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Last Call: Ein Preis für grandios schlechten Sex

Man sagt den Briten nach, dass sie ein etwas verkrampftes Verhältnis zum Thema Sex haben und in der Theorie besser als in der Praxis sind. Vielleicht ist das in globalisierten Zeiten aber Unfug. Inzwischen.

Man sagt den Briten auch nach, dass sie einen unvergleichlichen Sinn für Humor haben und zwar gleichermaßen in Theorie und Praxis, und das ist selbst in globalisierten Zeiten kein Unfug.

Es liegt also nahe, dass sie Sex und Humor preisverdächtig kombinieren. Vor mehr als 20 Jahren kam Auberon Waugh, der Chefredakteur der „Literary Review“ und Sohn des großen Schriftstellers Evelyn Waugh, auf die famose Idee, jährlich den Preis für die schlechteste Sex-Szene in der Literatur zu vergeben, den „Bad Sex in Fiction Award“. In der Ausschreibung steht, dass „armselig geschriebene, geschmacklose und übertrieben ausschweifende Beschreibungen von Sex-Szenen“ nominiert werden dürfen. Erotische Literatur ist davon ausgenommen und läuft außer Konkurrenz. Was erklärt, warum die Friseusentröster-Trilogie „Fifty Shades of Grey“ den Preis als Gesamtkunstwerk noch nicht bekommen hat.

Es ist aber auch so eine stattliche Sammlung: Weltberühmte Schriftsteller haben sich schon eingereiht, Tom Wolfe darunter mit einer abenteuerlich schauerlichen Szene aus „Ich bin Charlotte Simmons“, 2004. Norman Mailer bekam den Preis 2007 sogar posthum. Er hatte in seinem Werk „Das Schloss im Wald“ die Zeugung Hitlers geschildert. Allerdings derart unbeholfen und peinlich, Penis als Rammbock und so, dass die Jury nicht mal den Tod Mailers als mildernden Umstand werten mochte. John Updike erhielt 2008 die Auszeichnung für sein Lebenswerk, weil er in seinen Büchern von einem schlechten Höhepunkt zum nächsten eilt.

Im vergangenen Jahr siegte der Nigerianer Ben Okri für seine sagenhaft misslungene Darstellung des Aktes in „The Age of Magic“, die so großartig daneben ist, dass wir sie an dieser Stelle in voller Länge würdigen: „Als seine Hand ihren Nippel streifte, wurde ein Schalter umgelegt und sie war wie erleuchtet. Er berührte ihren Bauch, und es schien, als brannte seine Hand durch sie hindurch. Er verschwendete beiläufige Berührungen an ihrem Körper, und bittersüße Empfindungen fluteten ihr Hirn. Sie wurde Orten in sich bewusst, die nur von einem Gott mit Sinn für Humor dort versteckt worden sein konnten.“

Wo der Gott des Humors die Orte versteckt hatte, erfährt der Leser leider nicht. Okri blieb der Preisverleihung in London schnöde fern und schickte seine Agentin. Viele Preisträger haben immerhin die Größe, persönlich zu kommen. Soeben veröffentlichte Manil Suri, Preisträger 2013 für eine bisexuelle Orgie in „The City of Devi“, („Wir rasen wie Superhelden vorbei an Sonnen und Sonnensystemen, wir tauchen durch Schwärme von Quarks und Atomkernen“) in der „New York Times“ einen kleinen Ratgeber für seine Nachfolger. Sie sollten es mit Humor nehmen und sich darauf einstellen, dass ihre Fotos auf Webseiten von Vietnam bis zur Tschechischen Republik erscheinen würden. Norman Mailer wäre vermutlich auch erschienen zur Zeremonie, war durch sein Ableben aber ausreichend entschuldigt.

"Das Schamhaar der beiden war feucht wie der Regenwald"

Wenn sich Autoren an Sex wagen, geht – um im Bild zu bleiben – der Schuss ziemlich oft nach hinten los. Selbst Virtuosen der Sprache wie der wunderbare und an sich eher unverdächtige Japaner Haruki Murakami sind vor Ausrutschern nicht gefeit, in seinem Fall sogar im vom deutschen Feuilleton als Meisterwerk gefeierten Buch „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ -„…Die beiden umschlangen Tsukuru von allen Seiten. Kuros Brüste waren weich und voll. Shiros waren klein, aber ihre Brustwarzen wurden hart wie runde Kieselsteine. Das Schamhaar der beiden war feucht wie der Regenwald…“

Wohingegen die Politik als vergleichsweise trockenes Sujet gilt. Dennoch schaffen es auch Politiker hin und wieder in den Kreis der ernsthaften Anwärter. Tony Blair vor fünf Jahren etwa für seine Biografie „A Journey“, in der er seine Liebe zur Gattin Cherie schildert, „Ich brauchte diese Liebe, die Cherie mir gab, ganz egoistisch. Ich verschlang sie, um mir Kraft zu verleihen. Ich war ein Tier, das seinen Instinkten folgte.“ Die Passage, urteilten die Juroren, sei zwar grob und geschmacklos, erfülle mithin die Nominierungskriterien, allerdings handelte es sich bei Blairs Buch leider um Non-Fiction. In diesem Zyklus nun entging der aktuelle Amtsinhaber David Cameron nur knapp einer zumindest inhaltlichen Erwähnung. Die beiden Autoren der kritischen Biografie „Call me Dave“ ergehen sich länglich an der Schilderung eines studentischen Ritus, in dessen Verlauf der junge Dave seine privatesten Körperteile zeitweise dem Schlund eines toten Schweines übereignet haben soll. Der Vorfall firmierte in der englischen Presse wochenlang als „Piggate“. Lediglich die lendenstarke Konkurrenz verhinderte den Sprung unter die Top acht.

"Als würde Adam gerade Evas Pussy entdecken"

Gespannt wartete man nunmehr auf das dienstägliche Verdikt der Jury. Die klaren Favoriten waren Erica Jong und der Sänger Morissey. Die Amerikanerin Jong ist anerkannte Fachkraft im Schoßgebiet. Die Welt verdankt ihr die Einführung des „zipless fuck“ im berühmten Werk „Fear of Flying“. Das ist 42 Jahre her, ihre Fortsetzung heißt nunmehr altersgerecht „Fear of Dying“. Die preisverdächtige Szene allerdings wirkt zeitlos scheußlich, „…Während ich neben ihm liege, erstaunt über seine Präsenz, öffnet er meine Seiden-Robe und berührt meine Möse als würde Adam gerade Evas Pussy entdecken. ‚Schön', sagt er.“

Das fanden auch die Juroren.

Getoppt wurde Jong dann aber doch von „List of the Lost“, dem Debüt-Roman des britischen Sängers und Songwriters Morissey („The Smiths“). Zu Recht. Ihm gelang wahrhaft Außergewöhnliches: „Eliza und Ezra rollten sich zusammen in einen kichernden Schneeball vollschlanker Kopulation; ausgelassen kreischend und brüllend, knabberten und zerrten sie aneinander in einer gefährlichen und lärmenden, sexuell gewalttätigen, achterbahnartigen Spirale; Elizas Brüste rollten wie ein Fass über Ezras aufjaulendem Mund, und die schmerzhafte Ekstase seines wulstigen Tributes dämpfte seine Erregung indem sie prügelnd und schlagend in jeden Muskel von Elizas Körper drang, außer in die ansonsten zentrale Zone.“

Knapp daneben ist eben auch vorbei. Er traf immerhin die zentrale Zone der Jury, ergo: erster Roman und schon erster Award. Morrissey könnte in die, nun ja, Annalen eingehen. Der Preis wurde im Übrigen an einem ziemlich passenden Ort verliehen: im Londoner „In & Out-Club“.