HOME

Last Call: Englischer Fußball – reich macht nicht glücklich

Der kleinste gemeinsame Nenner der Menschen ist wahrscheinlich das Wetter. Wetter geht immer als Gesprächsthema, weil es einfach immer und überall da ist. Auch und gerade in Großbritannien. Nach Wetter kommt hier direkt Fußball. Das ist gut so.

Neulich waren wir auf Reisen durch Wales und England. Auf Reisen bin ich eigentlich ziemlich entspannt. Es sei denn, mein Verein spielt. Ich bin nie entspannt, wenn mein Verein spielt. Nie. Also auch nicht im Urlaub. Mein Verein ist Borussia Dortmund seit Kindertagen, und seit dieser Saison kann man Spiele von Borussia nicht mehr entspannt verfolgen. Dortmund spielte in München gegen Bayern, und wir steckten in Wales. Ich wurde sehr unruhig während der Fahrt, die Frau hat sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt. Sie ist eine gute Frau.

In einem Ort des schönen Namens Aberystwyth enterten wir einen Pub, und die freundlichen Waliser waren so freundlich und stellten tatsächlich auf BT-Sport, den Sender, der das Spiel in Großbritannien übertrug. Es war sehr voll im Pub, auf den anderen Bildschirmen lief Rugby, wir waren ja in Wales.

Dortmund ging in Führung, ich brüllte durch den ganzen Pub, die Frau entschuldigte sich für mein Gebrüll, „He is from the Dortmund area...“, und die freundlichen Waliser nickten freundlich und hatten größtes Verständnis. Dortmund verlor naürlich. Und ein paar freundliche Waliser taten uns zum Trost sogar ein Bier aus.

Wenige Tage später wiederholte sich das Schauspiel in Cardiff, Wales, in einem ziemlich schrecklichen Pub einer australischen Kette, es war wieder sehr voll. Der freundliche walisische Barkeeper stellte für mich den Fernseher auf Dortmund gegen Istanbul. Ich schrie bei den vier Toren und war sehr angenehm überrascht, dass ich nicht alleine schrie. Einige Briten schrien auch, die Frau musste sich nicht entschuldigen, und ich kam mit den Engländern ins Gespräch. Die, wie sich herausstellte, große Freunde der Bundesliga und große Freunde von Borussia Dortmund waren. Einige von ihnen fliegen regelmäßig nach Deutschland und schauen sich Spiele an. Sie fliegen nach Dortmund oder Hamburg oder, nun ja: nach München.

Die dritte Liga heißt in England "League One". Hm.

Einer hieß Mark, war früher in Deutschland stationiert und seitdem ein großer Freund des MSV Duisburg. Es zieht ihn immer wieder zurück. Er sagte, dass er die englische Premier League nicht mehr mag, eine einzige Geldmaschine. Sie habe sich in ein Monstrum entwickelt. Die Ticketpreise unverschämt hoch, kaum finanzierbar für normale Fans. Im Sommer marschierten Anhänger aller Vereine aus Protest vor die Zentrale der Premier League in London und demonstrierten gegen die Evolution, die ihre Kinder frisst. Mark sagte, wir Deutschen sollten glücklich sein mit der Bundesliga.

Vor ein paar Jahren hätte ich mir nicht träumen lassen, dass Engländer die Bundesliga loben und preisen. Früher lebten wir in New York, und wenn Engländer und Deutsche europäischen Fußball sehen wollten, gingen sie ins „Nevada Smiths“, einer Sporttränke auf der Third Avenue. Falls englische gegen deutsche Vereine spielten, öffnete der Wirt zwei Säle. Einen für die Engländer, einen für die Deutschen. Entspannt war das nicht. Niemals hätten vor ein paar Jahren Engländer über die Bundesliga geschwärmt.

Wenn man ehrlich ist, schwärmen sie auch nur deshalb, weil sie vergleichsweise so herrlich altmodisch ist: vernünftige Preise, viermal niedriger als in England. Stadien mit Stehplätzen und Bier, richtigem Bier, während des Spiels. Richtiges Bier vor, während und nach dem Spiel ist die Erfüllung des englischen Traums. Das gibt es in England nicht mehr. Die Bundesliga ist, wenn man so will, ein bisschen wie die alte englische Liga als sie noch „First Division“ hieß. Heute heißt in England die dritte Liga „League One“. Das ist ziemlich verrückt und insofern schon ein Etikettenschwindel, weil man in der dritten Liga natürlich nie erstklassigen Fußball sieht, sondern ziemlich englisches Gebolze, weshalb echte Hardcore-Fans auch gerne dort hingehen und sich an die gute alte Zeit erinnert fühlen, als ziemlich englisches Gebolze auch in der ersten Liga zu sehen war und es noch richtiges Bier gab. Die erste Liga heißt nun Premier League. Oder eben Monster.

Die Premier League setzt inzwischen fast 3,7 Milliarden Euro jährlich um; sie generiert zweieinhalb mehr Fernsehgeld als die Bundesliga. Und künftig noch mehr. Soeben schlossen die Sender Sky und BT Sport einen neuen Vertrag ab: 5,14 Milliarden Pfund (knapp 7 Milliarden Euro) für drei Spielzeiten. Macht 10,2 Millionen Pfund pro Spiel. Der Absteiger Cardiff City zum Beispiel bekam mehr als doppelt so viel TV-Geld wie Bayern München. Und das viele Geld wird zu über mehr als 70 Prozent an die Spieler weitergereicht; sie verdienen im Durchschnitt 44 000 Pfund, fast 56 000 Euro.

Pro Woche.

2,8 Millionen Euro im Jahr. Im Durchschnitt.

Die Bundesligaprofis bekommen deutlich weniger und immer noch verdammt viel.

Die Gehälter sind Weltklasse. Die Leistungen eher nicht.

Das Problem der Premier League ist vielleicht, dass die Bezahlung der Spieler ganz gewiss Weltklasse ist, dummerweise aber nur ein Bruchteil der Spieler auch Weltklasse spielen. Weshalb sie mit ihrem vielen Geld ununterbrochen versuchen, echte Weltklassespieler auf die Insel zu holen und die Spielervermittler darüber die Rekordsumme von 115 Millionen Pfund (rund 145 Millionen Euro) kassieren. Der erstaunliche Louis van Gala, seit Sommer Trainer von Manchester United, wünscht sich penetrant den Dortmunder Weltmeister Mats Hummels. Er wünscht sich Hummels immer und immer wieder, obschon Hummels sagt, dass er gar nicht will. Er würde zwar reich hier oder besser: noch reicher. Aber einen Gefallen täte er sich damit nicht. Reich macht nicht zwangsläufig glücklicher oder: besser. Ich kann das ja im Fernsehen immer wieder sehen. Bayern München dominierte am Dienstag mit zehn Mann den englischen Meister Manchester City wie in einem Trainingsspiel und schenkte dann den Sieg noch weg. City zahlt im Übrigen die höchsten Gehälter der hohen Gehälter in England. Danach kommt gleich Chelsea. Okay, Chelsea demolierte zeitgleich Schalke 04, aber es war eben auch nur Schalke.

Und dann spielte Dortmund. In London. Bei Arsenal.

Ich musste diesmal keinen Wirt überreden, das Spiel zu zeigen, denn ich hatte eine Karte. Wir gingen zu viert ins Emirates-Stadion im Norden Londons. Zwei Deutsche, zwei Engländer. Zwei Dortmund-Anhänger, zwei Arsenal-Fans. Ich war ausnahmsweise einigermaßen entspannt. Auch Dortmunds Trainer Jürgen Klopp sprach vor dem Spiel erstaunlich entspannt von „Holiday“. Leider müssen das die Spieler ziemlich falsch und offenbar wörtlich verstanden haben, sie spielten beschämend leidenschaftslosen Urlaubsfußball.

Wir saßen im Dortmunder Block, das heißt wir standen im Dortmunder Block, weil dort niemand sitzt. Überall sonst im Stadion saßen die Leute. Die Stimmung war merkwürdig gedämpft und passte zum gedämpften Spiel, ein Event-Publikum außer im Dortmunder Block. Arsenal verlangt die höchsten Eintrittspreise in England.

Unsere englischen Bekannten jubelten verhalten bei den Toren und trösteten uns später, „wir waren auch nicht viel besser“. Das stimmte zwar, machte die Sache aber nicht erträglicher. Eher sogar schlimmer. Ich war nach dem Spiel selbst für meine Verhältnisse sehr unentspannt und ungehalten. Es war grundsätzlich keine gute Woche für die Bundesliga. Vier Spiele gegen englische Mannschaften, vier Niederlagen, die britischen Zeitungen jubilierten darüber. Premier League 4, Bundesliga 0. Eine veritable Pleite.

Aber: Am Wochenende fliegen wieder Tausende von Briten nach Deutschland. Zum Fußballgucken. Und zum Biertrinken. Sie fliehen vor dem Monster.

Welcome and Cheers.