HOME

Last Call: Eine Botschaft aus drei Worten: War. Germany. Act.

Gestern um zehn gingen die Lichter aus in Großbritannien. Die Briten gedachten des Ersten Weltkriegs, in den sie vor hundert Jahren eintraten.

Abends legte sich Dunkelheit übers Land, die Aktion hieß „Lights Out“, Millionen beteiligten sich. Sie löschten das Licht in den Wohnungen und stellten Kerzen auf. „Lights out“ war eine Referenz an den berühmten Satz des englischen Außenministers Sir Edward Grey „Jetzt gehen die Lichter aus über Europa, und niemand von den Lebenden wird sie mehr leuchten sehen.“ In Westminster Abbey brannte am Ende eines Gedenkgottesdienstes lediglich eine Öl-Lampe auf dem Grab des Unbekannten Soldaten. Überall im Land, wirklich überall, wurde der Opfer gedacht. Am 4. August 1914 um kurz nach 23 Uhr wurde dem deutschen Botschafter in London die Kriegserklärung überbracht, und an die britische Marine erging ein Funkspruch aus drei Worten: War. Germany. Act. Gleichzeitig setzte Winston Churchill, damals Erster Lord der Admiralität, ein Telegramm an die Flotte ab: „COMMENCE HOSTILITIES AGAINST GERMANY“. Der Krieg hatte begonnen.

Der Ton der Debatte entspricht dem Anlass: würdevoll

Seit Monaten drucken die Zeitungen Sonderbeilagen und einige sogar Poster. Eine imposante Zahl neuer Sachbücher erschien, und auf de beiden großen Sendern BBC und ITV laufen erstklassige Dokumentationen, Talkrunden und Spielfilme. Der Ton ist getragen, er ist ganz anders als bei Debatten um den Zweiten Weltkrieg.

Als der Krieg ausbrach, druckte die „London Times“ eine knappe und treffende Schlagzeile „War declared“. Das war alles. Und vier Jahre später, am 12. November 1918, nach der deutschen Kapitulation druckte sie eine ebenso treffende: „At Last“. In der Spanne zwischen diesen Zeilen waren 17 Millionen Menschen gestorben, zehn Millionen auf den Schlachtfeldern und sieben Millionen Zivilisten. Darunter 888 246 britische Soldaten und Truppen aus den damaligen Kolonien.

Für jeden dieser Toten entsteht vor dem Tower of London zur Zeit ein Kunstwerk aus Keramik-Mohnblumen. Freiwillige in roten T-Shirts setzen die Blumen in den Festungsgraben um das Gemäuer. Und Freiwillige meldeten sich genau vor hundert Jahren dort zum Dienst, 1600 Soldaten, sie formten das „10th Battalion of the Royal Regiment of Fusiliers“. 50 von ihnen kamen aus dem Krieg zurück. Auch daran erinnern die Blumen. Die letzte Blüte wird am 11. November in den Rasen gesteckt. Die Aktion heißt „Blood swept Land and Seas of Red“. Es sind Zeilen aus dem Testament eines Soldaten aus Derby; jeden Tag werden bei Einbruch der Dunkelheit die Namen von 180 Gefallenen verlesen. Das ist würdevoll und kein bisschen pathetisch.

Das Blumenmeer vor dem Tower ist von betörender und verstörender Schönheit. Touristen auf dem Weg zu den Kronjuwelen bleiben stehen und staunen. Die Mohnblumen, die Poppies, sind das Symbol dieses Krieges, der in Großbritannien Great War heißt. Denn Klatschmohn, unverwüstlich, wuchs über die Felder von Flandern selbst während der Kämpfe, auch damals betörend und verstörend. Sie waren ein unwirkliches, beinahe surreales Bild zwischen Gräben und Gräbern. Und sie inspirierten denkanadischen Arzt John McCrae zu seinem Gedicht „In Flanders Fields“. Er schrieb es im Mai 1915 während der Schlacht um Ypern und, wie es heißt, für seinen gefallenen Kameraden und Freund Alexis Helmer. Es existieren diverse Versionen über die Entstehung des Gedichts, aber sie tun nichts zur Sache. Das Gedicht, auf Englisch. Und auf Deutsch:

In Flanders Fields

In Flanders fields the poppies blow

Between the crosses, row on row,

That mark our place; and in the sky

The larks, still bravely singing, fly

Scarce heard amid the guns below.

We are the Dead. Short days ago

We lived, felt dawn, saw sunset glow,

Loved and were loved, and now we lie

In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:

To you from failing hands we throw

The torch; be yours to hold it high.

If ye break faith with us who die

We shall not sleep, though poppies grow
.

In Flanders fields.

Auf Flanderns Feldern

Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn

Zwischen den Kreuzen, Reihe um Reihe,

Die unseren Platz markieren; und am Himmel

Fliegen die Lerchen noch immer tapfer singend

Unten zwischen den Kanonen kaum gehört.

Wir sind die Toten. Vor wenigen Tagen noch

Lebten wir, fühlten den Morgen und sahen den leuchtenden Sonnenuntergang,

Liebten und wurden geliebt, und nun liegen wir

Auf Flanderns Feldern.

Nehmt auf unseren Streit mit dem Feind:

aus sinkender Hand werfen wir Euch

Die Fackel zu, die Eure sei, sie hoch zu halten.

Brecht Ihr den Bund mit uns, die wir sterben

So werden wir nicht schlafen, obgleich Mohn wächst

Auf Flanderns Feldern.

Die Briten gedenken jedes Jahr am 11. November der Toten

John McCrae, der Autor, starb zehn Monate vor Kriegsende an einer Lungenentzündung in Boulogne. Aber seine Verse sind unsterblich. Es ist eines der ergreifendsten Gedichte über den Krieg und für Britannien und den angelsächsischen Raum in etwa das, was Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ für die Deutschen war und ist. Und die Mohnblume, die Poppy, wuchs auf der Insel zur nationalen Metapher. Großbritannien gedenkt jedes Jahr am 11. November den Gefallenen, und Millionen Briten stecken sich an diesem „Remembrance Day“ oder „Poppy Day“ kleine Mohnblumen ans Revers. Das Gedenken hat Stil, es ist leise und eindringlich und im besten Sinne britisch.

Die „Bild“-Zeitung druckte pünktlich zum hundertjährigen Jubiläum eine vermeintlich lustige Suada über englische Touristen. Und der Historiker und Autor Norman Stone veröffentlichte in einem britischen Massenblatt, dem „Evening Standard“, eine schlaue Geschichte über Deutschland. Er schrieb ein warmes, sehr versöhnliches Stück, das an gemeinsame Wurzeln und Werte erinnert. Und auch daran, dass England damals nur höchst zögerlich seine Neutralität aufgab. Der Tenor lautet so: „Das heutige Deutschland ist nahezu das, was wir mit dem Ersten Krieg Weltkrieg zu erschaffen versuchten.“

So kann man das auch machen.