Vogelgrippebilanz 2006 Der Schwan ist vom Eis - vorerst


Wie keine andere Seuche hielt die Vogelgrippe Deutschland in diesem Jahr in Atem - auch wenn Menschen nie in Gefahr waren. Mit dem Sommer kehrte Ruhe ein, gebannt ist die Gefahr aber deshalb nicht.

Es waren Bilder wie aus einem Katastrophenfilm: Soldaten laufen mit Atemmasken und weißen Schutzanzügen über die Insel Rügen. Vorsichtig ziehen sie tote Schwäne vom Eis und aus entlegenen Büschen. Armeefahrzeuge bringen Desinfektionsmittel. Und trotz der bundesweiten Stallpflicht bricht das aggressive Grippevirus H5N1 auf einem Geflügelhof in Sachsen aus. Wie keine andere Tierseuche hielt die auch für Menschen ansteckende Vogelgrippe Deutschland in diesem Jahr in Atem. Die Gefahr einer Grippe-Pandemie, vor der Experten seit Jahren warnen, fühlte sich plötzlich näher an. Mit dem Sommer kehrte Ruhe ein. Doch Experten rechnen damit, dass das Virus wiederkommt.

Keine menschlichen Opfer - aber ein hohes Pandemie-Risiko

344 infizierte Wildvögel, ein Ausbruch auf einem Geflügelhof, ein toter Steinmarder, drei angesteckte streunende Katzen - das ist die deutsche Bilanz der Vogelgrippe 2006. Damit war die Geflügelpest, wie die Krankheit auch heißt, eine klassische Tierseuche. Menschen waren in Deutschland zu keiner Zeit ernsthaft in Gefahr. Anders als bei einem Ausbruch des Vogelgrippevirus H7N7 im Jahr 2003, als sich 80 Menschen infizierten und ein niederländischer Tierarzt starb, gab es keinen einzigen Ansteckungsfall.

Auch weltweit gesehen hat der Ausbruch in Deutschland das Risiko für die Anpassung des Virus an den Menschen - und damit für einen umfassenden Grippe-Ausbruch, eine so genannte Grippe-Pandemie - nicht erhöht. Weit bedeutender dafür seien Vogelgrippe-Ausbrüche in Regionen mit engem Kontakt zwischen Geflügel und Mensch, insbesondere in Südostasien, betont das Berliner Robert Koch-Institut. Aber: "Das Pandemie-Risiko ist derzeit so hoch wie seit Jahrzehnten nicht."

Ein Impfstoff lässt sich vorher nicht maßschneidern

Auch der US-amerikanische Grippeforscher Robert G. Webster ist angesichts der weltweiten Lage beunruhigt: "Schon Mitte August 2006 waren 97 Menschen infiziert - genauso viele wie im gesamten Jahr 2005", schrieb der Forscher vom St. Jude Children's Research Hospital in Memphis, Tennessee, kürzlich in einem Beitrag für das "New England Journal of Medicine". Insgesamt verzeichnet die Statistik der Weltgesundheitsorganisation seit 2003 etwa 260 erkrankte Menschen. Mehr als die Hälfte davon sind gestorben.

Das seit Monaten strapazierte Mantra gilt weiter: Die nächste Grippe-Pandemie kommt. Allein, niemand weiß, wann. Außer der Einlagerung von Anti-Virus-Mitteln läuft die Forschung für einen Pandemie-Impfstoff auf Hochtouren. Derzeit prüft die Europäische Arzneimittelbehörde (EMEA) zwei mögliche Kandidaten für einen Prototyp-Impfstoff, aus dem sich im Ernstfall schnell ein passendes Vakzin entwickeln lassen soll. Denn vor dem Auftauchen eines potenziellen Pandemie-Virus lässt sich kein Impfstoff maßschneidern.

Schmuddelwetter bietet dem Virus optimale Bedingungen

Eine H5N1-Impfung für Geflügel, die den Anforderungen aller europäischen Länder gerecht würde, steht aus. Das Problem: Geimpfte und infizierte Tiere lassen sich zurzeit nicht unterscheiden. Im Sommer 2007 will das Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit (FLI) Feldstudien mit einem so genannten Markerimpfstoff starten, der diese Unterscheidung ermöglichen soll. Reihen-Impfungen beim Geflügel sind damit weiter Zukunftsmusik. Und sie bleiben umstritten. In China hätten solche Impfungen eine gefährliche Linie des Virus herangezüchtet, berichteten Wissenschaftler in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften. In Vietnam hingegen habe die Impfung Hühner geschützt, betont Webster. Nachteil: Bei Enten schien sie nicht erfolgreich. "Und Enten sind die trojanischen Pferde des H5N1- Grippevirus."

Ob die Seuche in Wasservögeln auch nach Deutschland kam, darüber rätseln die Experten weiter. Zuletzt wurde das Virus Anfang August bei einem Schwan im Dresdner Zoo entdeckt. Seither gab es keinen weiteren Nachweis. Das jedoch heiße nicht, dass der Erreger nicht weiter in Wildvögeln kreise, warnt FLI-Präsident Thomas Mettenleiter. "Ein einziger Eintrag kann eine gesamte Epidemie auslösen." Bei Tieren, wohlgemerkt. Und mit dem Schmuddelwetter haben die für das Virus idealen Bedingungen gerade erst begonnen.

Martina Rathke und Susan Schädlich/DPA DPA

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