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Virus außer Kontrolle Indien kämpft gegen Corona: "Unser Ziel ist, die Kinder am Leben zu halten"

Das kleine Mädchen wird auf Covid-19 getestet
Das kleine Mädchen wird auf Covid-19 getestet
© Naveen Sharma/ / Picture Alliance
Seit zwanzig Jahren kümmert sich der Schneider Kuku Arora in der indischen Hauptstadt Delhi um Kinder aus armen Familien. Im Interview erzählt er, wie hart die Corona-Pandemie Indien trifft.
Bettina Sengling

Kuku und Priti Arora, Schneider aus New Delhi, gründeten die NGO Sunshine Project 2002. Damals fiel ihnen auf der Straße ein zweijähriges Mädchen auf, das von ihren Eltern zum Betteln geschickt wurde. Die Aroras boten an, sich tagsüber um das Kind zu kümmern. Aus der spontanen Hilfsaktion wurde bald eine Tagesbetreuung für 270 Kinder, die alle im Slum leben. Sie bekommen Essen, Kleider, Schuluniformen. Nachhilfelehrer unterstützen sie auf dem Weg zu ihrem Schulabschluss. Den Eltern helfen die Aroras bei der Suche nach Jobs. Wegen des Lockdowns und der Pandemie musste die Tagesbetreuung Anfang April schließen.

Die Bilder von Corona-Kranken, die vor überfüllten Krankenhäusern in New Delhi auf Bahren liegen, gehen derzeit um die Welt. Wie schlimm ist der Alltag in ihrer Stadt?

An manchen Eingangstüren von Krankenhäusern hängen mittlerweile Schlösser: Niemand wird mehr hineingelassen. Sie sind überfüllt. Ein enger Freund von mir liegt in einem staatlichen Krankenhaus. Ich telefoniere jeden Tag mit ihm. Er sagt, dass Menschen auf dem Flur liegen. In seinem Zimmer ist eigentlich Platz für 20 Patienten. Jetzt liegen 70 darin. Manche teilen sich ein Bett. Ein Zimmer auf dem Flur dient als Toilette.

Kuku mit Kindern
Kuku Arora kümmert sich darum, dass die Kinder des Slums Essen, Kleider, Schuluniformen und Nachhilfe bekommen

War es schwer, dieses Bett zu bekommen?

Nicht nur schwer, sondern beinahe unmöglich! Mein Freund musste die Fahrer des Krankenwagens bestechen. 39.000 Rupien haben sie genommen, umgerechnet fast 450 Euro, obwohl die Fahrt eigentlich umsonst sein sollte. So viel wie die Sanitäter jetzt verdienen, haben sie in den vergangenen zehn Jahren nicht bekommen. Im Krankenhaus musste er nochmal bezahlen, damit man ihn aufnimmt.

Es heißt, Sauerstoff sei knapp. Wird Ihr Freund versorgt?

In den vergangenen Tagen sind allein in Delhi mehr als hundert Menschen gestorben, weil in ihrem Krankenhaus auf einmal der Sauerstoff verbraucht war und es keinen neuen mehr gab. Mein Freund wird derzeit mit Sauerstoff versorgt. Er ist dort seit drei Tagen, hat seither aber noch keinen Arzt gesehen. Nur am Morgen kam jemand, um die Flasche auszutauschen. Überall fehlt Personal. Die gesamte medizinische Versorgung ist zusammengebrochen.

Was passiert mit Patienten, die krank oder verletzt sind, aber nicht Corona haben?

Ich weiß nicht, wo sie noch behandelt werden.  Es gibt meines Wissens keine Knieoperationen mehr, keine Nierendialysen, keine Tumorbehandlungen. Nur noch Corona. Sogar Schulen werden in Corona-Krankenhäuser umgewandelt.

In Indien wurden mehr als 40 Millionen Menschen bereits geimpft. Sind die Ärzte in Delhi vor der Infektion geschützt?

Nach offiziellen Angaben wurden 80 Prozent des medizinischen Personals mit der ersten Dosis geimpft. Das heißt nicht, dass sie nicht positiv sein können. Es gibt allerdings nicht genügend Tests, um das zu überprüfen. Viele arbeiten trotz Symptomen. Ihnen bleibt keine andere Wahl.

Versorgen sich die Menschen deshalb zur Vorsicht privat mit Sauerstoffflaschen?

Die Menschen stehen in der Hitze Stunden lang in einer Schlange, um einen Zylinder zu ergattern. Statt umgerechnet etwa 60 Euro kostet einer jetzt etwa 3.000 Euro. In den Krankenhäusern fehlen sie durch diese Plünderei. Es herrscht Chaos.

Angehörige von Covid-Patienten stehen Schlange, um die Sauerstoffflaschen aufzufüllen
Angehörige von Covid-Patienten stehen Schlange, um die Sauerstoffflaschen aufzufüllen
© Amarjeet Kumar Singh/ / Picture Alliance

Auf vielen Fotos ist zu sehen, wie Menschen ihre Toten auf Parkplätzen oder anderen Plätzen verbrennen, weil die Krematorien überfüllt sind ...

Man kann den Rauch dieser Verbrennungen über der Stadt sehen. Sie können sich nicht vorstellen, wie beängstigend das ist. Viele Menschen haben Angst. Es gibt sehr viele Tote, viel mehr als die offiziellen Zahlen zeigen. Für mich hat die Statistik jetzt auch Gesichter. Ich kenne viele, die an der Krankheit gestorben sind, auch viele junge Leute.

Wo werden die Toten verbrannt?

Auf speziellen Plätzen neben den Krematorien. Selbst auf eine solche Verbrennung muss man derzeit etwa zwei Tage warten, so viele sind es. Ein Bekannter erzählte mir, dass nicht einmal genug Holz ausgegeben wird. Die Toten werden ja auf Scheiterhaufen bestattet. Die Körper verbrennen deshalb oft nicht vollständig.

Die Corona Toten werden neben den Krematorien verbrannt
Die Corona Toten werden neben den Krematorien verbrannt
© Amarjeet Kumar Singh/ / Picture Alliance

In der Stadt herrscht ein strenger Lockdown. Sind die Straßen leer?

In Indien sind sie das nie. Viele müssen betteln. Sie leben auf der Straße und können nirgendwohin. Eigentlich darf man das Haus nur mit einem elektronischen Ticket verlassen. Ich kenne jedoch niemanden, der das bekommen hat, weil die Prozedur so kompliziert und bürokratisch ist. Auch ich habe es etwa zehnmal vergeblich beantragt. Also gehe ich wie alle ohne dieses Ticket einkaufen.

Haben die Geschäfte geöffnet?

Nur die für Lebensmittel. Die meisten Läden arbeiten quasi illegal, weil auch sie die digitale Erlaubnis nicht bekommen haben. Der Verkauf läuft quasi durch den Hintereingang. Alles ist unklar, unsicher. Aber der Lockdown ist jetzt unsere einzige Chance, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.

Sie versorgen 270 Kinder, die im Slum leben. Wie geht es den Kindern?

In diesem Slum gibt es meines Wissens bislang keine Corona-Kranken, deshalb macht die Pandemie den Menschen dort keine großen Sorgen. Das Virus kann sie infizieren, wird sie vielleicht infizieren, irgendwann einmal. Aber der Hunger ist schon da. Die Menschen dort denken nicht an die Zukunft. Einmal versuchte ich einen Mann zu überreden, seine Tochter in die Schule zu schicken. Ich sagte: In 15 Jahren wird sie von allen geachtet, sie wird einen guten Job haben, ihr Leben wird sich ändern. Er sagte: Du kannst Dir Gedanken darüber machen, was in 15 Jahren sein wird, weil du weißt, was Du heute Abend essen wirst. Ich kann das nicht, weil ich nicht weiß, ob ich heute noch essen werde oder nicht. Ihr Ziel ist, heute zu überleben. Der Rest kommt später.

Kinder im Klassenraum
Mit dem Sunshine Project schafften es Kuku und Priti Arora 270 Kinder zu versorgen. So wie hier auf dem Bild, geht das jetzt nicht mehr

Wie verdienen die Familien im Lockdown ihren Lebensunterhalt?

In den letzten 15 Jahren haben wir mehr als 150 Jobs gefunden, damit die Eltern ihre Kinder besser versorgen konnten. Sie waren Gärtner, Putzfrauen, Kindermädchen. 15 Leute haben alleine in einem Kino gearbeitet. Alle haben ihre Jobs verloren. Ich fühle mich so hilflos. Wir haben so viel verloren. 

Wie kommen sie über die Runden?

Einige haben Erspartes. Oder sie betteln wieder. Um Geld zu sparen, ziehen Familien zusammen. Erst lebten sechs Leute in einem Zimmer, jetzt sind es manchmal zehn.

Wie funktioniert das im Lockdown?

Sie können nicht im Zimmer bleiben, sie gehen raus. Denn wenn alle drinnen sind, sitzen sie buchstäblich aufeinander.

Wie helfen Sie den Familien?

Unser Ziel ist, sie am Leben zu halten. Wir geben den Kindern jeden Tag Lebensmittel, von denen dann meist eine große Familie leben muss. Heute gab es Nudeln und Zucker für den Tee, gestern Reis und Linsen. Morgen gibt es Öl zum Kochen und Salz. Hätten wir mehr Geld, könnten wir ihnen jeden Tag ein bisschen mehr geben. Die Menschen verlassen sich auf mich. Das ist eine riesige Verantwortung.

Die Kinder stehen Schlange, um vom Sunshine Project mit Masken und Seife versorgt zu werden
Die Kinder stehen Schlange um vom Sunshine Project mit Masken und Seife versorgt zu werden

Können die Menschen sich ausreichend gegen das Virus schützen?

Wir verteilen auch Seife, außerdem Masken, die wir selbst genäht haben. Siemens und das deutsche Unternehmen BoxMeo haben Boxen gespendet, in denen sie aufbewahrt und desinfiziert werden.

Viele Bewohner des Slums arbeiten als Tagelöhner. Wie überstehen sie den Lockdown?

Wenn sie nichts verdienen, haben sie nichts zu essen. Und wenn ein Mensch hungrig ist, macht er alles. Er stiehlt, raubt. Und du kannst ihnen das nicht vorwerfen. Andere gehen zurück in ihre Heimatdörfer, auch einige Familien aus unserem Projekt.

Ist das Leben dort einfacher?

Dort erkranken die Menschen auch, aber die Lage ist nicht so dramatisch wie in den Städten. Viele Bewohner der Slums denken, dass die Menschen im Dorf sich eher gegenseitig helfen als in der Stadt. Lebensmittel sind billiger, so dass sie von ihren Ersparnissen länger leben können. Manche gehen auch, weil sie wissen, dass sie im Dorf friedlich sterben können und nach den richtigen Ritualen beerdigt werden. Das ist wichtig, denn sonst werden sie nach hinduistischem Glauben nicht wiedergeboren. In Delhi gibt es keinen friedlichen Tod.

Auch nach der ersten Corona-Welle zogen viele Tagelöhner auf das Land. Kehrten sie danach wieder zurück?

Fast alle kamen wieder. Auf dem Land gibt es keine Jobs, deshalb sind sie von dort aus weggegangen.

Fahren Busse und Züge noch?

Die Infrastruktur funktioniert nur eingeschränkt. Alle Tickets sind deswegen sehr teuer. Viele machen sich deshalb zu Fuß auf den Weg, auch etwa 50 Familien aus unserer Organisation.

Jeder, der älter als 45 Jahre ist, darf sich impfen lassen. Sind auch die Menschen im Slum geimpft?

Etwa zehn Prozent der Eltern haben eine erste Dosis erhalten. Es ist eine schwierige Prozedur. Viele haben keinen Personalausweis. Sie mussten sich online registrieren. Außerdem kostet die Impfung bislang noch Geld. Erst ab Anfang Mai soll sie umsonst sein. Doch auch Menschen mit Impfung erkranken inzwischen. Das Virus ist offenbar durch die Mutationen gefährlicher als während der ersten Welle.

Ein Jahr lang ist Indien gut durch die Pandemie gekommen. Wieso kam es Ihrer Meinung nach zu dieser Katastrophe?

Weil wir uns selbst ständig gesagt haben, wie gut wir durch die Pandemie gekommen sind. Alle sind nachlässig geworden. Außerdem gab es viele religiöse Feierlichkeiten. Sogar die Kumbh Mela fand statt, das größte religiöse Fest der Welt, quasi ohne Corona-Beschränkungen. In einigen Bundesstaaten sind Wahlen mit großen Veranstaltungen.

Betrifft die Pandemie vor allem die Armen?

Nein. Sie betrifft alle. Die Reichen feierten viele Partys, müde vom ersten Lockdown und den Corona-Maßnahmen.

Was würde es bedeuten, wenn das Virus die Menschen im Slum infiziert?

Es würde sich sofort ausbreiten, weil alle auf so engem Raum zusammenleben. Viele der Eltern aus unserem Projekt haben Gesundheitsprobleme.  Das macht die Krankheit noch gefährlicher für sie. Aber wir müssen positiv bleiben und an das Gute denken. Und sie am Leben halten.

Das Sunshine Project in Delhi ist dringend auf Unterstützung angewiesen, um die Kinder weiterhin mit den Nötigsten versorgen zu können. Wir leiten Ihre Spende weiter: IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01, Stichwort "SunshineProject"; Stiftung stern


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