HOME

Last Call: Wie aus Engländern Franzosen wurden. Zumindest für 90 Minuten

Michael Streck mag Hymnen nicht. Doch als in London vor der Partie England gegen Frankreich das ganze Stadion die Marseillaise schmetterte, bekam der stern-Korrespondent zum allerersten Mal Pathos-Gänsehaut.

Es gibt viele Dinge, die ich einfach nicht kann. Singen gehört auch dazu. Deshalb trifft es sich, dass ich Hymnen an sich verabscheue und nie auf die Idee käme, die Nationalhymne zu singen oder zu brummen oder auch nur zu murmeln. Hymnen speziell vor Fußballspielen halte ich für komplett überflüssig und idiotisch. Vermutlich bin ich auch nur ein lausiger Patriot, das aber immerhin aus Überzeugung. Die Abneigung gegen Hymnen wurde während unserer Jahre in Amerika nicht besser. Amerikaner singen ständig und überall ihre Hymne.

Ganz besonders unerträglich war es nach 9/11. Damals wie heute war der Sport auch ein Vehikel zur Trauerarbeit. Die Baseballmannschaft der New York Yankees stand im Oktober 2001 im Finale der amerikanischen Meisterschaft, die in den USA, wie vieles, überhöht wird zur „World Series“. Vor der City-Hall, nur wenige Hundert Meter entfernt von Ground Zero, gab es eine Feier für die Yankees, ehe sie aufbrachen nach Arizona zum ersten Endspiel. Und ein singender Polizist namens Daniel Rodriguez schmetterte dazu die Nationalhymne. Es war die schrecklichste Performance einer Hymne, seit eine mexikanische Blaskapelle 1966 bei einem Staatsbesuch von Bundespräsident Heinrich Lübke das Deutschlandlied sagenhaft verhunzte. Das allerdings war herrlich. Der singende Polizist weniger.

Seit dieser Zeit in Amerika hat sich meine Abneigung gegen Hymnen in eine ausgewachsene Phobie gesteigert. Die einzige Hymne, die mir vom Text einigermaßen gefällt, ist die spanische. Weil sie keinen Text hat, deshalb verhältnismäßig leicht zu lernen ist und so ganz ohne nationalistisches Gebimse auskommt. Wenn überhaupt, dann am liebsten so.

Am Dienstag abend musste ich meine Hymnen-Phobie kurz revidieren. Die englische Fußball-Nationalmannschaft empfing im Wembley-Stadion die französische. 70 000 Zuschauer kamen und sangen die Marseillaise, „Allons enfants de la patrie…“ Aus Solidarität mit Paris und den Opfern. Sie spielten ausnahmsweise erst „God save the Queen“ und dann die Hymne der Gäste. Alle sangen. Wembley war französisch in diesem Moment, und das lag nicht daran, dass in London mehr als 250 000 Franzosen leben. Ich stand im Stadion und ertappte mich dabei, wie ich eine Gänsehaut bekam und dann mitsummte und schließlich sogar verstohlen mitbrummte. Die Frau schaute verwundert. Sie kennt mich so nicht. Aber der Moment war außergewöhnlich. Auch deshalb außergewöhnlich, weil es eben die Marseillaise war, geboren im Geist der Revolution und als Aufruf gegen Invasoren aus Österreich und Ungarn. Alles andere als monarchiefreundlich obendrein, und doch stand auch der künftige britische König William ergriffen am Spielfeldrand – und brummte mit. Franzosen und Engländer mögen sich eigentlich nicht richtig, gefühlt seit der Schlacht von Agincourt vor 600 Jahren, womöglich noch länger. Es ist eine historisch gewachsene Fehde, und im Vergleich zum englisch-französischen Verhältnis wirkt das englisch-deutsche fast wie eine Liebesbeziehung.

Seit Freitag ist das anders. Zumindest zeitweise.

Aus Wembley wurde ein Ort des gemeinsamen Gedenkens, nie passte der Terminus Freundschaftsspiel besser. Der Bogen über dem Stadion strahlte seit Tagen in den Farben der Trikolore, die britischen Zeitungen druckten den Text der Marseillaise auf französisch und auf englisch. Und der französische Trainer Didier Deschamps sagte nach dem Abschlusstraining vor dem Spiel, dass seine Spieler das Nationaltrikot mit noch größerem Stolz als sonst tragen würden. Unter normalen Umständen hätte das schwülstig, pathetisch und peinlich geklungen.

Seit Freitag ist das anders.

Deschamps ist grundsätzlich unverdächtig. Er war Kapitän jener wunderbaren französischen Weltmeistermannschaft von 1998, deren Aufstellung wie ein Gedicht klingt – Barthez, Leboeuf, Lizarazu, Desailly, Zidane, Thuram, Henry, Karembeu, Petit, Pirés... Die als Symbol galt für ein Miteinander über alle Schranken hinweg. Das Team war ein Statement und ein Albtraum für den Front National. Vieles davon blieb Verheißung. Die heutige Equipe ist nun vielleicht auf dem Weg, diese Verheißung fortzusetzen. Sie ist wieder ein Symbol für Einigkeit. Und gegen Hass.

Respekt vor den Opfern von Paris vor, während und nach dem Spiel

Am Freitag starb Asta Diakité, die Cousine des französischen Nationalspielers Lassana Diarra, im Kugelhagel, und die Schwester von Antoine Griezmann überlebte im Konzertsaal „Bataclan“. Der Terror hatte die ansonsten abgeschottete und aseptische Welt des Profifußballs erreicht. Deutsche und Franzosen übernachteten gemeinsam auf Matratzen im „Stade de France“. Am Montag stiegen Diarra und Griezmann mit dem Rest der Mannschaft ins Flugzeug von Paris nach London. Die Spieler waren vom französischen Fußballverband vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Einige wollten ursprünglich nicht spielen. Sie flogen trotzdem. Es war eine richtige Entscheidung.

Twitter-Post von Lassana Diarra zum Tod seiner Cousine in Paris

Wembley ist nämlich der richtige Ort für würdevolle, große Gesten. Es gab Ähnliches dort schon einmal, 20. Mai 1989. Wochen nach der Stadionkatastrophe von Hillsborough, als 96 Anhänger des FC Liverpool zu Tode gequetscht wurden, spielten die Reds im Pokalfinale ausgerechnet gegen den gehassten Lokalrivalen FC Everton. Auch damals 70 000 im Wembley-Stadion. Es war ein warmer und sonniger Tag in London, und vor dem Spiel trat Gerry Marsden auf, der ehemalige Leadsänger von „Gerry and the Pacemakers“. Er sang das berühmteste Lied der Gruppe, „You`ll never walk alone“, die Hymne des FC Liverpool. Und an diesem besonderen Tag sangen das nicht nur die 35 000 Fans der Reds, sondern auch die 35 000 Fans des anderen Liverpooler Klubs, und Marsden stand auf einer Empore, und es liefen ihm die Tränen. Leute, die damals dabei waren, sagen, es sei das ergreifendste Stadionerlebnis ihres Lebens gewesen.

Seit Dienstag kann ich das nachvollziehen.

Der französische Profi Samir Nasri von Manchester City twitterte: „Ich liebe England. Lasst uns nicht über Fußball reden, nicht eine Minute und statt dessen den Respekt würdigen, den die Engländer gezeigt haben.“ Fußball gespielt wurde auch noch. Es war nicht weiter bemerkenswert und tatsächlich nur die schönste Nebensache der Welt. Ich hätte mir niemals träumen lassen, einmal zu denken, zu sagen und zu schreiben: Das Beste am Spiel waren die Hymnen.