Last Call England, Europa und die Sparkassen-Lümmel

Last Call: England, Europa und die Sparkassen-Lümmel

Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es in Deutschland nichts Langweiligeres als Parteitage. Nicht mal die der Grünen sind mehr lustig, von anarchisch ganz zu schweigen. In Großbritannien sind die Party Conferences ein ziemlich großes Ereignis. Es gibt Sondersendungen und Sonderseiten und eine hohe Frequenz an Reden, die teilweise sogar lustig sind und schlau. Der amüsanteste Redner ist traditionell der Londoner Bürgermeister Boris Johnson. Er ist bei den Tories jedes Jahr der heimliche Star der Conference, auch dieses Jahr in Birmingham. Es ist durchaus möglich, dass er schon im kommenden Jahr nicht mehr nur der heimliche Star ist, sondern Premier David Cameron beerbt. Falls die Tories die Parlamentswahlen verlieren. Das kann sehr wohl passieren, obschon die Wirtschaft anzieht und die Arbeitslosigkeit sinkt und sich die Politiker am Wachstum berauschen. Und dennoch liegt Labour in den meisten Meinungsumfragen vorn. Vielleicht liegt das daran, dass sich selbst Parteitage der Tories anfühlen und anhören wie Bilanzpressekonferenzen. Man hört dort sehr viel über Zahlen und verhältnismäßig wenig über Menschen. Erst kommt die Wirtschaft, dann der Mensch. Bei Labour ist es umgekehrt. So ist das, grob zumindest.

Die Tories sind eine Partei, die vorwiegend von wohlhabenderen Briten gewählt wird oder von solchen, die glauben, irgendwann wohlhabend zu werden. Das spiegelt sich optisch wider. Man verkauft teure Weine dort und Seidenschals und Anzüge und Schmuck. Bei Labour gab es Gebasteltes aus Afrika. Die konservativen Damen tragen teure Kostüme und immens teure Handtaschen, und der konservative Herr ist entweder schon etwas älter und redet Damen, jüngere wie ältere, formvollendet mit „My Dear“ an. Oder er ist jünger und sieht aus wie ein Sparkassen-Lümmel oder ein Vorstands-Trainee aus der Verlagsbranche. Der junge Tory kann obendrein jederzeit und eloquent darüber referieren, warum es Großbritannien besser ginge ohne Europa. So ist das, grob zumindest.

Die konservative Presse bläst jeden Quatsch zur Sinnfrage auf

Man muss wissen: Die Tories haben eine Obsession mit Europa. Wenn sie die Parlamentswahlen im Mai gewinnen, bekommt Großbritannien noch ein Referendum – raus aus Europa oder in Europa bleiben. 2017 wäre das dann. Statt „Yes“ oder „No“ wie in Schottland also „In“ oder „Out“. Es ist ganz amüsant, dass die Partei, die gerade mit Müh und Not „In“ und „Out“ in Schottland überstanden hat, noch ein Referendum will, das aller Voraussicht wieder mit „In“ endet. In ihrer Europa-Obsession werden die Tories natürlich noch getoppt durch UKIP (United Kingdom Independence Party), deren Programm aus Anti-Europa-Obsession besteht. Gelegentlich laufen Tory-Abgeordnete zu UKIP über, zweimal zuletzt, und beklagen sich über die ihrer Meinung nach mangelnde Europa-Obsession der Konservativen. Es könnte gut sein, dass sich Tories und UKIP so intensiv an Europa abarbeiten, dass Labour darüber die Wahlen gewinnt. Das könnte alles sein.

Die konservative Presse jedenfalls bläst jeden Quatsch aus Brüssel oder Straßburg auf zu einer nationalen Sinnfrage. Neulich ging es um Staubsauger und ein zugegeben ziemlich hirnrissiges Verbot eines Saugbläsers made in Britain. Bei den Parteitagen besuchte ich deshalb interessehalber diverse Veranstaltungen zum Thema Europa. Es gab Dutzende Diskussionen, und sie waren recht unterschiedlich. Bei Labour in Manchester referierte der in England aufgewachsene und lebende Österreicher Jürgen Maier von Siemens über die Vorzüge des vereinten Europas. Er erzählte sehr plastisch, wie er als Junge nach England kam und das Land in Tat und Wahrheit ein einziges Desaster war. Die Häuser Schrott, die Autos Schrott, die Straßen Schrott, eigentlich alles Schrott, sogar der Fußball. In den 40 Jahren seitdem ist verdammt viel, wenn nicht alles besser geworden, und Siemens-Boss Maier merkte korrekt an, dass das womöglich auch mit Europa und dem gemeinsamen Markt und überhaupt den vielen Gemeinsamkeiten zu tun haben könnte. Er fragte dann in die Runde, warum es so schwer sei, einfach nur die Schönheit Europas zu besingen. Er bekam viel Applaus. Aber es war ja auch ein Heimspiel in einem Saal voller Europa-Freunde.

Ein paar Tage später in Birmingham bei den Tories war ich dann etwas verwundert über eine, man kann es nicht anders sagen, profunde Ahnungslosigkeit vieler Delegierter und Abgeordneter. Einmal saß ich in der Mittagspause draußen auf einer Mauer. Ein sehr korrekt gekleideter Mann aus Southampton setzte sich zu mir, lobte die lustige Rede von Boris Johnson, „he set me on fire“. Wir kamen auf Deutschland und Europa zu sprechen. „Deutschland geht es auch nicht so schlecht, oder?“, fragte er. Ich sagte, Deutschland ginge es verhältnismäßig gut. Er sagte: „Und das, obwohl Ihr die Schulden der anderen immer bezahlen müsst.“ Ich sagte, das sei Teil der Idee eines gemeinsamen Europas. Er sagte, er könne das nicht verstehen. Er wolle ein reformiertes Europa. Ich sagte, alle Europäer wollten ein reformiertes Europa, nicht nur die Briten. Dann erzählte er von einem teuren Herren-Ausstatter auf der Hamburger Mönckeberg-Straße, den er neulich auf der Durchreise mit dem Kreuzfahrtschiff „Queen Mary“ gefunden habe, „waren Sie schon mal auf der Queen Mary?“. In dem Moment konnte ich nicht mehr mitreden.

Eine profunde Ahnungslosigkeit der Delegierten

Nach der Mittagspause ging ich zu einer Veranstaltung mit dem pro-europäischen, konservativen Urgestein Kenneth Clarke. Er ist inzwischen 74 Jahre alt und immer noch einer der wunder- und streitbarsten Politiker Großbritanniens. Und er kann sich nach wie vor grandios echauffieren über die schon zitierte profunde Ahnungslosigkeit seiner Landsleute in Europafragen. Clarke ist Engländer durch und durch und zugleich, kein Widerspruch, Europäer durch und durch. Er hält die frischen Tory-Pläne, sich vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu lösen, für verrückt und kindisch. Das Königreich befände sich dann in Gesellschaft mit Weißrussland. Nicht mal Putin würde diesen Gerichtshof verlassen. Das sagte Clarke auch. Cameron und Clarke mögen sich jedenfalls nicht sonderlich. Der brummige Alte wurde deshalb vor einigen Wochen aus dem Kabinett entfernt und in die zweite Reihe versetzt. Aber auch aus der zweiten Reihe kann man noch Lärm machen und kreativ stören. Weiß jeder Lehrer. Am Tag zuvor hatte sein Tory-Kollege John Redwood gehetzt, Firmen, die sich für einen Verbleib in Europa aussprächen, müssten mit dem Schlimmsten rechnen. Firmen sollten sich grundsätzlich raushalten aus der ganzen Europa-Debatte. Das sagte Redwood wirklich, coram publico. Er bekam Applaus. Clarke sollte nun etwas sagen zum Kollegen Redwood. Und er sagte nur „ach“. Er sagte dann noch, zwei Drittel seiner Parteikollegen wüssten recht wenig bis gar nichts von Europa und von den Vorzügen dieses Kontinents. Damit ließ er es bewenden. Ein Journalist jener Zeitung, die gern über Staubsauger-Verordnungen aus Brüssel schreibt, wollte ihn noch etwas locken. Aber der alte Clarke erwiderte nur, dass die Londoner Journalisten der konservativen Denkschule auch nichts verstünden von Europa und sie Teil des Problems seien. Es gab ein zustimmendes Murmeln. Der Journalist der konservativen Denkschule ging dann.

Last Call: In oder Out. Und plopp, wieder eine Stimme mehr gegen Europa
In oder Out. Und plopp, wieder eine Stimme mehr gegen Europa

Nachmittags filmte ein BBC-Team in der Lobby des Konferenz-Zentrums eine Abstimmung. Sie nahmen das Referendum schon mal vorweg. Zwei Glaskästen standen dort, einer für „In“, einer für „Out“. Blaue Kugeln sollten hineingeworfen werden. Ein Sparkassen-Lümmel schnappte sich gleich drei Kugeln und stopfte sie in das „Out“-Behältnis. Der BBC-Kollege fragte ihn nach dem Warum. Und der Lümmel sprach von den Immigranten, die hart arbeitenden englischen Menschen ihre Jobs wegnehmen würden und von osteuropäischen Sozial-Schmarotzern und natürlich von Staubsaugern und einem gemeinsamen Markt am liebsten mit Amerika.

In diesem Moment ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ein Europa ohne Ignoranten und Idioten auch ganz schön sein könnte.


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