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Last Call: Schnauze Ossi

Die neuen Bundesländer haben massiv vom Solidaritätszuschlag profitiert. Im Westen sieht die Lage zum Teil deutlich schlechter aus. Dennoch, gegenüber Flüchtlingen ist die Stimmung viel offenerer - besonders im Vergleich zu Sachsen.  

Ich bin viel zu selten in meiner alten Heimatstadt und muss gestehen, dass sie mir sogar fremd geworden ist. Einiges erkenne ich gar nicht wieder. Die Haupteinkaufsstraße zum Beispiel besteht weitgehend noch aus Ein-Euro-Geschäften und welchen, die Handy-Bedarf verkaufen. Viele Läden stehen leer. Die Stadt meiner Kindheit und Jugend blühte, zumindest in meiner Erinnerung. Diese darbt. Sie hat, man sieht das überall, offenbar kein Geld.

Meiner alten Stadt Lüdenscheid ergeht es wie vielen in Nordrhein-Westfalen, vor allem im Ruhrgebiet und an dessen Rand. Vor ein paar Jahren forderten deshalb die Bürgermeister der Region eine Art Solidarzuschlag West. Ihren Städten und Gemeinden, argumentierten sie, ginge es inzwischen erheblich schlechter als den meisten im Osten. Ich halte das für eine vernünftige Idee. In den neuen Ländern sieht es inzwischen vielerorts besser aus als im Westen, vor allem als im Revier. Selbst in Bitterfeld, einst Synonym für Umweltdesaster, blühen die Landschaften inzwischen.

Meine Heimatstadt hat im vergangenen Jahr rund 1000 Flüchtlinge aus den Krisengebieten aufgenommen, das ist für eine kleine Stadt eine ganze Menge. Es gibt auch dort natürlich die üblichen Meckerer und Nörgler, die auf Facebook Peinliches posten. Die Mutter aller Arschlöcher ist immer schwanger, überall. Aber grundsätzlich sind die Flüchtlinge dort gut aufgenommen worden und aufgehoben. Die Lokalzeitung berichtet viel, warm, herzlich und klug über die neuen Mitbürger. In Lüdenscheid, wie im Übrigen in den meisten Städten Nordrhein-Westfalens, hätte Pegida keine Chance.

An einem früheren Abend traf ich einen pensionierten Arzt. Er ist ein in jeder Beziehung außergewöhnlicher Mensch. Er rauchte, was, wie ich dachte, ziemlich ungewöhnlich ist für Ärzte und auch ehemalige Ärzte. Aber er sagte, dass ich mal zu einem Ärztetreffen kommen sollte. Der Raum dann blau vor Qualm, und er lachte dazu ein wunderbar kehliges Lachen. Der Arzt konnte herrlich erzählen. Und dann, ganz am Rande und fast beiläufig, erwähnte er, dass er einen jungen Mann aus Ghana bei sich aufgenommen hat. Er hilft ihm bei Behördengängen, er hilft ihm, in Deutschland anzukommen. Er hilft hier, er hilft dort. Er erzählte das völlig selbstverständlich, das beeindruckte mich tief.

Am selben Abend sah ich im Fernsehen einen Beitrag aus Sachsen. Es war nicht mal Bautzen oder Clausnitz. Eine Frau sagte, sie habe gehört, dass die Flüchtlinge klauen. Ihr Mann stand daneben und nickte. Der Reporter fragte, woher sie das wisse mit dem Klauen, und sie sagte, sie habe das gehört. Ein anderer Mann, selber Ort, wurde gefragt, ob die Flüchtlinge sicher seien in seiner kleinen Stadt. Er sagte: „Natürlich.“ Pause. Dann: „Noch.“ Im deutschen Fernsehen liefen überhaupt ununterbrochen Beiträge über Sachsen. Die Sachsen haben es auch nicht leicht. Sie sprechen eine Sprache, die man für alle Nicht-Sachsen synchronisieren und untertiteln muss. Das einzige Wort, das man nicht untertiteln muss, ist „Lügenpresse“. Das kriegen sogar die meisten Sachsen akzentfrei über die Lippen. Manchmal wäre es besser gewesen, man hätte die Untertitel weggelassen und die Zuschauer ahnungslos. Früher galten die Sachsen ja als ahnungslos, weil das Westfernsehen sie nicht erreichte, aber immerhin die „Aktuelle Kamera“ aus Ost-Berlin. Das kann heute als Entschuldigung für die ewigen Entgleisungen nicht mehr herhalten. Was Angriffe auf Ausländer und Flüchtlinge anbelangt, ist Sachsen einsame spitze und Dresden gewissermaßen Hauptstadt der Bewegung. Eine zufällige Häufung sieht anders aus.

Demo in Dresden. Sie glauben, sie wären das Volk. Foto:dpa

Die Ahnungslosigkeit muss also andere Ursachen haben als nicht empfangbares Fernsehen. Sie nistet wohl tiefer. Ich konnte den Dumpfsinn und die stumpfen Antworten nach ein paar Minuten nicht mehr ertragen, sie bereiteten mir körperliche Schmerzen. Ich murmelte laut Richtung Fernseher: „Schnauze Ossi“. Denn ich musste an den Arzt denken aus meiner alten Heimat. Ich war plötzlich wieder stolz auf diese kleine Stadt, die längst nicht mehr blüht, sich aber verdammt noch mal müht.

Tags drauf flog ich nach London zurück.

Abends saßen wir mit Lilly und Tom zusammen. Sie ist Chinesin, er Amerikaner mit kroatischen Wurzeln, gemeinsam betreiben sie ein winziges japanisches Restaurant. Wir sprachen erst über London, dann über Großbritannien, dann über Amerika und Trump, kreisten zurück über den Teich, Syrien, Irak, Russland und Putin und schließlich Berlin, Merkel und Deutschland. Vier Ausländer in London. Irgendwann fragte Tom, was denn da los gewesen sei in „Saxony“. Er hatte darüber gelesen, denn Sachsen machte ja weltweit Schlagzeilen wie zuvor Köln. Ich versuchte es ihm zu erklären so gut ich konnte. Aber ich konnte es nicht gut genug. Ich konnte nicht schlüssig erklären, warum Menschen vor einem Bus stehen und verängstigte Kinder anbrüllen und andere jubeln wenn ein Haus brennt.

Tom fragte, ob man als Kroate oder Chinesin dort auch ein Problem bekäme und überhaupt: Warum immerzu Sachsen und nicht zum Beispiel Nordrhein-Westfalen oder Hessen? Ich erzählte ihm vom Tal der Ahnungslosen, früher. Und von Pegida, heute. Ich erklärte ihm auch, dass NRW eben anders sei, Einwanderungsland, Industrie, Bergbau. Erst kamen die Polen, später die sogenannten Gastarbeiter. Hart aber herzlich. Wir vier Gastarbeiter in London waren uns schnell einig, dass nicht zu viel Ausländer das Problem sind, sondern exakt das Gegenteil: zu wenige. Gelebtes und gelerntes Miteinander, manchmal knirschend und knarzend und kompliziert. Auch in NRW gibt es Übergriffe auf Flüchtlinge, aber statistisch betrachtet nichts im Vergleich zum sehr nahen Osten. In jedem Fall gibt es dort mehr Miteinander oder wenigstens Nebeneinander.

Und nicht gegeneinander.

Wir schwiegen eine Weile. Tom schämte sich für den wirren Trump, der eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten will. Ich schämte mich stellvertretend für Sachsen, das eine Mauer zwar los wurde, aber irgendwie doch nicht ganz. Mir fiel wieder meine kleine Heimatstadt ein. Lüdenscheid, 1000 Flüchtlinge. Der alte Arzt, der einen Mann aus Afrika bei sich aufgenommen hat. Davon erzählte ich Lilly und Tom. Sie staunten. 1000 Syrer hat in der Flüchtlingskrise nicht mal die Neun-Millionenstadt London aufgenommen. Lilly, China, fragte: „Und schafft das deine kleine Stadt?“

Ich sagte: „Ja, sie schafft das.“

Und sie schafft es sogar ohne Solidaritätszuschlag.