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Unwetter in Süd- und Ostdeutschland "Ich habe gedacht, das Haus stürzt ein"


Riesige Hagelkörner schlagen in Dächer oder Fenster. Über Nacht stehen viele Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz. Der Schock sitzt tief.

Hunderte Dächer sind abgedeckt, Fenster, Türen und Zäune zerborsten. Fassaden sehen aus wie zerschossen. Straßen und Alleen sind voller Schlamm, Geröll und Bergen von Dachziegeln. Entwurzelte Bäume liegen auf Feldern und in Ortschaften. Durchnässter Hausrat liegt auf Grundstücken, auf denen kurz vorher noch liebevoll gepflegte Gärten waren.

Am Tag nach dem verheerenden Unwetter mit Hagel, Regen und Sturm wird im am stärksten betroffenen Bundesland Sachsen-Anhalt das ganze Ausmaß der Schäden immer sichtbarer. Besonders betroffen ist die Region um Bernburg im Salzlandkreis im Süden des Landes.

Menschen stehen verzweifelt vor ihren teils völlig zerstörten Häusern, Gehöften und Werkstätten. "Ich habe gedacht, das Haus stürzt ein. Ich habe zuerst mein Kind geschnappt, auf den Arm genommen und habe mich mit meinem Mann unter einen Türrahmen geflüchtet, um irgendwie Schutz zu finden", erzählt Kathrin Wiegel völlig aufgelöst in der kleinen Ortschaft Cörmigk. "In fünf Minuten war fast alles zerstört, die Wände, die Lehmdecke, alles nass, die Tapeten ab, die Fensterscheiben - alles nur noch Bruch", erzählt die 27 Jahre alte Verkäuferin.

Der 24-jährige Lars Rebe packt in Gummistiefeln am zerstörten Haus seiner Großeltern mit an. "Das waren faustgroße Hagelkörner, richtige Eisklumpen. So was habe ich noch nicht gesehen. Auch das Gewächshaus, die Laube, der neue Carport, alles kaputt, von jetzt auf gleich. Am Nachmittag waren wir noch bei 30 Grad baden", sagt der kräftige junge Mann, schüttelt den Kopf und tröstet seine weinende Oma.

"Wir hatten in 15 Minuten etwa 350 Anrufe. Das Handynetz war völlig überlastet, wir hatten große Angst, dass Notrufe uns nicht erreichen", beschreibt Bernburgs Oberbürgermeister Henry Schütze (parteilos) die dramatische Lage am Sonntag nach 18.00 Uhr. Für eine 51 Jahre alte Frau kam jede Hilfe zu spät - sie wurde von einem Dachziegel in Bernburg erschlagen.

Rund 3500 Menschen sind betroffen, etwa 700 Häuser beschädigt - das ist die erste Bilanz des Krisenstabs bei der Freiwilligen Feuerwehr in Peißen bei Bernburg. Vielerorts waren schon Dachdecker und Glaser am Werk. Container werden angefahren, mit schweren Fahrzeugen Straßen geräumt und gesäubert.

Die Feuerwehr hat Notunterkünfte eingerichtet. Doch womöglich aus Angst vor Plünderungen haben sie die Menschen kaum in Anspruch genommen.

Der 21-jährige Alexander Sielmon sitzt sichtbar erschöpft auf einer Bordsteinkante: Geschlafen habe er kaum, sagt er. Er sei gerade von einer Geburtstagsfeier gekommen, als sein Handy klingelte. Er sei in seine Feuerwehrkleidung geschlüpft, um zu helfen - so wie 650 andere Männer und Frauen von Feuerwehren, Technischem Hilfswerk und Hilfsorganisationen.

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) eilt am Montag nach Peißen zur Einsatzzentrale der Feuerwehr, um sich ein Bild von der Lage zu machen, wie Bernburgs Oberbürgermeister Henry Schütze (parteilos) sagt. Er habe Hilfe durch noch mehr Dachdecker versprochen.

"Viele Häuser sind nahe am Totalschaden", sagt Landrat Ulrich Gerstner (SPD). Ziel müsse es sein, jetzt erst einmal alle Häuser wieder abgedichtet würden. Wer für die Millionenschäden aufkommt, bleibt zunächst unbeantwortet.

Petra Buch, DPA DPA

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