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Last Call: Geld für Tüten? Kommt gar nicht in die Tüte!

Unser guter, alter Freund Helmut stammt aus dem Sauerland und hat einen wunderbar westfälischen, nämlich erdigen Humor. Er würde gut nach England passen. Einige seiner Sprüche sind inzwischen berühmt und stehen sogar in Büchern und Zitatesammlungen. Einer geht so: „Ball rund muss in Tor eckig.“ Ein anderer so: „Wir haben wieder zu null gespielt. Allerdings auf der falschen Seite.“ Helmut, clevere Leser ahnen es, hat hauptberuflich mit Fußball zu tun.

Nebenberuflich ist er vor allem ein ziemlich feiner Mensch. Sein wichtigster Spruch, nebenberuflich, steht leider in keinem Buch, er geht so: „Plastik ist der Tod des Wildes.“ Damit wuchs er auf im Sauerland, viel Wald, viel Wild. Neulich habe ich den Spruch mal geklaut und ganz subversiv in den stern geschmuggelt. Helmut war danach ganz stolz auf mich.

Für jede Cola-Dose und jedes Glas Senf eine Tüte

Den Spruch klaue ich eigentlich seit vielen Jahren immer wieder zu passenden Gelegenheiten und manchmal auch bei unpassenden. Schon während unserer Zeit in Amerika habe ich ihn geklaut. Der erste Groß-Einkauf in einem amerikanischen Supermarkt des Namens „Stop and Shop“ in New York mündete seinerzeit in einer ausgewachsenen bilateralen Krise. Ich legte mich mit dem Kassierer an, der jede Tube Senf und jede Dose Cola einzeln in einer Plastiktüte verstaute. Den Einkaufswagen, und es war ein großer Einkaufswagen, konnte man vor lauter Plastiktüten kaum noch sehen. Es gab einen kurzen und heftigen Vortrag meinerseits über Umwelt und Kunststoff, Energieverbrauch und Plastik als Tod des Wildes. Und seinerseits verständnislose Blicke. Der Frau war das peinlich, sie sprach irgendwann zum Tütenmann: „Beachten Sie ihn nicht, er ist neu hier.“ Und also beachtete er mich nicht weiter und packte weiter unverdrossen jede Cola-Dosa in eine Tüte. Das war einmal in Amerika.

Jetzt gerade ist wieder eine gute Zeit, den Spruch mit dem Plastik unters Volk zu bringen, diesmal: London. In England müssen die Leute seit zwei Wochen nämlich fünf Pence für Plastiktüten in Supermärkten zahlen. In Wales und Schottland und Nordirland ist das schon Usus, England hat etwas länger gebraucht für die so genannte „bag tax“. Vieles dauert in England einfach etwas länger.

Die Geschichte mit den fünf Pence ist natürlich längst überfällig. Im vergangenen Jahr wurden 8,5 Milliarden Plastiktüten an englische Kunden verteilt. Das sind etwa 140 pro Person. Die Zahl der Tüten stieg in den vergangenen Jahren ständig, obschon in jedem Haushalt per se schon 40 Tüten rumliegen oder aus Schubladen quellen. Im Zuge der Tüten-Steuer war nun allerhand Interessantes zu lesen über den Plastikmüll. Zum Beispiel, dass die Schotten, Waliser und Nordiren seit der Plastik-Maut den Verbrauch um 80 Prozent reduziert haben. Außerdem lernte man, dass Finnen und Dänen die wenigsten Plastiktüten benutzen, etwa zehn pro Jahr, und die Tschechen mit Abstand am meisten, fast 300. Was die Tschechen mit 300 Plastiktüten machen, ist mir ein Rätsel.

Großbritannien liegt im unteren Mittel der Tüten-Tabelle.

Die ersten Erfahrungen zeigen, dass sich die Leute nur langsam an das Neue gewöhnen. Keine Regel nämlich ohne Ausnahmen: Wenn man zum Beispiel in einem Supermarkt eine lose Kartoffel kauft, kriegt man die Plastiktüte geschenkt. Das gilt auch, wenn man eine lose Axt kauft (!) oder einen einzelnen Schweinekopf: Tüte gratis. Wie sich die Sache bei zwei Schweineköpfen verhält, kann ich nicht sagen.

Jedenfalls scheinen sich die neuen Regularien noch nicht überall herumgesprochen zu haben. In den ersten Wochen klauten viele Kunden einfach die Körbe, in denen nicht nur lose Äxte und Kartoffeln und Schweinsköpfe lagen. Und umgingen damit die fünf Pence. Die Supermarkt-Kette „Tesco“ führte daraufhin in einer Filiale in Oldham bei Manchester Sicherheitsschlösser für Körbe ein wie man sie kennt aus schicken Läden, die Kaschmir-Pullover oder Alcantara-Jacken mit solchen Riegeln vor Diebstahl schützen. Das Schloss ist im Übrigen aus Plastik. Eco-Foot-printmäßig ist das natürlich kein Fortschritt und nicht mal ein Nullsummenspiel. Die Kolumnistin Caitlyn Moran fragte sich darüber hinaus und zurecht, wo die Leute die vielen Einkaufskörbe zu Hause lassen, statistisch betrachtet müssen es 50 Stück sein.

Tesco sichert die Einkaufskörbe mit einem Schloss. Aus Plastik

Man hätte es es irgendwie ahnen können. In Schottland und Wales war's anfangs auch nicht anders. Die Zeitung „Daily Mail“ fuhr jahrelang eine Kampagne für die Abschaffung der Tüten, „Banish the bags“. Die Mail fährt ständig Kampagnen, zum Beispiel auch für die Abschaffung von Migranten und Asylsuchenden und vor allem für die Abschaffung Europas. Die Tüten waren die erste halbwegs vernünftige Kampagne. Aber als es endlich so weit war, titelte die Zeitung „Das wird im großen Chaos enden“. Es wird Zeit, dass es mal eine Kampagne zur Abschaffung der „Daily Mail“ gibt.

Staunen über den Audi unter den Körben

Überhaupt, alles eine Frage der Zeit und der Aufklärung. Die Frau geht seit Jahren mit einem zusammenfaltbaren roten Einkaufskorb einkaufen. Sie wird ständig angesprochen, als hätten Engländer noch nie einen Einkaufskorb gesehen. Er muss eine Art Audi unter den Körben sein, Vorsprung durch Technik. In Deutschland fiele er nicht weiter auf, viele tragen dort ähnliche Behältnisse beim Shoppen. Hier fragen die Leute „Wo gibt's denn so was?“ – und staunen. Manchmal ist England ein komisches Land.

Einkaufskörbe oder -taschen wären auf jeden Fall eine dolle Marktlücke hier, nur als Tipp. Denn irgendwann werden sich auch die Engländer an die fünf Pence gewöhnt haben. Einer twitterte gerade, er habe in seinen Schrank geguckt, gezählt und festgestellt: „Ich bin jetzt Plastiktüten-Millionär.“ Die Steuer hat also viel Gutes. Das Plastik-Geld spenden die Supermärkte für wohltätige Zwecke, außerdem natürlich: „Plastik ist der Tod des Wildes.“

Das Sauerland ist überall.