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09/11-Komission: Attentäter schlüpften durch die laxen Kontrollen

Ein Überwachungsvideo des Washingtoner Flughafens zeigt, wie mehrere Attentäter am Morgen des 11. Septembers 2001 bei der Kontrolle Alarm auslösten und dennoch in das Flugzeug gelassen wurden.

Vier von fünf Flugzeugentführern, die am 11. September 2001 eine Maschine auf das Pentagon stürzen ließen, sind zuvor am Flughaften kontrolliert worden. Obwohl zwei von ihnen sogar auf einer Fahndungsliste standen, durfte die Gruppe am Washington Dulles International Airport unbehelligt in Flug 77 der American Airlines einsteigen. Dies beweisen Aufnahmen einer Sicherheitskamera, die der Nachrichtenagentur AP vorliegen. Das Material ist das einzige bekannte Video, das Attentäter des 11. Septembers auf dem Weg zu den entführten Flugzeugen zeigt.

Alle 58 Passagiere - darunter auch die Entführer - und sechs Mitglieder der Crew starben bei dem Anschlag in Washington. Außerdem kamen 125 Beschäftigte des US-Verteidigungsministeriums ums Leben, als die Maschine um 9:39 Uhr Ortszeit auf das Pentagon stürzte.

Angehörige der Opfer ließen Video veröffentlichen

Der Mitschnitt wurde am Mittwochabend veröffentlicht. AP erhielt das Video von der Anwaltskanzlei Motley Rice, die einige Familien der Opfer bei einer Klage gegen Fluggesellschaft und Sicherheitsindustrie vertritt. Am Donnerstagnachmittag sollte der Abschlussbericht der Untersuchungskommission zum 11. September vorgelegt werden.

Details sind auf dem körnigen Video nur schwer zu erkennen. Aber ein vorläufiger Bericht der Kommission deckt sich mit den Bildern von der Sicherheitskontrolle. Die Männer sind alle unauffällig gekleidet, Messer oder andere spitze Gegenstände sind auf dem Überwachungsvideo nicht zu erkennen. Nach Meinung der Untersuchungsbehörden trugen die Entführer auf dem Flughafen Dulles Handwerksmesser entweder persönlich bei sich oder in ihrem Gepäck. Damals konnten solche Messer noch legal an Bord genommen werden, wenn die Klingen weniger als zehn Zentimeter lang waren und nicht als bedrohlich eingeschätzt wurden. Auf dem Video gibt es keinen Hinweis, dass die Sicherheitsposten die Männer wegen irgendwelcher Messer befragt hätten.

Sogar ein zweiter Alarm wurde ausgelöst

Das Video zeigt zunächst die Entführer Khalid Al Midhar und Majed Moqed bei der Auslösung des Alarms, als sie die Sicherheitskontrolle um 07:18 Uhr passieren. Moqed löste sogar einen zweiten Alarm aus, ein Sicherheitsangestellter untersuchte ihn per Hand mit einem Metalldetektor. Von beiden ist bekannt, dass sie schon früher zusammen gereist sind und ihre Tickets für Flug 77 am 5. September 2001 am Schalter von American Airlines auf dem Flughafen von Baltimore gekauft hatten.

Nur Hani Hanjour, der später am Steuer von Flug 77 gesessen haben soll, passierte die Sicherheitskontrolle in Dulles an diesem Morgen ohne eine Nachkontrolle. Kurz nach ihm folgten die letzten beiden Luftpiraten, die Alhamzi-Brüder. Nawaq Alhamzi, von den Fahndern als rechte Hand des Chefstrategen Mohammed Atta beschrieben, löste gleich zweimal den Alarm eines Metalldetektors aus, auch er wurde danach per Hand kontrolliert. Nawaq und sein Bruder Salem wurden an einen nahe stehenden Tisch geführt, wo beide den Anschein machten, als betrachteten sie intensiv ihre Tickets; zur gleichen Zeit durchsuchte ein Mitarbeiter des Sicherheitspersonals das Handgepäck mit einem Sprengstoff-Detektor. Beide durften schließlich an Bord von Flug 77 steigen.

Zwei Attentäter standen auf Fahndungsliste

Die amerikanische Sicherheitsbehörde NSA wusste seit dem Frühjahr 1999, dass Al Midhar und Nawaq Alhamzi mit Al Kaida in Verbindung standen. Beide wurden am 24. August 2001 auf eine Liste der Terrorfahndung gesetzt.

"Sogar nach dem Alarm untersuchten Fluggesellschaft und Sicherheitsdienst nicht das Gepäck der Flugzeugentführer, so wie es die nationalen Vorschriften und industrieweiten Standards verlangt hätten; auch war niemand in der Lage, die Waffen zu finden, die bei der Entführung benutzt wurden" sagte Anwalt Ron Motley.

Verwunderung über die laxen Kontrollen

Elaine Teague, die wegen des Todes ihrer 31-jährigen Tochter Sandra geklagt hat, sagte, das FBI habe ihr zuvor schon das Filmmaterial gezeigt. Allerdings seien die Gesichter der Terroristen digital unkenntlich gemacht worden. Teague sagte, sie sei überrascht, wie lax die Sicherheitsprüfung war. Denn schließlich hätten die Fluggesellschaften zuvor drei Warnungen erhalten: Erst im Juni 2001 sei die Rede davon gewesen, dass amerikanische Einrichtungen Ziel eines Terroranschlags werden könnten.

John Solomon und Ted Bridis, AP / AP / DPA
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