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Last Call: Die legendäre Office Christmas Party – ein Fest der Liebe

Weihnachten ist nicht das Fest der Liebe. Weihnachten ist genau das Gegenteil. Statistisch betrachtet gibt es bei keinem Fest mehr Familienstreit als zu Weihnachten. Erstaunlich ist, dass dennoch pünktlich zum Fest alle Zeitungen und Magazine, und wirklich ausnahmslos alle, mit irgendwas vermeintlich Besinnlichem auf dem Titel erscheinen. Mal ist es die Wahrheit über Jesus (gerne: Spiegel), mal der Zauber der freien Zeit (gerne: stern), mal die 23 schönsten Weihnachtsriten weltweit (gerne: Focus) oder Maria und Joseph auf Wanderschaft in Hamburg-Billstedt (gerne: Zeit). Die biblische Geschichte samt aller handelnden Personen ist titeltechnisch komplett durcherzählt. Bis auf Ochs und Esel vielleicht. Das wäre noch was.

Ich weiß aus eigener Erinnerung, dass die Suche nach den geeigneten Themen und Autoren für diese Jahreszeit schon im Spätsommer beginnt. Das ist qualvoll und für alle Beteiligten eine Strafe. Oft auch für den Leser im Übrigen.

Meine vage Hoffnung, Weihnachten im angelsächsischen Sprachraum sei anders und vielleicht entspannter oder irgendwie kreativer oder was auch immer, ist auch verflogen. In den USA war das Ganze getrieben von Umsätzen, vom „Black Friday“ und „Cyber Monday“. Eine Unsitte, die natürlich auch den Weg nach Europa geschafft hat und in britischen Warenhäusern zur Adventszeit zu entsetzlichem Gerangel und Gekeife führte und mithin zu Szenen, die an die Einführung der D-Mark in der DDR, selig, erinnerten. Das war nicht schön und veranlasste einen Kolumnisten von der „Times“ zu einem Besinnungsaufsatz des Inhalts, dass man der ganzen neumodischen US-Festivitäten (Thanksgiving, Valentine’s Day, Halloween, Black Friday, Cyber Monday) überdrüssig und es an der Zeit sei, „proper British festivals“ zu feiern.

Die britische Weihnacht ist erstaunlich deutsch

Weihnachten wäre theoretisch so ein Fest. Praktisch ist Weihnachten aber ziemlich globalisiert und wirkt gerade in Britannien erstaunlich: deutsch. Die Deutschen bauen nicht nur ordentliche Autos und spielen ordentlichen Fußball. Sie exportieren längst auch Weihnachten in die ganze Welt, auch und gerade nach Großbritannien. Christmas Markets im ganzen Land. In London und Manchester, in Edinburgh, York, Winchester, Bath und und und.

Der größte läuft in Birmingham und zieht fast drei Millionen Besucher pro Jahr. Neulich interviewte die BBC eine Deutsche aus Bremen, Milana, die dort natürlich Bratwürste und Krakauer verkaufte. Deutsche Wurst ist ein Hit in England, was jeder versteht, der schon mal englische bangers gegessen hat, eine Art Wurst-Ersatz aus viel Mehl, viel Fett und relativ wenig Wurst. Milana kommt schon im 13. Jahr nach Birmingham und sollte am Ende des Beitrags noch etwas sehr deutsches zum Thema Weihnachten sagen, am besten das Äquivalent zu „Merry Christmas“. Sie sagte erst „no problem“ und dann auf deutsch: „Alles Gute zu Weihnachten.“ Und damit zurück ins Funkhaus.

Ein Alleinstellungsmerkmal der britischen Weihnacht sind allerdings immer noch die Christmas Crackers, größere oder kleinere Knalltüten mit größeren oder kleinen Geschenken drin; das berühmte Kaufhaus Harrods veräußert in diesem Jahr Luxus-Kracher für 500 Pfund. Da sind dann Lederetuis drin und Kaschmirsocken und Silberketten, also alles, was reiche Russen und Saudis brauchen und für gute englische Tradition halten. In den normalen Crackers, die beim weihnachtlichen Dinner auf den Tellern liegen, befinden sich verlässlich schlechte Witze auf einem Stück Papier. Bei diesen Dinnern tragen die Menschen hierzulande gerne „funny hats“, also vermeintlich lustige Hütchen, die auch bei den legendären „Christmas Office Parties“ zum Einsatz kommen. Diese Büro-Festivitäten sind noch legendärer als die vergleichsweise doch gesitteten Weihnachtsfeiern in Deutschland. Bei hiesigen Christmas Parties werden traditionell große Mengen Alkohol verköstigt, 125 Millionen Liter. Im Schnitt fünf Gläser Wein von Frauen und elf Gläser von Männern. Die volkswirtschaftlichen Kosten des nationalen Hangovers belaufen sich anderntags auf fast eine Milliarde Euro. Andererseits, Ying und Yang, boomt die Unterwäsche-Branche.

Wer sich neue Shorts kauft, ist grundsätzlich verdächtig

Drei Viertel der Herren tragen nach wissenschaftlichen Erhebungen sicherheitshalber oder in freudvoller Erwartung ihre besten Unterhosen, und die Damen geben im Schnitt 25 Pfund für neue Office-Parties-Dessous aus. Falls Weihnachten doch das Fest der Liebe sein sollte, dann vorzugsweise im Büro. Vorweihnachtliches Zahlenwerk des Kondomherstellers „Trojan“ weist außerdem aus, dass die frischen Shorts und Slips durchaus Sinn machen, weil fast die Hälfte aller Partygänger Bereitschaft signalisiert, „to go all the way“ und zwar direkt ins Bett. Ein Drittel der Befragten hatte demnach bei der Weihnachtsfeier schon kollegialen Sex, fast 17 Prozent sogar im Büro. Und wenn es gut geht, wird postkoital eine richtige Beziehung daraus; denn 25 Prozent aller Teilnehmer einer Londoner Umfrage gaben an, ihren Partner bei einer solchen Veranstaltung kennengelernt zu haben. Bleiben aber immer noch 75 Prozent übrig, von denen offenbar jeder oder jede sechste schon mal den „walk of shame“ gehen musste, den Gang der Schande, der sich noch mal gabelt in zwei Richtungen: Der Weg nach Haus, zerzaust nach einem one-night-stand, und wissend beglotzt von frühmorgendlichen Passanten. Oder der Weg ins Büro in den verräterischen Klamotten des Vortags und tuschelnd beglotzt von der Kollegenschaft.

Solche Zahlen, Daten und Fakten kursieren in der heimeligen Adventszeit in Großbritannien und den USA. Wobei die Amerikaner den Europäern wieder mal voraus sind und die Kollegin Ruth Houston von examiner.com seit vielen Jahren ihre Christmas Infidelity Awareness Campaign fährt, also eine Anti-Untreue-Weihnachtskampagne. Mrs Houston schreibt, der Dezember sei die beste Zeit des Jahres für Gehörnte, dem untreuen Partner auf die Schliche zu kommen. Sie gibt auch den ultimativen Verhütungstip: „Gehen Sie einfach mit zur Party.“

Noch ein Tip und einfach so: Wer sich in diesen Tagen neue Unterhosen kauft, ist grundsätzlich verdächtig.