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Last Call: Sterben Sie bitte rechtzeitig

Auf ein paar Dinge sind Engländer fast rituell stolz. Auf ihren Tee, ihre Gärten, ihr Königshaus, ihren einzigen Fußball-WM-Titel aus der Bronzezeit. Und ihr einzigartiges Gesundheitssystem. Man muss wissen: Der National Health Service (NHS) gewährt jedem Bewohner der Insel – gleich ob Pakistani, Belgier, Deutscher, Schotte oder natürlich Engländer – kostenfreie Behandlung. So was gab es früher nur im Sozialismus; nicht mal Maggie Thatcher hat den Service kaputt gekriegt. Die NHS als nationales Heiligtum schaffte es sogar in die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London, Krankenschwestern flitzen um Krankenbetten, und die Zuschauer im Olympiastadion rasten. Das wäre in etwa so, als würde in Deutschland bei einer entsprechenden Festivität die Barmer Ersatzkasse gefeiert, was eine ziemlich schreckliche Vorstellung ist und wirklich niemand will.

England ist anders. Man kommt hier mit dem NHS zur Welt, kriegt Masern und die ersten Zähne mit dem NHS, kriegt die Zähne irgendwann wieder gezogen mit dem NHS und ersetzt die mit einem vom NHS finanzierten Gebiss. Irgendwann stirbt man in den Armen des NHS, falls ein Krankenbett frei ist. Denn das ist gerade ein Problem. Es gibt einfach zu viele Menschen und zu wenig Betten in den Krankenhäusern, lediglich 2,95 pro Tausend Einwohner (in Deutschland sind es 8,27). Weshalb die Warteliste lang und länger wird und der Verdruss zuletzt groß und größer.

Außerdem werden auch Briten immer älter, falls sie nicht gerade in Glasgow leben. Glasgow ist nämlich statistisch betrachtet mit einer unterdurchschnittlichen Lebenserwartung von 72,6 für Männer und 78,5 für Frauen der ungesündeste Ort im Königreich. Von Glasgow abgesehen aber leben die Briten länger als je zuvor. Das ist natürlich eine tolle Sache. Aber auf Dauer auch eine teure – die Kosten für Gesundheit und Pflege steigen von zur Zeit 95 auf 120 Milliarden Pfund im Jahre 2020.

Der für Altersvorsorge zuständige Minister Steve Webb von den Liberaldemokraten hat jüngst aus diesem Grund eine Idee vorgetragen, die etwas mehr Planungssicherheit bringen soll. Die Idee geht so: Menschen, die aufs Rentenalter zusteuern, soll künftig rechtzeitig mitgeteilt werden, wie lange sie in etwa noch zu leben haben. Sie sollen angeben, ob sie rauchen, trinken, sich noch bewegen, einen Partner haben und wo sie leben (besser nicht Glasgow sagen!). Daraus errechnet sich grob die zu erwartende Lebensdauer. Der betreffende Vorruheständler darf dann entscheiden, ob er seine Rente lieber gleich auf den Kopf haut, etwa durch den Erwerb luxuriöser italienischer Sportwagen. Oder vernünftig anlegt, weil er vermutlich eben länger leben wird als seine Vorfahren und auch italienische Sportwagen. Es sei denn, er stammt aus Glasgow. Oder raucht und trinkt und bewegt sich nicht.

Die Konsultation soll im Rahmen eines vertraulichen Gesprächs ablaufen, vermutlich bei einem schönen Tässchen Tee und ein wenig Gebäck, und die bislang gängige Praxis einer jährlichen Auszahlung zumindest infrage stellen. Am Ende des Gesprächs sind dann alle schlauer – „Sie haben noch 21 Jahre und drei Monate, viel Spaß damit.“ Jeder also demnächst nach seiner Fasson. Ferrari oder Festzins.

Das mag sich vielleicht etwas zynisch anhören, ist es aber gar nicht. Mr Webb geht es vor allem darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das Leben mit dem Eintritt ins Rentenalter eben längst nicht vorüber ist und man besser entsprechend vorausschauend planen möge und doch nicht alles ruck-zuck verprasst. Obschon der Gedanke ziemlich reizvoll ist und von Fall zu Fall auch durchaus sinnvoll. Zumal punktgenaue Prognosen über das exakte Datum des Ablebens dann doch eher schwierig sind. Altkanzler Helmut Schmidt, 95 Jahre, aktiver Weinkonsument und noch aktiverer Raucher, hätte zum Beispiel jede konkrete Voraussage zuverlässig zerstört und den Online-Ratgeber des „Daily Mirror“ „When are you going to die?“ mit tödlicher Sicherheit zum Einsturz gebracht. Schmidt könnte sich jederzeit noch einen Ferrari kaufen.

Im Übrigen nehmen Briten das Sterben nicht so todernst, sondern beneidenswert gelassen und fast heiter. Andernorts äußern Menschen auf die hypothetische Frage „Was würden Sie tun, wenn Sie vor dem Tod noch einen Wunsch frei hätten?“ so verwegene Anliegen wie Bungee-Springen über den Victoria-Fällen oder Helikopter-Rundflug auf Hawaii. Briten sind offenbar etwas geerdeter. Vielleicht, weil sie ahnen, dass ein Bungee-Sprung mit einer, sagen wir, künstlichen Hüfte nicht zwangsläufig die Erfüllung sein muss. Nicht mal die des letzten Wunsches. An Nummer eins ihrer Wunschliste steht unangefochten eine Henkersmahlzeit: Fish and Chips auf einem sonnigen Pier.