Das Städtchen Bernburg liegt im östlichen Harzvorland an einer Windung der Saale. Es hat eine Altstadt mit winkeligen Gassen und historischen Kirchen, eine Klosterruine, ein prächtig über dem Fluss thronendes Renaissanceschloss - und einen großen Tagebau. Dort gewinnt die Solvay Chemicals GmbH Kalkstein für die Produktion von Soda. Der Rohstoff im Untergrund ist ein Erbe aus der Urzeit des Landes. Der weiße Schlamm lagerte sich ab, als hier einst die Wellen eines warmen Meeres, des "Germanischen Beckens", an seine südliche Küste schwappten. Erdschichten bedeckten später das Sediment und konservierten es. Ein Bodenschatz für die Industrie unserer Tage - und ein Juwel für die Wissenschaft.
Denn als im Sommer dieses Jahres ein Team des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle im Kalkbruch nach Zeugnissen prähistorischen Lebens grub, kam Sensationelles zutage. Der Trupp stieß auf die versteinerten Fährten von Riesen. 25 und 35 Zentimeter maßen die größten Stapfen. "Wir konnten bis zu 50 Meter lange Folgen dieser Spuren freilegen", sagt Paläontologe Cajus Diedrich, wissenschaftlicher Leiter der Gruppe. "Es sind die Fährten zweier Tiere, die sich hier vielleicht sogar begegneten." Eine davon: die Hinterlassenschaft eines Dinosauriers - sie gehört zu den ältesten weltweit gefundenen Fußabdrücken dieser Lebewesen. Vor 243 Millionen Jahren, so ergab die Datierung, tapsten das Tier und sein Zeitgenosse durch das Watt des Germanischen Beckens.
Nie dagewesene Spuren
Die kleineren Tritte, das zeigt die inzwischen vorliegende Auswertung des Fundes, stammen vermutlich von einem Ticinosuchus, einem etwa drei Meter langen hochbeinigen und krokodilartigen Räuber, der am Anfang der Dinosaurierentwicklung lebte. Gut erhaltene fossile Knochen jener Biester waren schon vor geraumer Zeit im Tessin entdeckt worden. "Dieser Ticinosuchus trat hier eine Weile auf der Stelle, bevor er weiterlief ", sagt Spurenleser Diedrich, "es könnte gut sein, dass er das andere Tier gesehen und hungrig auf die potenzielle Beute gewartet hat, doch an solch einen großen Brocken wagte er sich dann doch wohl nicht heran und trollte sich." Gesichert allerdings ist diese Begegnung nicht, die Stapfen könnten auch kurz hintereinander entstanden sein.
Die zweite Fährte, die Abdrücke des "großen Brockens", waren schwieriger zu identifizieren. Sie zeugen von einem vier bis fünf Meter langen Tier, 600 bis 800 Kilogramm schwer. Solche Tritte sind bislang von keiner der vielen Hundert weltweit gefundenen Spuren bekannt. "Die Fußanatomie hat jedoch starke Charakteristika von einem frühen Prosauropoden", erklärt Diedrich. Diese Gruppe von Sauriern lebte zu Beginn der Dino-Zeiten. Die Echsen hatten einen massigen Körper mit einem langen Hals, auf dem ein kleiner Kopf saß. Sie bewegten sich auf kurzen, schlanken Vorder- und säulenartigen, starken Hinterbeinen. Allerdings sind all ihre Relikte, die bislang auf der Erde entdeckt wurden, 15 Millionen Jahre jünger als die Abdrücke im Bernburger Kalk.
"Hinzu kommt, dass die großen Spuren auch Merkmale enthalten, die gar nicht zu diesen Tieren passen", berichtet Diedrich. Deshalb steht für den Paläontologen fest: Die Fährte stammt von einem zwar den Prosauropoden ähnlichen, aber bislang völlig unbekannten Dinosauriertyp - ein "missing link" aus der grauen Vorgeschichte der Entwicklung der Riesenechsen, aus der bislang nur wenige Zeugnisse existieren. Wie genau das neue Puzzlestück in ihren Stammbaum passt, gilt es nun zu klären. Vielleicht, so sinniert Diedrich, war diese Art ja ebenso wie die späteren Prosauropoden kein reiner Pflanzenfresser, sondern auch auf fleischige Beute aus. "Denn was macht solch ein großes Tier an einer Küste, an der offenbar gar kein Pflänzchen wuchs?"
Unruhige Zeiten
Als der Ur-Dino durch die öde Landschaft stapfte, herrschte subtropisches Klima in der Region, der Superkontinent Pangäa, in dem die großen Landmassen der Erde vereint waren, fing gerade an auseinanderzubrechen.
Eine tektonisch sehr unruhige Zeit. Erdbeben waren alltäglich, denn damals schob sich die afrikanische Kontinentalplatte auf die europäische, was später zur Auffaltung der Alpen führte. Auch die Folgen dieser Stöße aus dem Inneren des Globus hat das Team in Bernburg im Kalk nachgewiesen: In der Schicht mit den Fährten entdeckte es zahlreiche Rillen - Risse im Untergrund. Außerdem fanden die Forscher heraus, dass die Steinlage unter jener, in der die Spuren auftauchten, sehr viel dicker war als die übrigen. Diedrich: "Das heißt, hier muss mit einem Schlag sehr viel kalkhaltiges Wasser auf die Küste geknallt sein." Als Ursache dafür kommen nur zwei Möglichkeiten in Betracht: Entweder tobte, kurz bevor die Dinos dort ihrer Wege gingen, eine Sturmflut im Germanischen Becken. Oder aber es brach durch seismische Erschütterung ein Tsunami los, der den Strand und vielleicht auch manches Lebewesen unter sich begrub.
Einblicke für jeden
Inzwischen wurden die Kalkplatten mit den Rillen und Fährten geborgen, sie lagern im Archiv des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle. Doch sie sollen nicht unter Verschluss bleiben. "Wenn alle wissenschaftlichen Auswertungen abgeschlossen sind", sagt Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt und Direktor des Museums, "werden wir die Fährten in einer Ausstellung an einem geeigneten Ort der Öffentlichkeit präsentieren."