Libanon "Ich will meinen Sohn beerdigen"


Mahmoud Dakroue, Farmer im Südlibanon, hatte es mit harter Arbeit zu 800 Stück Vieh gebracht. Dann klinkten israelische Kampfjets ihre Bomben aus und brachten Tod und Verderben. Eine Reportage.
Von Marc Goergen

Es ist nachts um drei in einer der ersten Nächte des Krieges, als die Bomber sein Leben zerstören. Mahmoud Dakroue hat sich mit seiner Frau und den Kindern bei Freunden einquartiert. Seine Farm liegt am Rand der südlibanesischen Stadt Srifa. Nur sein Ältester, der 25-jährige Abbas, bleibt im Stall bei den Kühen: dem Kapital der Familie. Schon Dakroues Urahnen haben in Srifa das Land bebaut, die ersten Tabakstauden gesetzt, Tiere gekauft. Als sein Vater ihm die Weiden vermacht, grasen dort 300 Kühe.

Dakroue arbeitet hart, die Farm gedeiht - bis auf 800 Stück Vieh. Kein Terror kann die Familie von ihrem Land vertreiben, nicht der Bürgerkrieg, nicht die israelische Invasion 1982. Bis zu jener Nacht.

Wo ist Abbas?

Die Kampfflieger klinken ihre Last aus, und Srifa bebbt unter den Bomben. "Es war ein totales Chaos. Überall Explosionen und Schreie. Wir rannten los, konnten nichts mitnehmen, als das, was wir an Kleidern am Körper hatten", sagt der 51-Jährige. Sie retten sich in den nahen Wald und werden in der Dunkelheit getrennt. Dakroue hat vier Kinder bei sich, Ali, Nidan, Fatima und den erst vierjährigen Hussein, den kleinsten der Sippe. Aber wo ist seine Frau? Der zweitälteste Sohn Habib? Und was ist mit Abbas, dem ältesten im Stall?

Dakroue schlägt sich ins Nachbardorf durch. Im Morgengrauen erreichen sie Busse libanesischer Hilfsorganisationen. Die Helfer bringen Dakroue zusammen mit hunderten anderer Flüchtlinge ins 40 Kilometer entfernte Sidon. Seit Kriegsbeginn hat die Küstenstadt 45.000 Flüchtlinge aufgenommen. Sonst wohnen hier 125.000 Einwohner. Und nun bombardieren die Israelis auch noch diese überfüllte Stadt.

"Keine Waffen"

Dakroue bekommt mit seinen Kindern einen Klassenraum einer leergeräumten Schule zugewiesen. Er trifft Nachbarn wieder, Freunde aus Srifa. Und erfährt erst jetzt, was mit seiner Familie geschah: Seine Frau lebt, ist noch immer in einem Dorf im Kampftgebiet, kaum fünf Kilometer von der Farm entfernt. Sie kann nicht weg. Von Habib, dem zweitältesten, fehlt jede Spur. Keiner hat ihn nach den Bomben mehr gesehen. Und Abbas, der Älteste, dem es nichts ausmachte, bei den Kühen zu schlafen - ist tot. Begraben unterm dem zusammenstürzenden Stall.

Dakroue sitzt im Klassenraum der Schule, seinem Zuhause seit einer Woche. Um ihn heraum hocken die Kinder, an der Wand lehnen Schaumstoffmatten, auf der Fensterbank stehen ein paar Töpfe, es riecht nach Essen und ungewaschener Kleidung. "Wir sind doch nur Bauern. Bei uns hatte keiner Waffen", beteuert er. "Ich will zurück zu meinem Land", sagt er dann noch, die Wut wird größer als der Zweifel. "Ich will endlich meinen Sohn begraben."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker