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AUSLAND: Angeklagte erschienen vor Taliban-Gericht

Den Angeklagten wird christliche Missionierung in dem radikal-islamischen Staat vorgeworfen. Dafür kann in Afghanistan die Todesstrafe verhängt werden.

In Afghanistan hat am Samstag erstmals vor dem Obersten Gerichtshof einer der acht inhaftierten ausländischen Entwicklungshelfer zum Vorwurf der christlichen Missionierung ausgesagt. »Wir haben niemanden (zum Christentum) bekehrt«, sagte der Direktor der afghanischen Niederlassung der deutschen Hilfsorganisation »Shelter Now« (SNI), Georg Taubmann. »Wir sind schockiert von den Anschuldigungen«, fügte er hinzu. Die acht Angeklagten, darunter vier Deutsche, wurden erstmals dem in Kabul tagenden Gericht vorgestellt. Der Prozess hat bereits am Dienstag begonnen. Den Entwicklungshelfern drohen hohe Strafen.

Todesstrafe bei Missionierung

Während der Ermittlungen waren ihnen viele Vorwürfe gemacht worden, sagte Taubmann dem Gericht. Diese würden jedoch nicht der Wahrheit entsprechen. Seit Dienstag befassen sich der Oberste Richter Nur Mohammed Sakib und 14 Kollegen am Obersten Gericht Afghanistans mit dem Sichten von Beweismaterial, darunter christliche Literatur in afghanischer Sprache. Für Missionierung kann in Afghanistan die Todesstrafe verhängt werden. In dem Land herrscht die radikal-islamische Bewegung der Taliban, die international nicht anerkannt ist.

Erste Öffentlichkeit seit fünf Wochen

Die Angeklagten waren zuvor unter strenger Bewachung der Religionspolizei zum Obersten Gerichtshof gebracht worden und damit zum ersten Mal seit ihre Verhaftung vor fünf Wochen wieder öffentlich zu sehen. Als die Entwicklungshelfer im Hof des Gerichtsgebäudes aus einem Kleinbus ausstiegen, waren die sechs Frauen der Gruppe entsprechend der strengen Bekleidungsvorschriften des Landes mit Schals verschleiert. Zwei der Entwicklungshelfer stammen aus den USA, zwei weitere aus Australien. Außer ihnen wurden auch 16 einheimische Mitarbeiter der Organisation verhaftet.

Diplomaten zur Verhandlung zugelassen

»Die Verhandlung wird öffentlich sein«, sagte ein Berater des Gerichtshofes, Mir Habib Agha, vor Beginn der Sitzung. Zugelassen waren Angaben des Gerichts zufolge diplomatische Vertreter der Heimatländer der Entwicklungshelfer und Angehörige. Auch Journalisten konnten das Verfahren beobachten. Fernseh- und Fotokameras durften jedoch nicht mit in den Gerichtssaal genommen werden.

Inhalt der Anklageschrift unbekannt

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin hatte am Tag zuvor erzählt, dass noch kein Anwalt entsandt wurde und die Inhaftierten noch nicht vorgeladen wurden. Auch der Inhalt der angeblich mehr als 100 Seiten starken Anklageschrift war bislang nicht bekannt. Diplomaten vor Ort bemühten sich darum, dass die Angeklagten eine anwaltliche Vertretung und konularische Betreuung erhalten. Man war zuversichtlich, dass dies zugesagt wird. Die Taliban hatten angekündigt, der Prozess soll für Diplomaten, Journalisten und Angehörige offen sein. Auch sollten die Angeklagten einen Rechtsbeistand erhalten.

Den Angaben zufolge standen die Diplomaten mit den Inhaftierten »mittelbar« in Kontakt und bemühten sich um einen weiteren Besuch bei den Inhaftierten. Die Entwicklungshelfer waren den angaben nach bei guter Gesundheit und wurden gut behandelt, sagte der Sprecher.

Keine Nachsicht für Entwicklungshelfer

Der Außenminister der Taliban-Regierung, Wakil Ahmed Muttawakil, hatte am Donnerstag eine nachsichtige Behandlung der Entwicklungshelfer ausgeschlossen. Dafür wären die Beweise gegen die Organisation SNI zu schwer wiegend. SNI hätte Moslems mit Geld und Visa zum Christentum gelockt. Den Taliban zufolge liegt die letzte Entscheidung über die Strafe beim religiösen Führer der Bewegung, Mullah Mohammad Omar. Nach seiner als »Edikt 14« bekannt gewordenen Verfügung droht Ausländern bei Missionstätigkeiten eine Gefängnisstrafe und die Ausweisung, afghanische Moslems dagegen werden hingerichtet.

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