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Last Call: Herausspaziert! Englands löchrige Gefängnisse

Die Zahl der schweren Verbrechen in England und Wales geht seit Jahren stetig zurück. Das ist eine gute Nachricht. Die weniger gute Nachricht ist, dass von den immer weniger Kriminellen zuletzt immer mehr aus dem Gefängnis verschwanden. Die Behörden sprechen von einer zufälligen Häufung mehr oder weniger sehr gewaltbereiter Zeitgenossen, die Freigang sehr wörtlich nehmen.

Vor kurzem machte der Ausflug von Michael Wheatley, 55, Schlagzeilen, der dem britischen Publikum eher unter der Bezeichnung„Skullcracker“, Schädelknacker, geläufig ist. Mr Wheatley verbüßte insgesamt 13 mal lebenslänglich, weil er sein Hobby bewaffneter Raubüberfall zum Beruf gemacht hatte und im Knast ein weiteres Hobby entdeckte: Knast verlassen. Seine vorerst letzte Flucht war bereits die dritte, und er nutzte sie – Gelegenheit macht Diebe – zu einem zünftigen Überfall. Nach fünf Tagen endete sein Streifzug in London. Beim Skullcracker blitzt trotz seiner erwiesenen kriminellen Energie aber immer noch eine gewisse Form des Anstands durch. Vor Gericht antwortete er einmal auf die Frage des Richters nach seinem Beruf standesgemäß: „Bewaffneter Räuber.“ Das hat Stil und Klasse.

Kurz nach der vierten Festnahme des Skullcrackers spazierte Arnold Pickering aus einem Gefängnis in der Nähe von Liverpool. Mr Pickering saß dort ein, weil er Anfang der 90er Jahre einen Mann versehentlich ermordete, den er fälschlicherweise für einen Pädophilen und sich für einen Exekutor hielt. Auch er war zuvor schon dreimal aus britischen Verwahranstalten entkommen und wieder geschnappt worden.

Kurz nach dem abermaligen Arrest von Mr Pickering beschloss Damien Burns, 39, dass die Zeit reif sei für ein wenig Abwechslung vom tristen Gefängnis-Alltag in Doncaster, South Yorkshire. Mr Burns trägt den Spitznamen „Scarborough Slasher“, Schlitzer; er traktierte seine Opfer vorzugsweise mit einem Messer und soll dem Vernehmen nach auch sonst wenig umgänglich sein. Nach zwei Tagen fand ihn die Polizei in einem Wandschrank seines Eigenheims. Er will nun auf eigenen Wunsch in einen etwas strengeren Knast verlegt werden, die Versuchung sei andernfalls zu groß. Auch das: vorbildlich.

Kurz nach dem Schlitzer wiederum verließen der Macheten-Mann Lewis Powter, 30, und sein Kumpel Paul Oddysses, 49, eine Haftanstalt in Suffolk. Die beiden sind noch flüchtig. Bei Letzterem deutet der Nachname zumindest darauf hin, dass ihn seine Reise im Kreis und zügig wieder hinter Schloss und Riegel führen wird.

Der Justizminister Chris Grayling ist über die Flüchtlingswelle wenig amüsiert und muss sich allerlei unangenehme und ziemlich berechtigte Fragen anhören. Zum Beispiel, warum Dutzende von Verurteilten teilweise seit Jahren auf der Flucht sind und die Öffentlichkeit davon nicht unterrichtet wurde, weil die Preisgabe der Namen die Persönlichkeitsrechte der Herren Brandstifter, Vergewaltiger und Mörder verletzen würde. Landauf, landab wird lebhaft diskutiert, warum so viele Gangster in so kurzer Zeit türmten, nämlich 10 in 14 Tagen. Das liegt deutlich über dem statistischen Mittel von einem Ausbrecher alle 43 Stunden.

Den Rekord hält das Open Ford Jail in Sussex, aus dem 89 Insassen verschwanden, 28 davon in einem Jahr.

Ich halte es nicht für abwegig, nur so eine Idee, dass die Gesetzesbrecher die Annehmlichkeiten des im Königreich sehr populären offenen Strafvollzugs einfach zu schätzen gelernt haben und die freundlichen Erinnerungen des Schließpersonals – „aber um sechs wieder hübsch zurück in die Zelle, lieber Schädelknacker“ nach gewisser Zeit einfach nicht mehr verfangen. Das könnte zumindest sein.

Freundlicher Umgang mit Knackis ist in Großbritannien schließlich gelernt und gute Tradition. Gerade erst erinnerte sich der inzwischen pensionierte Vollzugsbeamte Derek Julian aus Birmingham daran, wie er einmal einem Insassen namens Fred ein paar Holzbretter in dem Glauben übereignete, der werde damit einen Schuppen im Gefängnisgarten fertigstellen. Auf dem Nachhauseweg im Zug las Julian dann in der Abendzeitung, dass ein Insasse namens Fred mit einer selbst gebastelten Holzleiter die Strafanstalt verlassen hatte.

Der freundliche Umgang beruht aber durchaus auf Gegenseitigkeit. Unsere alte Nachbarin Brenda erzählte vor kurzem beiläufig, dass im Laufe der vergangenen Jahre sechsmal bei ihr eingebrochen wurde, vorzugsweise im Sommer, wenn sie gerne auf Reisen geht. Ihre Reiselust scheint sich bei den örtlichen Einbrechern offenbar herumgesprochen zu haben. Beim letzten Mal war es nun so, dass unser Vormieter eine heldenhafte Rolle spielte. Brenda war unterwegs, als ein Trupp Kleinkrimineller ihre Tür knackte. Aus Gründen der politischen Korrektheit und um auf gar keinen Fall Vorurteile zu bedienen, verschweige ich sehr bewusst die Herkunft der Männer. Nur so viel: Die Herren fanden in Brendas Wohnung neben allerlei Gerümpel auch ein paar Flaschen Wodka, die sie an Ort und Stelle leerten, darüber sehr fröhlich wurden und begannen, relativ laute Volkslieder aus der Heimat der Flasche zu schmettern. Das wiederum kam unserem Vormieter zu Ohren, der sich über den fremdländischen Gesang aus Brendas Wohnung wunderte. Er rief vorsichtshalber die Polizei, die auch keine große Mühe hatte, die betrunkenen Herren unter Absingen ihrer Volkslieder abzuführen.

Wir haben daraus gelernt. Ehe wir verreisen, kaufen wir ein paar Flaschen Schnaps. Als Alarmanlage mit Selbstauslöser.