist auch, dass die Schalentiere einer tödlichen Alge oder einem bisher unbekannten Virus zum Opfer fallen. Letzteres wäre besonders besorgniserregend, betont Monnier. Er erinnert an das große Austernsterben in den 70ern, bei dem ein Virus die Bestände in Frankreich praktisch ausrottete. Damals dauerte es fast zwei Jahre, um das Virus zu identifizieren.

Den mehr als 15.000 französischen Austernzüchtern mit einer Jahresproduktion von 130.000 Tonnen bleibt jetzt nur eine Möglichkeit - die verendeten Jungaustern durch neue Larven zu ersetzen. Diese sind frühestens im kommenden Jahr, in nördlichen Regionen auch erst 2010 ausgewachsen und somit zum Verzehr geeignet. Für das Festessen an Weihnachten und Silvester, bei denen Austern in Frankreich nicht fehlen dürfen, droht dieses Jahr vorerst keine Gefahr. Es sei denn, in den kommenden Wochen und Monaten erkranken auch ausgewachsene Tiere.

AFP / AFP
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