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Neue Ernährungsgewohnheiten: Zunehmen wie Gott in Frankreich

Leben wie Gott in Frankreich war einmal ein Ausdruck für kulinarische Superlative. Doch auch im Paradies der Tafelfreuden hat mittlerweile Tiefkühlkost, Fastfood und die Mikrowelle Einzug gehalten. Die Folgen: immer mehr übergewichtige Menschen, vor allem Kinder.

Die Lammkeule mit feinen grünen Bohnen taucht mittlerweile weitaus seltener auf dem sonntäglichen Speisezettel der Franzosen auf. Der Steinbutt oder Wolfsbarsch am traditionellen Fisch-Freitag wird zwar immer noch frisch angelandet. Ist es aber nicht doch viel einfacher, rasch in die Tiefkühltruhe zu greifen und die Mikrowelle anzuwerfen? Millionen Franzosen schimpfen zwar noch auf die "malbouffe", jenen aus den USA importierten "Schnellfraß". Millionen andere frequentieren unterdessen die Fast-Food-Lokale.

Zwölf Prozent der Kinder haben Übergewicht

Diese Veränderungen in den Ess- und Genussgewohnheiten der Franzosen lassen die Alarmglocken der Gesundheitspolitiker und Ärzte schrillen. Jahr für Jahr steigt der Anteil der übergewichtigen Franzosen weiter an. Sollte das so weitergehen, dann könnte es in einem Jahrzehnt im Land der feinen Küche prozentual so viele Dicke geben wie in den USA - und das, obwohl doch auch die Franzosen auf der Gesundheitswelle surfen.

Eineinhalb Millionen französische Kinder (zwölf Prozent) bringen zu viele Kilos auf die Waage, und die Ärzte sehen darin die Gefahr einer "Gesundheitskatastrophe": "Die Übergewichtigen von heute sind die Herzkranken von morgen", warnt der Verband der Kardiologen. Und lanciert zusammen mit den Kinderärzten eine Aufklärungskampagne, die Eltern dazu bringen soll, ihren Nachwuchs "ausgewogen" zu ernähren. Eine zweite Gefahr lauert angesichts der Tatsache, dass sich das junge Frankreich nicht genügend bewegt. Man schaut lieber dem Zauberkicker Zinedine Zidane im Fernsehen zu statt selbst das Leder zu treten.

Auf Schokoriegel sollen Gesundheitshinweise aufgedruckt werden

Die Automaten mit süßen Leckereien für zwischendurch, Chips und Soda werden in diesen Wochen aus den Schulen verbannt - ein Schritt, der im recht zähen Kampf mit der Lobby der Nahrungsmittelindustrie durchgesetzt werden musste. Ärzte, Verbraucherverbände und auch die Diabetes-Organisationen ließen nicht locker. 2006 sollen dann die Hersteller der süßen Riegel gezwungen werden, bei der Werbung für ihre Produkte "Gesundheitshinweise" zu geben, wie sie unübersehbar auf jedem Päckchen Zigaretten als Warnung ("Rauchen tötet") prangen. In einer nationalen Kampagne nimmt der Pariser Gesundheitsminister bereits den gesundheitsschädlich hohen Zuckerverbrauch aufs Korn.

In den Schulen zählt man jetzt genauer die Kalorien. Eltern sind gehalten, den Kleinen statt Keksen, Schoko-Riegeln und Fruchtsäften ein Stück vom traditionellen Baguette mit etwas Käse oder Konfitüre sowie ein Mineralwasser in die Taschen zu stecken. Geburtstage werden in manchen Kindergärten und Vorschulen jetzt "gebündelt", damit nicht jeden dritten Tag Kuchen und Schlagsahne zur Feier bereit stehen.

"Frankreich bleibt das Land der Kochkultur"

Die Vorbilder Amsterdam und Lausanne standen für Gemeinden im Großraum Paris Pate, die schier Ungeheuerliches propagieren - Kinder sollen zu Fuß in den Kindergarten gebracht werden! Man könnte den Eltern auch noch eine aktuelle Studie in die Hand drücken, wonach sich die Chancen eines Arbeitslosen auf ein Job-Gespräch drastisch verringern, wenn schon sein Foto deutlich macht, dass er "fett" ist.

Und was die gute Küche angeht, so sehen nicht alle Gott aus dem Paradies verscheucht. "Frankreich bleibt das Land der Kochkultur, und auch wenn Dickleibigkeit auf dem Vormarsch ist, so gibt es bei uns immer noch weniger mit zu vielen Kilos als anderswo", beruhigt der Autor und Soziologe Jean-Claude Kaufmann. Ein Streifzug über einen der zahlreichen Pariser Märkte beweist in der Tat, dass allen Trends zum Trotz die Lammkeule aus Sisteron immer noch gefragt ist, ebenso die frische Cavaillon-Melone oder ein gutes Stück vom Charolais-Rind.

Hanns-Jochen Kaffsack/DPA

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