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Last Call: Unsere kleine Straße in der Mitte der Welt

Unsere Lieblingsstraße ist nicht besonders lang. Ein paar hundert Meter vielleicht. Sie ist auch nicht besonders schön. Es gibt vermutlich zehntausend solcher Straßen in London. Wir werden sie vermissen. Nicht die Straße, nicht die Häuser, nichts Besonderes. Aber die Menschen sind besonders.

Durch die kleine Straße rumpelt ein Bus, die Linie 31, roter Doppeldecker. An guten Tagen kann man die Uhr nach ihm stellen. An guten Tagen rumpelt und schnauft er alle sechs Minuten von einem Ende der Welt zum anderen und zurück, knapp zehn Kilometer. Gute Tage sind, wenn der Verkehr fließt und keine Staus sind zwischen dem Ende der Welt, „World’s End Pub“ in Camden und White City, Endstation. Früher fuhr er bis nach Chelsea, „World’s End“, auch ein Pub.

Unter dem Postcode NW6 versammelt sich die halbe Welt

Etwa in der Mitte zwischen Weltenden liegen unsere paar hundert Meter Straße. Gewiss nicht der Nabel der Welt, aber gute Mitte, bester Londoner Durchschnitt und also repräsentativ. Alles drin und alles dran an Menschen, was diese Stadt zu bieten hat. Unter dem Postcode NW6, Nordwesten, versammelt sich die halbe Welt: Armenien und Albanien, Brasilien und Belgien, England und Frankreich, Spanien und Italien, Österreich und Irland, Sri Lanka und China, Türkei und Turkmenistan, ein wenig Deutschland auch.

NW6 ist bunt. Fein und reich sind NW1 und NW3 und NW8, Primrose Hill und Hampstead und St. John's Wood. Wir sind NW6, geprägt von Einwanderern wie wir es sind. Zuerst kamen die Iren, die flohen vor dem Hunger auf ihrer Insel. Dann kamen Inder und Bangladeschis und Menschen aus der Karibik. Danach kamen die Nordafrikaner, und nach den Nordafrikanern kamen die Ost- und Südosteuropäer, Polen, Albaner, Kosovaren, Zyprioten, Griechen. Neuerdings Franzosen und Spanier und Portugiesen. Es kam und kommt in Tat und Wahrheit: die ganze Welt.

Es kam Branavan, unser Zeitungsmann aus Sri Lanka vor einigen Jahren, seine Heimat damals zerrissen vom Bürgerkrieg. Der Vater, ein Lehrer, schickte ihn nach London in die Sicherheit zum Cousin, der hier schon lebte. Jeden Morgen um sieben schließt Branavan die Rollläden des Ladens auf und arbeitet dann 14 bis 15 Stunden lang. Er nimmt Rabattmarken an, verkauft Milch, Brot, Eier, Bier und Zeitungen. Am späten Abend sperrt er zu und fährt dann heim zum Cousin, eine Stunde mit dem Zug. Manchmal ist er müde, aber er lächelt immer. Branavan hat das schönste Lächeln der Straße.

Branavan, unser stets gut gelaunter Zeitungsmann. © Horst A. Friedrichs

Es kamen Ibrahim und seine Frau Sophia aus der Türkei, und sie eröffneten das kleine Restaurant „Ekin“, Lamm und Huhn auf Holzkohle. Wenn der Grill dampft, können wir das zu Hause riechen. Am Grill steht Florin, Rumänien, und es bedient seine schöne Frau Shirin, Turkmenistan. Die Gäste reisen aus der ganzen Stadt an. Und ein paar kommen sogar aus Manchester oder Glasgow.

Shirin und Sophia hinter der Scheibe vom türkischen Restaurant "Ekin". © Horst Friedrichs

Es kam Isolde, ursprünglich Linz, Österreich, dann Irland, nun London. Sie hat schlohweißes Haar und einen Laden für Bettdecken und Kissen, „Austrian Bedding“. Sie spricht mehr als 50 Jahre nach dem Umzug noch mit dem leichten Akzent ihrer alten Heimat.

Hin- und her gerissen zwischen Mister Lamm und Mister Lee

Es kam Mister Lee aus China, der einen Imbiss betreibt, vor dem spätabends die Polizisten parken und Ente und Fleisch süß-sauer bestellen oder seine wunderbaren Nudelsuppen. Und sich manchmal nicht entscheiden können, wenn nebenan bei „Ekin“ der Grill dampft und es nach Lamm duftet, dann hin- und her gerissen zwischen türkisch und chinesisch.

Es kam Vitaljus aus Litauen, studierter Druck-Ingenieur aus Kaunas, zweitgrößte Stadt des Landes. Er ist unser Postmann.

Es kam Andreas aus Zypern, der Friseur an der Straßenecke, Trockenschnitt 9 Pfund, günstiger geht nicht in London. Der die Sonne seiner Insel vermisst und jeden Strahl nutzt und draußen auf dem Bürgersteig auf einem Stühlchen sitzt und raucht und den Sportteil liest und sich sehr ärgern kann über die immensen Gehälter der Fußballspieler. Aber niemand schimpft so milde wie Andreas.

Der Friseur Andreas aus Zypern nutzt jeden Sonnenstrahl draußen vor seinem Salon. © Horst Friedrichs

Es kam Brendan und eröffnete einen Schokoladenladen. Brendan sagt, Schokolade mache die Menschen glücklich, und er sei deshalb nichts anderes als ein Glückshersteller. Er würde gerne auch mal Opium-Schokolade verkaufen, aber das traut er sich dann doch nicht. Statt dessen macht er welche mit Kamasutra-Motiven zum Valentinstag.

Zuletzt kam Andrea aus Brünn, Tschechien, und eröffnete die Bäckerei „Hart & Lova“. Die sagt, ihr Nachname „Hartlova“ sei ein Glücksfall wegen der tieferen Bedeutung. „Hart“ für harte Arbeit. „Lova“ für Passion. Sie träumte jahrelang von einer eigenen Bäckerei. Und ihr Traum ist nun fertig seit eineinhalb Jahren, er riecht nach Kaffee und Brot und fühlt sich warm an.

Die Bäckerei "Hart&Lova", in der es wohlig nach Kaffee und Brot riecht. © Horst Friedrichs

Es gibt noch einen kleinen Pub in dieser kleinen Straße, davor sitzen stets dieselben Leute aus der Nachbarschaft. Er wird betrieben von Merlin, England, und seiner französischen Frau. Sie machen wunderbares Hühnchen und Rippchen in einem Ofen aus Texas, slow cooked, und sonntags „Sunday Roast“. Wenn es mal heiß ist in London, steht vor der Tür ein Schild: „Trocknet nicht aus! Trinkt Bier!“

In East Finchley leben die glücklichsten Londoner. Angeblich

Das ist unsere Lieblingsstraße, ein paar hundert Meter lang. Touristen werden sie übersehen, zu klein, zu unbedeutend. Und für uns doch irgendwie besonders.

Alle paar Minuten schnauft der Doppeldecker durch diese Straße, Linie 31. Von einem Ende der Welt zum anderen. Wir können ihn hören, wenn das Fenster auf ist, und wir können Ibrahims Grill riechen und die Polizisten verstehen, die die Qual der Wahl haben zwischen Mister Lee und Mister Lamm.

Der Doppeldecker der Linie 31, von einem Ende der Welt zum anderen. © Horst A. Friedrichs

Wir werden das alles sehr vermissen.

Denn wir ziehen um, schweren Herzens, von NW6 nach N2, East Finchley, weiter nördlich. Unsere Töchter sagen, dass wir dort bestimmt ähnlich glücklich werden. Aber es klingt ein bisschen wie: Silbermedaille ist auch ganz gut. Neulich brachte uns die Ältere das Magazin „Time out“ mit, darin eine Geschichte über unsere neue Gegend. In East Finchley, stand da, lebten die glücklichsten Londoner.

Am nächsten Morgen holte ich meine Zeitungen bei Branavan. Er lachte wie immer. Ibrahim lud frisches Gemüse aus seinem Wagen und Lammkottelets für den Mittagstisch. Isolde telefonierte in ihrem Bettenladen, Brendan debattierte mit einem Schokoladen-Kunden, dem er Glück verkaufen wollte. Und vor der kleinen Bäckerei saßen Mütter und schaukelten Kinderwagen.

Irgendwie glaube ich die Geschichte in „Time out“ noch nicht.