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Last Call: Wie Pegida einmal England erobern wollte…

Einige deutsche Worte haben es in den englischen Wortschatz gebracht. Zeitgeist zum Beispiel oder Realpolitik und die offenbar sehr spezielle „German angst“. Außerdem Kindergarten, Rucksack und natürlich Schadenfreude, weil es kein englisches Wort dafür gibt. Ganz frisch dazu gekommen ist nun Pegida, ein Dresdner Produkt wie der Christstollen. Am Wochenende lief in Newcastle die erste britische Pegida-Demo, Pegida UK.

Es gibt sympathischere Importe aus Deutschland. Fußballspieler und Autos vor allem. Der Audi-Slogan „Vorsprung durch Technik“ wird in den USA und Großbritannien gar nicht mehr übersetzt. Er ist fast so bekannt wie Kindergarten, Schadenfreude und Mertesacker.

Pegida wird das nicht schaffen, obschon auch unübersetzbar.

Neulich traf ich einen alten englischen Politiker, Ken Clarke. Er ist ein Urgestein in Westminster, Pro-Europäer durch und durch und angenehm unbequem. Clarke, 74, fragte ausgiebig nach der Stimmung in Deutschland. Er hatte selbstverständlich auch von den Populisten in Dresden gehört. Allerdings kriegte er den Begriff Pegida nicht über die Lippen und fragte gleich zweimal: „Wie heißen die noch mal?“ Kraftfahrzeugsteuer, Straßenverkehrsordnung oder Überhangmandat hätte er sich bestimmt besser merken und aussprechen können. Vielleicht weigerte er sich auch nur.

Irgendwie beruhigte mich das. Vielleicht muss man sich Pegida einfach nicht merken. In Deutschland sind sie auf dem besten Weg ins Abseits, ein „flavour of the month“, wie man hierzulande sagt. Ein Wimpernschlag der Geschichte. Englische Freunde und Bekannte erkundigen sich allerdings zuweilen über Pegida, denn selbstverständlich berichteten auch die britischen Medien über diese Wutbürger. Sie wollten wissen, was das ist, ein „Wutbürger“. Und was es mit Pegida auf sich hat. Als Deutscher im Ausland ist man immer auch eine Art unbezahlter Botschafter. Wir versuchten unsere englischen Freunde zu beruhigen und sagten, dass Pegida so etwas sei wie eine Volksbewegung ohne Volk und dass 25 000 Leute in Dresden nichts seien im Vergleich zu denen, die überall in Deutschland gegen sie demonstrieren. Was ein Wutbürger ist, konnten wir allerdings auch nicht richtig erklären.

Ein wiedergeborener Christ (?) mit Hang zum Rassismus

Mit Pegida und deren Zulauf verhält es sich so ähnlich wie mit UKIP und deren Zulauf in Großbritannien. Sie sind ausgerechnet dort besonders populär, wo es kaum Zuwanderung und Immigranten gibt. Eine weitere Parallele ist, dass der britische Pegida-Organisator Matthew Pope ähnlich wie der deutsche Pegida-Gründer Bachmann so tut, als sei er eigentlich ganz harmlos und es doch nicht ist. Pope ist ausgebildeter Pfleger für psychisch Kranke, aber seit Monaten arbeitlos. Er sagt, die Immigranten seien schuld, dass Engländer keine Jobs finden würden. Er postet auf der Pegida UK-Facebook-Seite reichlich dummes Zeugs, was so gar nicht zu seiner Selbstdefinition eines „gläubigen und wiedergeborenen Christen“ entspricht. Fotos von ihm mit Hitler-Bärtchen sind bislang aber noch nicht aufgetaucht. Das unterscheidet ihn von Herrn Bachmann.

Ursprünglich wollte Pegida UK auch eine Demo in London abhalten. Aber Pope sagte, er fürchte, dort würden zu viele Rechtsextreme erscheinen, mit denen Pegida selbstverständlich nichts zu tun haben wolle. Deshalb Newcastle im Nordosten Englands, eine Arbeiterstadt mit sechs Prozent Immigranten muslimischer Herkunft. Insgesamt war die Stimmung in der Stadt nicht sonderlich Pegida-freundlich. Man kann sogar sagen: Newcastle wollte die Pegida-Leute nicht. Ein Einheimischer wurde mit dem schönen Satz zitiert, dass er nicht verstehe, warum sich Briten mit patriotischen Deutschen gemein machen sollten. Er sagte noch, dass er die Geschichte von patriotischen Deutschen schon mal irgendwann gehört habe, und das sei bekanntlich nicht gut ausgegangen für den Rest der Welt.

Die Fußballfans sangen die Pegida-Fans nieder

Die Fußballfans von Newcastle United riefen sofort zu einer Gegenveranstaltung auf, „Newcastle unites“, und wiesen darauf hin, dass sie schon deshalb nichts gegen Immigranten und Muslime haben, weil ungefähr die halbe Mannschaft aus Immigranten und Muslimen besteht. Die Vereinsfarben sind außerdem schwarz und weiß. Das passt.

Zu dem Protestmarsch am Samstag erschienen lediglich einige Hundert Demonstranten. Es blieb immerhin einigermaßen friedlich. Die Pegida-Fans sangen „Land of Hope and Glory“, waren aber in der Unterzahl und wurden vor allem von den Fußballfans ziemlich schnörkellos niedergesungen. Muslime, Hindus, Christen und Juden waren da und überhaupt sehr viele Gegendemonstranten. Der Komödiant und Schauspieler Russell Brand trat auf und eine ganze Reihe von Politikern. Insgesamt wirkte das Ganze nicht unbedingt so, als könnte aus Pegida ein deutscher Exportschlager werden wie Autos oder Fußballspieler. Pope war dennoch zufrieden. Das musste er wohl sagen.

Nach der Veranstaltung im Stadtzentrum am Bigg Market zogen die Fans weiter ins Stadion; nachmittags spielte Newcastle United gegen Aston Villa und gewann 1:0. Das Tor schoss Papis Demba Cisseé aus dem Senegal, früher mal SC Freiburg. Es war ein schönes, smartes Tor. Er nutzte einfach seinen Vorsprung durch Technik.