Einmal Shanghai, bitte! Chinesisch füll Foltgeschlittene


Wer sich in China nach dem Weg erkundigt, anstelle einer Antwort aber eine schallende Ohrfeige bekommt, hat vielleicht nur falsch gefragt. Nicht nur hier gilt: Vorsicht, Verwechslungsgefahr!
Von Tilman Wörtz

Chinesisch lernen ist schwierig, das weiß jeder. "Kannst Du schon ein bisschen 'Ching, Chang Chong'?", werd' ich immer gefragt. Und in der Frage steckt verdammt viel Weisheit. Denn Chinesisch klingt selbst nach vielen Monaten Paukerei wie Sprachsalat. Eine neu gelernte Vokabel trägt nicht zur besseren Verständigung, sondern nur zum nächsten Missverständnis bei.

Die größte Tücke der Sprache liegt im feinen, aber überhaupt nicht kleinen Unterschied der vier verschiedenen Töne, mit denen eine Silbe nuanciert werden kann. Ein kleiner Schlenker nach unten bei der Aussprache von "shi" macht aus dem "Löwen" ein "Zimmer". Wer den Laut "shi" von unten nach oben zieht, spricht dagegen von einem "Stein". Chinesische Ohren sind sensibler als europäische. Zum Glück wissen das die Chinesen und verzeihen präventiv.

Im Chinesisch-Unterricht sagt man zwangsläufig irgendwann den Satz: "Ich möchte Dich fragen, ...". "Fragen" heißt "wèn", mit abfallendem Ton. Küssen heißt auch "wen" mit abfallendem, dann aber wieder kurz aufsteigendem Ton. Vor lauter Eifer hab' ich natürlich mal ein bisschen zu lang mit dem "wen" rumgemacht. Aus dem "fragen" wurde ein "küssen". Coco, meine Lehrerin, hat geantwortet, ich dürfe. Ohne rot zu werden. Sie bezog sich auf das "fragen". Der Fehler kommt ihr öfters unter.

Ähnliches Problem bei: "Ich hab' genug gegessen" - "Wo chi gou le". "Gou" mit abfallendem Ton. Gäste, die voll guter Laune dem "Gou" noch einen Schlenker nach oben verpassen, sagen: "Ich habe Hund gegessen." Was in China natürlich nichts Anstößiges ist. Aber Europäer fühlen sich dann doch ein bisschen schlecht.

Spaßvögel

erzielen dank der Verwechslung mit den Tönen ihre größten Punktsiege. Sehr beliebt ist folgende Frage an eine Kellnerin nach fortgeschrittenem Reisschnapskonsum: "Shui jiao yi wan duo shao qian?" - "Wieviel kostet eine Schüssel Maultaschen?" Der Satz muss korrekt ausgesprochen, dann aber mit einem schlüpfrigen Grinsen versehen werden, damit jeder versteht, dass eigentlich eine alternative Betonung gemeint war: "Wie viel kostet eine Nacht mit Ihnen?"

Es soll sich niemand vormachen, durch einen Blick ins Wörterbuch könnten solche Feinheiten begriffen werden. Schon gar nicht durch ein Wörterbuch wie meines, in dem "leicht" mit dem Satz erklärt wird: "Diese Werkbank ist leicht zu betätigen." Man muss sein Ohr viele Monate lang an die Feinheiten gewöhnen. Das Hirn muss blitzschnell reagieren können.

Zu dem Problem mit den vier Tönen kommt ein weiteres: Oft unterscheiden sich Wörter nur durch ein Summen oder ein Lüftchen über der Zahnreihe. So wird schnell aus einem kultivierten Menschen, der in einer Bibliothek nach "diesem Buch" fragt ("zhe ben shu"), ein Barbar, der es "essen will" ("chi shu"). Ein Freund, den ich durch Shanghai führte, machte ein Foto von einem Polizisten an einer Kreuzung. Er bedankte sich höflich, allerdings nicht mit "Xie Xie", wie sich das gehört, sondern mit "Jie Jie", was "kleine Schwester" bedeutet. Wir sind dann schnell zur nächsten Sehenswürdigkeit weitergeeilt.


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