Einmal Shanghai, bitte! Fachkräfte zu Feldarbeitern!


Wer in China als IT-Fachkraft durch die Provinzen reisen und in Gummistiefeln über Felder stapfen muss, stößt in seinem privaten Umfeld schnell auf Unverständnis. So viel Verachtung für das Landleben können Europäer nur schwer nachvollziehen.
Von Tilman Wörtz

Ich habe eine Bekannte, die alle Qualitäten einer Shanghaierin aufweist: Sie kann mit kleinen, schnellen Schritten über das Trottoir stöckeln und dabei trotzdem noch ihre Hüften wiegen, sie trägt enge Oberteile, die ihr tatsächlich stehen, hat systematisch und elegant zerzaustes Haar und einen beißenden Humor, den sie am liebsten auf Leute aus der Provinz loslässt.

Auf einer Ausstellung des deutschen Fotografen Jan Siefke, der mit einem DAAD-Stipendium durch ganz China gereist war, kommentierte meine Bekannte das Foto eines Bauern folgendermaßen: "Stell Dir jetzt das Negativ von diesem Abzug vor. Wen siehst Du dann vor Dir?" Die Frage war rhetorisch gemeint, ich sollte zum Vorstellen auch gar nicht die Augen schließen.

Als wir gestern mal wieder Essen waren, druckste sie lange herum, bis sie mir verriet, dass sie den Job gewechselt hat. Bisher hatte sie als Sales Managerin einer koreanischen IT-Firma gearbeitet. IT hat sie auch studiert, IT klingt gut. Ihr Chef hatte aber selbst die kleine Woche Urlaub kritisiert, die sie in zwei Jahren genommen hatte. "Jetzt arbeite ich auf der unteren Hälfte der Wertschöpfungskette", gestand sie, und es huschte ein Rot über ihr Gesicht, das fast ordinär mit ihrer schwarzen Samtbluse kontrastierte.

"Herbal Health" heißt ihre neue Firma, ein amerikanisches Unternehmen, das mit organisch angebauten Kräutern handelt. Um die richtigen zu finden, muss meine Bekannte jetzt regelmäßig durch Chinas Provinzen reisen, in modrigen Hotels übernachten und in Gummistiefeln über Felder stapfen. "Kannst Du Dir das vorstellen?" Ich konnte nicht. Auch vielen ihrer Freunde fehlt dafür die nötige Phantasie. Deshalb hat sie es ihnen gar nicht erst erzählt. Wenn sie mal nach Ürümqi verreisen muss, gibt sie als Grund ein paar Urlaubstage an. Nicht mal "IT-Fachmesse" funktioniert dort als Ausrede.

Nur ihre beste Freundin weiß Bescheid. Sie zieht meine Bekannte jetzt permanent auf, bestellt Gemüse bei ihr statt im Supermarkt oder ruft sie morgens um fünf Uhr an und fragt, warum sie denn noch nicht auf dem Feld arbeite. "Erdig" nennt meine Bekannte ihren neuen Job. Aber ihr Einkommen sei "mindestens genauso hoch" wie vorher.

Für einen Europäer ist so viel Verachtung für das Landleben schwer nachzuvollziehen. Ein Schanghaier verdient allerdings zehn Mal so viel wie ein Bauer, Angestellte einer ausländischen Firma wie meine Bekannte noch viel mehr. In Deutschland dagegen liegt der Monatsverdienst eines Bauern im Schnitt der Gesamtbevölkerung. Es ist erstaunlich, wie präzise Statistiken selbst so komplexe Dinge wie Eitelkeit erklären können.

Ich habe Verständnis

für den Rollenkonflikt meiner Bekannten und suche nach erbaulichen Aspekten ihrer neuen Arbeit. Ich sage ihr, dass ich in Deutschland viele nette Leute kenne, die organische Lebensmittel kaufen und dafür sogar mehr zahlen als für normale. Außerdem ist unser Außenminister ein Grüner, Jutetaschen waren mal cool und "Naturland" ist bei uns kein Schimpfwort, sondern Gütesiegel. Der Zuspruch tut ihr gut. Sie freut sich jetzt richtig auf die "Biofach-Messe" in Nürnberg, auf der sie im Februar nächsten Jahres einen Stand haben wird. Sie wird mit Sicherheit die eleganteste Kräuter-Vertreterin sein. Die weiche Aussprache des CH fällt ihr allerdings noch schwer. Es klingt bei ihr immer wie "Biofuck-Messe".


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