VG-Wort Pixel

Zeugin aus dem Wuhan-Labor Virologin Danielle Anderson spricht erstmals über ihre Arbeit im Wuhan-Labor

Das "Wuhan Institute of Virology" steht unter Beschuss.
Das "Wuhan Institute of Virology" steht unter Beschuss.
© Picture Alliance
Anderson arbeitete als einzige Frau aus dem Westen im Hochsicherheitslabor von Wuhan. Ihre Eindrücke von der Arbeit dort widersprechen den Spekulationen, dass das Coronavirus aus diesem Labor kam.

Danielle Anderson arbeitete wenige Wochen, bevor die ersten bekannten Fälle von Covid-19 auftauchten, im inzwischen geheimnisvollsten Labor der Welt. Anderson ist Expertin für Fledermausviren, daher forschte sie als einzige Ausländerin im BSL-4-Labor des Wuhan Institute of Virology. Ihr Einsatz endete kurz vor dem Covid-Ausbruch.

Spekulationen über Labor-Ausbruch

Der Ausbruch der Pandemie so nah am stärksten gesicherten Hochsicherheitslabors Chinas – dieser Zusammenhang hat Spekulationen darüber geweckt, ob der Ursprung der Pandemie nicht in diesem Labor zu suchen sei. Die Leiterin der Abteilung für neu auftretende Infektionskrankheiten, Shi Zhengli, wird in westlichen Medien gern "Batwoman" genannt. Ihr wird vorgeworfen, natürlich auftretende Viren künstlich gefährlicher gemacht zu haben. Wegen der Hetze und der Bedrohung durch Extremisten aus den USA, habe Anderson lange gezögert, sich öffentlich zu äußern, sagte sie zu "Bloomberg". Gegenüber dem Portal brach sie ihr Schweigen.

Diese Schreckensberichte der Presse decken sich nicht mit den Eindrücken von Anderson. Anderson kann auf eine steile Karriere zurückblicken, ihr Forschungsschwerpunkt führte sie nach Wuhan, sie fragt, warum tödliche Viren wie Ebola und Nipah bei den Fledermäusen keine Krankheiten verursachen. Das ist einer der Gründe, warum Fledermäuse so populär in der Virologie sind.

Anderson war in Wuhan, als das Virus begann, sich auszubreiten. Ihre tägliche Arbeit führte sie mit chinesischen Wissenschaftlern zusammen. Jeden Morgen versammelten sie sich an einem Treffpunkt, um einen Bus zu nehmen, der sie zum etwa 30 Kilometer entfernten Institut brachte. Da sie die einzige Ausländerin war, kümmerten sich die Kollegen um sie. "Wir gingen zusammen essen, aßen zu Mittag und sahen uns auch außerhalb des Labors."

Hohe Sicherheitsstandards

"Es ist nicht so, dass es langweilig war, aber es war ein normales Labor, das auf die gleiche Weise wie jedes andere Hochsicherheitslabor arbeitete", so Anderson zu "Bloomberg". "Was die Leute sagen, trifft es einfach nicht, wie es ist."

Berichte, dass es chinesische Labore nicht so genau mit der Sicherheit nehmen, kann Anderson nicht bestätigen. Sie war beeindruckt von den Sicherheitsmaßnahmen des Biocontainment-Labor des Instituts. Das Betongebäude hat die höchste Biosicherheitsklasse. Luft, Wasser und Abfall werden gefiltert und sterilisiert, bevor sie die Einrichtung verlassen. Es gab strenge Protokolle und Anforderungen, die darauf abzielten, die untersuchten Krankheitserreger einzudämmen, so Anderson. Bevor sie beginnen durfte, wurde sie, die erfahrene Forscherin, einem 45-stündigen Training für die Arbeit im Labor unterzogen.

"Das ist sehr, sehr umfangreich", so Anderson. Das Betreten und Verlassen der Anlage war ein sorgfältig choreografiertes Unterfangen. Jeder musste eine chemische Dusche und danach eine persönliche Dusche nehmen, bevor er die Anlage verlassen konnte.

Derartige Regeln sind in allen Laboren der BSL-4-Klasse vorgeschrieben. In einigen Punkten wichen die Chinesen allerdings von internationalen Praktiken ab. Positiv. Das Labor in Wuhan verwendet ein spezielles Verfahren zur täglichen Herstellung und Überwachung seiner Desinfektionsmittel. Dieses System hat Anderson so beeindruckt, dass sie es später in ihrem eigenen Labor einführte. Ebenso die Praxis, dass alle Mitarbeiter nonstop mit einer Sicherheitszentrale verbunden sind.

Keine Auffälligkeiten

Anderson sagte "Bloomberg" weiter, dass niemand, den sie am Wuhan-Institut kennt, gegen Ende 2019 erkrankt war. Außerdem gab es ein komplexes System zur Meldung von Symptomen. "Wenn die Leute krank waren, nehme ich an, dass ich auch krank gewesen wäre – und das war ich nicht. Ich wurde in Singapur auf das Coronavirus getestet, bevor ich geimpft wurde, und ich hatte es nie." Viele Kollegen aus Wuhan traf sie Ende Dezember in Singapur bei einer Konferenz über das Nipah-Virus. Es gab keinen Hinweis auf eine Krankheit. "Es gab kein Gerede", so Anderson. "Wissenschaftler sind geschwätzig und aufgeregt. Aus meiner Sicht gab es zu diesem Zeitpunkt nichts Merkwürdiges, das einen denken lassen würde, dass hier etwas vor sich geht."

Die Theorie, dass das Virus absichtlich hergestellt wurde, um Menschen zu infizieren und dann absichtlich freigesetzt wurde, weist sie zurück. Um ein Virus künstlich zu erzeugen, seien mehrere Genehmigungsstufen nötig und der Erfolg ungewiss. Ihr Labor in Singapur war eines der ersten, die das Sars-CoV-2 von einem Covid-Patienten außerhalb Chinas isolierte und dann das Virus nachzüchten konnte. Selbst für ein mit Coronaviren vertrautes Team war der ganze Vorgang außerordentlich kompliziert, die Eigenschaften des Virus seien so komplex, dass niemand es hätte künstlich entwickeln können. "Die Schlüsselaspekte des Virus würde niemand beherrschen, der versucht, ein neues Virus herzustellen", so Anderson.

Denkbar wäre es, dass ein Wissenschaftler im Labor an einer Gain-of-Function-Technik gearbeitet hat, sich unwissentlich infizierte und dann ungewollt andere angesteckt hat. Zumindest in der Theorie. Da es aber keinen Beweis dafür gibt, schätzt Anderson die Wahrscheinlichkeit als äußerst gering ein. Die Forscherin sagt, grundsätzlich sei es nicht unmöglich, dass ein Virus aus einem Labor ausbreche. Sie erinnert daran, dass es das ursprüngliche Sars-Virus nach dem Ausbruch 2002 mehrmals geschafft hatte, aus gesicherten Einrichtungen herauszukommen. Wenn es Beweise gäbe, könnte sie "überlegen, wie es vielleicht passieren könnte. Ich bin nicht so naiv zu sagen, dass ich das absolut ausschließen würde."

Alle Zutaten für einen natürlichen Ursprung 

Doch die Virologin nimmt an, dass das Virus höchstwahrscheinlich aus einer natürlichen Quelle stammt. Bei Sars habe man fast ein Jahrzehnt gebraucht, um dem Ursprung in der Natur zu finden, daher sei sie nicht überrascht, dass der Ursprung von Covid noch ungeklärt ist. Unabhängig von Spekulationen über das Labor ist es sicher, dass in Wuhan die Bedingungen herrschten, die sonst auch derartige Infektionsausbrüche auslösen, so die Vermischung von Menschen und Wildtieren. Dort herrschte eine Umgebung, die das Übergreifen einer neuen zoonotischen Krankheit begünstigte. Wenn es so geschehen ist, folgte das Auftreten von Covid-19 dem bekannten Muster. "Das Virus war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und alles reihte sich aneinander, um diese Katastrophe auszulösen."

Quelle: Bloomberg


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker