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"Sorgentelefon": Wie Putin sein Volk beruhigt

"Wir lösen das Problem", verspricht Wladimir Putin gleich mehrfach. Einmal im Jahr beantwortet Russlands Präsident die Fragen seiner Bürger live am Telefon. Doch die Offenheit des Kremlchefs hat klare Grenzen.

So schön kann sonst nur die Propaganda-Abteilung im Kreml formulieren: Warum wolle Wladimir Putin nicht für eine dritte Amtszeit das stabile, wunderbare Russland regieren?, fragt ein Bürger aus der Wolgastadt Uljanowsk per Telefon seinen Präsidenten. Putin atmet bei der live übertragenen Fragestunde tief durch und setzt dann zu einer vielsagenden Antwort an. Er sei dagegen, die Verfassung wegen einer dritten Amtszeit zu ändern. "Ich werde schon, wie die Soldaten sagen, meinen Platz in der Reihe finden", orakelt der Kremlchef.

Präsident der Hoffnung

Putin hat es sich zur Gewohnheit gemacht, einmal im Jahr mit einem gewaltigen Medienaufwand Fragen aus allen Ecken des Riesenreiches zu beantworten. Das Interesse ist gewaltig: Mehr als eine Million Menschen versuchen per Fernsehübertragung, Telefon, Internet oder SMS mit ihren Sorgen und Nöten beim Kremlchef Gehör zu finden. In Russland haben die meisten Bürger wenig Vertrauen in das politische System und dessen ausführende Organe. Sie setzen ihre Hoffnung auf den Präsidenten.

Vor allem soziale Probleme bedrücken die Russen. "Wann bekommt unsere Verteidigungsindustrie endlich wieder Aufträge von den eigenen Streitkräften", fragt ein Dreher aus der Industriestadt Ischewsk im Gebiet Udmurtien. Eine Mutter möchte erfahren, weshalb sie für ihren achtjährigen Sohn nur 70 Rubel (2 Euro) Kindergeld im Monat erhalte. Und die Buchhalterin Vera Alexandrowna fragt sich, weshalb bis heute die Zinsen für Wohnungskredite so unverschämt hoch seien.

Wenn Putin zum Volk spricht, läuft die Medienmaschinerie auf Hochtouren. Die beiden staatlichen Fernsehkanäle übertragen live. In den knapp drei Stunden des "Putinschen Sorgentelefons" verbreitet die Nachrichtenagentur Interfax 187 Meldungen von dem Ereignis.

Auswahl nach "Aktualität und Wichtigkeit"

Das Konzept schließt aus, dass heikle Fragen direkt an Putin gerichtet werden. Ein Mitarbeiterstab sortiere die Anfragen nach "Aktualität und Wichtigkeit", berichten russische Medien. In der nördlich des Polarkreises gelegenen Stadt Workuta, einem von insgesamt zwölf Übertragungsorten, seien nur Personen mit Sonderausweisen vorgelassen worden, beklagt die Menschenrechtsorganisation "Memorial". Als ein Rentner ohne Ausweis ebenfalls auf seinem Recht beharrte, eine Frage an den Präsidenten im fernen Moskau zu richten, hätten Wachleute den Mann niedergerissen und ihm das Gebiss herausgeschlagen.

Putin hat es in seinen knapp sechs Jahren im Amt gelernt, die hochtrabenden Ambitionen des Kremls und die bittere Realität in vielen Familien, Betrieben und Städten in Einklang zu bringen. "Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir werden das Problem in nächster Zeit lösen", verspricht Putin mehrfach.

Eine Tschetschenin, die wie tausende andere Mütter im Konfliktgebiet die Entführung ihres Sohnes beklagt, bekommt eine allgemeine Empfehlung. Sie solle die tschetschenische Parlamentswahl im November unterstützen, das werde den Friedensprozess voranbringen, rät der Präsident der verzweifelten Mutter.

Stefan Voß/DPA / DPA
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