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Michael Streck: Last Call: Nationale Heiligtümer und die dunkle Seite der Macht

Großbritannien diskutiert über eine neue Fernsehserie. Sie heißt "National Treasure" und thematisiert extrem klug und einfühlsam die Kindesmissbrauchsfälle der jüngeren Vergangenheit.

National Treasure

Robbie Coltrane, bekannt aus der Harry-Potter-Reihe, brilliert in "National Tresure" als alternder Comedian Paul Finchley

Der erste Abgeordnete, den ich in traf, war ein Hinterbänkler. Simon Danczuk saß für die Labour-Partei im Parlament und hatte soeben ein aufsehenerregendes Buch geschrieben. Es hieß "Smile for the Camera" und erzählt die Geschichte von Cyril Smith, einem kolossal dicken und kolossal widerwärtigen Politiker der Liberalen, der sich in den 70-er und 80-er Jahren als Patron für verlassene Jungen in Kinderheimen gerierte und dann, sobald die Kameras aus waren, diese Jungs missbrauchte und auch anderen Päderasten zuführte. Ein Mann, den Polizei und Inlandsgeheimdienst MI 5 auf dem Radar hatten, aber offenbar auf höhere Weisung unbehelligt ließen. Smith war tabu bis zu seinem Tod vor sechs Jahren.

Danczuks Buch war deshalb auch eine Abrechnung mit der politischen Kaste. Seine Kollegen warnten ihn vor der Veröffentlichung. Sie sagten, er, Danczuk, würde damit seine politische Karriere ruinieren, ehe die überhaupt richtig begonnen habe. Danczuk tat es trotzdem. Das war verdammt mutig.

Showmaster verging sich an Groupies

Seine politische Karriere ist dennoch ruiniert. Aus anderen Gründen. Aus in seinem Fall fast schon paradoxen Gründen. Er selbst konnte nämlich die Finger nicht lassen von sehr jungen Frauen und wurde vor einigen Monaten vorläufig von der Partei suspendiert. Das Letzte, was ich von ihm las, war über eine Festnahme in Spanien. Er soll dort randaliert haben in der Ferienwohnung seiner inzwischen von ihm geschiedenen Frau Karen. Viel Glas ging zu Bruch, die war es schon. Karen, muss man wissen, ist auf gewisse Art auch berühmt, weil sie ständig Fotos von ihrem Dekolleté macht und die fast zwanghaft postet. Am vergangenen Wochenende erzählte sie der "Times" die Geschichte des turbulenten Abends. Die Überschrift ging so: "Eine Nacht in der Zelle, genäht mit 40 Stichen: Ein Urlaub mit meinem Ex-Mann, dem Abgeordneten."

Ich glaube nicht, dass Simon Danczuk noch mal ins Parlament zurückkommt.

In dieser Woche musste ich häufiger an ihn denken aus gegebenem Anlass. Im englischen Fernsehen begann auf Channel 4 eine Serie mit dem Titel "National Treasure", nationales Heiligtum. Darin geht es um einen bekannten Fernsehstar, den viele Jahre nach seinen größten Erfolgen die Vergangenheit einholt – Vergewaltigungsvorwürfe. Erst einer, dann zwei, dann immer mehr. Eine Lawine. Die Geschichte handelt von Macht und Machtmissbrauch. Sie handelt von Männern wie eben Cyril Smith. Oder Jimmy Savile. Das ist ein BBC-Star aus den 60er und 70er Jahren, der die legendäre Show "Top of the Pops" moderierte. Stars und Sternchen aus Rock und Pop standen damals Spalier. Und damit auch jede Menge Groupies, bei denen sich der Showmaster dann auf perverse Art bediente. Es gab immer wieder Gerüchte - wie bei Cyril Smith. Aber was nicht sein durfte, konnte nicht sein – wie bei Cyril Smith. Beide "national treasures", nationale Heiligtümer.

Hunderte Missbrauchs-Fälle kamen an die Oberfläche

Als starb, kondolierte sogar Prinz Charles, und in seiner Heimatstadt Leeds stieg eine Prozession. In der St. Anne’s Kathedrale versammelten sich Hunderte von Menschen, draußen standen Tausende. In der Predigt sagte der Reverend Kieran Heskin: "Seine Lebensgeschichte war ein Epos des Gebens: Geben von Zeit, Talent und Kostbarkeit." Das war im November 2011.

Kurz danach brachen die Dämme.

Hunderte Fälle von Missbrauch und sind heute aktenkundig. Die an Aufklärung nur mäßig interessierte BBC stürzte darüber in die größte Krise ihrer Existenz. Saviles Fall öffnete die Büchse der Pandora. Vielen Promis wurde der Prozess gemacht, einige verbüßen lange Haftstrafen. Sie alle wurden aus der Vergangenheit ins Jetzt befördert durch eine Scotland-Yard-Ermittlung mit dem Decknamen "Yewtree", Eibe.

Jimmy Savile

Erst nach Jimmy Saviles Tod wurde das ganze Ausmaß seiner Taten bekannt


"Operation Yewtree" spülte aber eben auch Unschuldige wie den schwulen Politiker Nigel Evans auf die Anklagebank. Zeugen wurden vorgeladen, die gar nicht aussagen wollten, weil es gar nichts auszusagen gab. Und als sie doch aussagten, entlasteten sie Evans. Seine politische Karriere ist jetzt Staub.

Auch Sir Cliff Richard wurde beschuldigt. Aufnahmen davon, wie sein Haus gestürmt wurde, liefen sogar live im Fernsehen. Die Polizei musste sich entschuldigen. Aber das Klima war so. "Hexenjagd", klagten die einen. "Überfällige Aufarbeitung", sagten die anderen.

Robbie Coltrane spielt Comedian Paul Finchley

Von exakt diesem Klima erzählt "National Treasure" virtuos. Und ganz besonders virtuos da drin Robbie Coltrane, deutschen Zuschauern durch seine Rolle als Riese Hagrid in den Harry Potter-Filmen bekannt und etwas älteren als hinreißend ambivalenter Polizeipsychologe Fitz in einer hochgelobten Krimiserie vor 20 Jahren.

Coltrane spielt nun den alternden Comedian Paul Finchley, der seine besten Tage hinter sich hat, noch eine Nachmittagsshow moderieren darf und ansonsten von den Tantiemen alten Ruhms lebt. Taxifahrer erkennen ihn zuweilen noch und wollen abgestandene Witzchen hören. Zu Hause sitzt seine Frau Marie, Julie Walters, gleichfalls grandios. Frustriert, ständig betrogen und doch loyal aus alter Verbundenheit.

Die beiden führen eine angestaubte Ehe, die wie Finchleys Witze wirkt. Dann klingelt die Polizei und konfrontiert ihn mit einer angeblichen Vergewaltigung aus einer Zeit, als er noch prominent und wichtig und präsent war. Ein national treasure.

Ermittlungen gegen Kinderschänder gehen weiter

Es ist die vielleicht klügste Serie des Jahres, denn sie ergeht sich nicht in plumper Eindeutigkeit. Finchley ist keinesfalls ein Monster. Wer ihm ins Gesicht schaut, sieht Verzweiflung und Angst und auch Verletzung. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob er darin auch Schuld sieht. Coltrane sagt, er habe am Set manchmal geweint. Und diese Tränen gehörten nicht zum Skript.

Operation "Yewtree" geht weiter, weil die Realität weiter geht. Neben "Yewtree" gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Ermittlungen gegen Kinderschänder. Die größte heißt "Operation Hydrant" und behandelt insbesondere Missbrauchsfälle aus der Vergangenheit. Annähernd 2300 Verdächtige wurden im Rahmen von "Hydrant" bereits vorgeladen und vernommen.

Darunter sind fast 300 Männer, die unter dem Rubrum "Public Prominence" geführt werden. Es sind Männer aus Politik und Showbusiness.