HOME

Last Call: Die königliche Familie zweiter Klasse

Ich werde nie ein Royalist. Es steht mir einfach nicht. Grundsätzlich glaube ich, dass die Welt ganz gut ohne Könige und Königinnen auskommen kann. Die Frau des Hauses sieht das anders. Sie wuchs als Deutsche in London auf, liebt den Union Jack und die Königin. Als Kind rief sie sogar mal bei der BBC an und beschwerte sich über deren königskritische Berichterstattung. Sie sagte, die Briten sollten mal aufhören über die Queen zu jammern und sich freuen, dass sie eine haben. Die Deutschen hätten nur einen langweiligen Bundespräsidenten zum Repräsentieren. Da war sogar der Moderator platt.

In Deutschland denken offenbar alle, dass in Großbritannien gerade alle durchdrehen wegen Kates Baby. Vermutlich denken das alle, weil bei Baby George wirklich alle durchdrehten. Und zwar nicht nur in Großbritannien. Sondern weltweit und gerade auch in Deutschland. Neulich war ein Briefing des Palastes für ausländische Journalisten. Ich meldete mich vorsichtshalber an und glaubte, ich sei womöglich der einzige. Denn es ging keineswegs um Neuigkeiten, sondern nur um Regularien. Wann, wer, wo wie stehen darf vorm Krankenhaus. Es war stinklangweilig, aber es erschienen ungefähr alle in London lebenden Auslandskorrespondenten. Baby zwei zieht immer noch.

Gestern schrieb die Redaktion eine mail. Sie fragten, ob ich mal gucken könne vorm St. Mary’s Krankenhaus. In den einschlägigen deutschen Publikationen stünde was von Gedränge und von Menschen, die dort campieren. Ich schrieb zurück: Absoluter Quatsch. Und ging hin.

Im Wettbüro in der Praed Street erwartete man im Schaufenster eigentlich die neuesten Quoten für: Junge oder Mädchen. Es wird offenbar ein Mario. Mario Götze. Sein Poster hing groß in der Auslage. Ich möchte aber wetten, dass Kate keinen Mario gebiert. Eine Maria vielleicht. Aber keinen Mario.

Hundert Meter weiter kündeten Schilder von einem „Special event“, Parken verboten. Und noch mal ein paar Meter weiter saß John Loughrey. Er war voll und ganz in Union Jack-Klamotten gehüllt, nebenan hockten seine Bekannten Amy und Maria aus Newcastle. John ist ein royaler Superfan. Er nennt sich auch Superfan. Er reist seit vielen Jahren von einem königlichen Event zum nächsten, baut sein blaues Ein-Mann-Zelt auf und gibt Interviews in seiner Funktion als Superfan. John, inzwischen 60, hat es im Laufe der Jahre zu einiger Berühmtheit gebracht.

Superfan John hat nicht nur einen an der Mütze. Er campiert schon seit dem 1. April vor St. Mary's

Es gibt sogar Ölbilder von ihm und jede Menge YouTube-Videos. Er muss wohl mal mächtig verliebt gewesen sein in Diana, jedenfalls hat er eine Email-Adresse, die darauf schließen lässt, dianasuperfan@.... Er fragte: „Woher kommst du?“ Und als er Deutschland hörte, setzte er an zu einem historischen Exkurs über die deutschen Wurzeln des englischen Königshauses und die Hannoveraner Linie, die vier Georges. Und ganz besonders über Elisabeth II., „die größte Königin der Menschheitsgeschichte“, alsbald länger im Amt als Victoria, nämlich 63 Jahre und 217 Tage. Weltrekord.

John war im richtigen Leben Koch in einem Golfklub. Jetzt ist er nur noch Superfan. Seine Mutter, sagte er, habe ihm wohl was in die Milch getan, „etwas Blaues, Weißes und Rotes“. Und wenn man ihm so zuhörte, machte das durchaus Sinn mit der Milch.

Die royalen Fans sind wie Groundhopper beim Fußball

Er sitzt seit dem 1. April vorm Krankenhaus. Anfangs saßen nebenan nur die englischen Patienten, die Raucher in Rollstühlen und hüstelten in Bademänteln vor sich hin. Seit ein paar Tagen hat John nun Verstärkung. Royalisten Britanniens vereinigt Euch. Sie kommen aus dem ganzen Land und sind ein wenig wie die Groundhopper beim Fußball, die von Spiel zu Spiel reisen und Stadien sammeln. Diese hier treffen sich bei Geburten und Hochzeiten und Kindstaufen. Sie sind die königliche Familie zweiter Klasse.

Links von John hatte eine Lady in Pink Stellung bezogen und schon mal einen Kinderwagen mitgebracht; darin hockte hechelnd Camilla, ein King Charles Spaniel. Sie stellte sich als Miss Daley vor und fragte: „Woher kommst du?“. Und als sie Deutschland hörte, hob auch sie an über einen früheren Bekannten, der auch deutsch sprach: Arnold Schwarzenegger. Das war vor vielen Jahren, als Miss Daley noch Miss Wales und Arnold auf dem Sprung zum Mister Universum war. Die Miss und der Muskelmann konnten sich kaum verständigen, erzählte sie, nur Augenkontakt, „sein Englisch war lausig“. Und über was es danach sonst noch so an gemeinsamer Körpersprache gab, schwieg sie vornehm.

Miss Daley, einstige Miss Wales, mit Hund Camilla (rechts). Dahinter ein englischer Patient

Die Queen hatte Geburtstag, und Miss Daley fuhr mit der U-Bahn zu den Feierlichkeiten, Salutschüsse im Hyde Park. Abwechslung tut gut in den Tagen des Wartens. John sagte noch, er werde singen bei der Geburt, Junge oder Mädchen sei egal, Hauptsache gesund. Er hatte allerlei königliche Utensilien ums Zelt drapiert und ein Schild an die Krankenhausmauer gepappt: „Kate, don’t keep us waiting“. Das filmten nun Japaner. John sang probehalber für sie „Congratulations“. Und Camilla, der King Charles Spaniel, hechelte schon mal dazu.

Ein Patient schlurfte vorbei, in Adiletten und im blauen Bademantel. Er schaute auf die Japaner und die royalen Groundhopper. Dann schüttelte er den Kopf, zündete sich eine Zigarette an und sagte: „Wird Zeit, dass ich nach Hause komme.“

Er sprach mir aus der Seele.