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Last Call: Auf Löchersuche

Wir sind gerade nach London gezogen. Und werden nun zügig verarmen. Unsere Wohnung liegt nicht mal in einer besonders tollen Ecke, Kilburn heißt der Stadtteil, im Nordwesten. Es ist eine kleine Wohnung in einer bunten Gegend. Wir sind verdammt froh über die Wohnung. Wir sind verdammt froh, überhaupt etwas gefunden zu haben. London ist eine verrückte Stadt, aber noch verrückter als London sind die Preise. Und noch verrückter als die Preise sind die Immobilienmakler. Unser Makler-Mann hieß Stan. Er arbeitet hauptberuflich als Vampir für die größten Makler auf der Insel, Foxtons. Stan zeigte uns am ersten Tag acht Appartements, die aber keine Appartements waren, sondern Löcher. Es gibt offenkundig mehr Löcher als Wohnungen in London. Stan kannte ganz viele Löcher, Erdgeschoss, Kellergeschoss. Alle dunkel. Aber merkwürdigerweise haben selbst sehr wohlhabende Menschen die für Kontinental-Europäer etwas erstaunliche Angewohnheit, schönste Wohnanlagen und Häuser, in Löcher zu verwandeln. In Hampstead, einer der reichsten Gegenden der Stadt, befindet sich die so genannte „Billionaires Row“, die Straße der Milliardäre. Ein Drittel der dollen Häuser auf Bishops Avenue – fast alle in saudischem Besitz – rottet still vor sich hin, 350 Millionen vor sich hin rottende Pfund. In Hampstead leben ganz viele Saudis und noch mehr Russen und verhältnismäßig wenig Briten. Für Briten und Deutschen ist Hampstead zu teuer.

Am ersten Abend hatten wir viele Löcher und noch keine Wohnung gesehen und wunderten uns über die exorbitanten Londoner Löcher-Preise, 600 Pfund oder 720 Euro pro Woche (sic!) aufwärts. Stan, der Vampir, wiederum wunderte sich, warum wir uns wunderten. Wir sahen während unserer Wohnungssuche sehr viele sogenannte Wohnungen, in denen es kalt war und zugig und dunkel, und in einer wohnte noch eine Ameisenkolonie, die nicht mal Miete zahlte. Wir konnten nun nachvollziehen, warum immer mehr Menschen in London auf Hausboote ziehen und zwar nicht aus Romantik.

Aus Verzweiflung.

In Kensington und Chelsea zum Beispiel stiegen die Preise für Häuser seit 2005 um 120 Prozent, Tendenz, ist klar: steigend. Man nennt diese Stadtteile inzwischen auch Londons Monaco. Aber Monaco ist vermutlich günstiger. In der vergangenen Woche meldete sich nun auch Prinz Charles zu Wort in der Debatte um finanzierbares Wohnen; er fürchtet völlig korrekt, dass sich finanzierbares Wohnen künftig kaum noch Londoner leisten können. Der Marktwert für eine durchschnittliche Behausung kletterte auf sagenhafte 363 000 Pfund (rund 436 000 Euro) und liegt damit um das Doppelte höher als im Rest des Landes. Neulich wurde ein erschreckend hässlicher Schuhkarton im schicken Viertel Highgate sogar für eine Million verkauft, was selbst die Kummer gewohnten Hauptstädter verblüffte. Solche Auswüchse hält nicht nur der Prinz für unmoralisch und fordert deshalb ein Programm für sogenannte „mid-rise“-buildings, maximal sechs bis acht Stockwerke hohe Bauwerke und möglichst hübsch anzusehen. Woraufhin ihn Bürgermeister Boris Johnson für „absolutely crazy“ erklärte, weil doch immer mehr Menschen nach London wollten und wohin dann mit denen, wenn nicht in Wohntürme für immer mehr Menschen und immer mehr Geld? Nicht hübsch anzusehen, natürlich nicht. Aber ordentlich teuer.

Günstig gibt`s ja nicht, weshalb viele Londoner Hypotheken aufnehmen, die ihr Einkommen um ein Vielfaches übersteigen. Gesund ist das nicht. Die Bank of England und auch die Deutsche Bank sorgten sich jedenfalls schon über eine bevorstehende Immobilienblase.

Stan, der Vampir, sorgte sich unterdessen um seine Tantiemen. Er rief uns nun unentwegt an. Er wollte unbedingt, dass wir ein Loch mieten, denn andernfalls, sagte er, wäre das Loch am nächsten Tag garantiert vom Markt, und das wäre doch schade für uns. Aber wir wollten kein Loch. Stan verstand das nicht. Sein Job ist es, Löcher zu vermieten oder zu verkaufen und die Immobilienblase weiter aufzublasen. Irgendwann standen wir mit unserem Vampir vor einem hübschen Haus in Kilburn, unsere Hoffnung inzwischen ziemlich löchrig. Und Stan genervt von den Deutschen, die Löcher partout nicht mochten. Der Vermieter öffnete die Tür, die Wohnung kein Loch, sondern behaglich und warm.

Der Vermieter sprach voller Liebe über England und London und Kilburn und das Haus und die Wohnung und sogar über „double glazing“, Doppelverglasung. „Double glazing" ist recht ungewöhnlich in England, nicht mal der Kensington Palace hat Doppelverglasung. Man muss vielleicht wissen, dass das englische „window“ eine Ableitung aus dem deutschen Windloch ist, und das erklärte einiges. Wir verliebten uns auf der Stelle in die kleine Wohnung mit der Doppelverglasung, kein Windloch. Zum Abschied sagte unser neuer Vermieter: „Wir können übrigens auch deutsch reden. Ich heiße Torsten.“