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Madrid: Totenstille auf der Linie C-7

Nach dem blutigen Attentat in Madrid haben die Menschen noch immer Angst, öffentliche Verkrehrsmittel zu benutzen. Besonders in den Zügen der Linie C-7, die entlang der "Todesstrecke" fährt, herrscht beklemmende Stimmung.

Die Stimmung im Waggon ist beklemmend. Die Fahrgäste des Pendlerzuges auf der Linie C-7 zwischen Príncipe Pío und Alcalà de Henares sind in ihre Zeitungen vertieft, starren aus dem Fenster oder einfach nur auf den Boden. Es fällt kein Wort. Viele schauen immer wieder auf die Uhr, als wollten sie sagen: "Wann kommen wir endlich an?" Jedes Mal, wenn bei einem Halt die Türen aufgehen, werden die neuen Passagiere geradezu von den Blicken durchleuchtet - aus dem Augenwinkel, um sich nichts anmerken zu lassen.

Gut eine Woche nach dem Blutbad sorgen Rucksäcke unweigerlich immer noch für ein mulmiges Gefühl. "Es sind doch bloß Schüler, die haben bestimmt keine Bombe darin versteckt", scheinen die Minen der Fahrgäste zu verraten. Plötzlich hält der Zug mitten auf der Strecke an. Ein Raunen geht durch den Waggon. Eigentlich ist ein solcher Stopp etwas alltägliches, wenn etwa der Zug davor noch auf dem Bahnhofsgleis steht. Doch seit dem 11. März ist nichts mehr so wie früher in den Pendlerzügen Madrids. Und das Trauma nach den Anschlägen wird die eine Million Fahrgäste wohl noch lange verfolgen.

Staatsbahn bedankt sich für Solidarität

Oftmals reicht ein kleines Detail, um die Tränen in die Augen zu treiben. Die schwarze Trauerschleife des Sitznachbarn etwa. Oder eine ganzseitige Anzeige der Staatsbahn Renfe, die man am Mittwoch bei der Zeitungslektüre finden konnte: "Danke für Eure Hilfe, für Eure Tränen, für Eure Solidarität. Danke dafür, dass ihr an unserer Seite und an der Seite aller Opfer dieses Horrors gestanden habt. Danke aus ganzem Herzen."

In derselben Zeitung ist auch die Liste der 182 bislang identifizierten Toten abgedruckt. Die älteste ist Alicia. Sie war 63. Die jüngste hieß Patricia, stammte aus Polen und war erst sieben Monate alt. Falsch: In der Spalte "Alter" taucht statt einer Zahl das Wort "Fötus" auf: Die 29-jährige Anabel Pérez Gil war hochschwanger, als die Bomben explodierten.

Die Linie C-7 führt entlang der "Todesstrecke" vom 11. März. Bahnhof Atocha: 98 Tote. Bahnhof Santa Eugenia: 16 Tote. Bahnhof El Pozo: 67 Tote. Viele wollen sich diese Route erst gar nicht zumuten - und steigen vorher auf die U-Bahn um. Als die Türen des Pendlerzuges endlich aufgehen, ist den Menschen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. "Uff!", entfährt es einer Kolumbianerin. "Ich muss mit dem Zug fahren, denn anders komme ich nicht zur Arbeit", erzählt die Mittvierzigerin. Sie arbeitet als Putzfrau und wohnt in einem der Vororte der Millionenstadt.

Überall wird man an den Anschlag erinnert

Aber in Atocha, Santa Eugenia oder El Pozo werden die Menschen alsbald wieder mit der Realität konfrontiert: Kerzen, Blumen und Zettelchen mit kleinen Botschaften erinnern an die Opfer. "Wir werden Euch nie vergessen", hat jemand geschrieben, "Paz" (Frieden), ist immer wieder zu lesen. In dem Endbahnhof in Alcalà de Henares, der Wiege von Spaniens größtem Schriftsteller Miguel de Cervantes ("Don Quijote"), sieht es aus "wie bei einer Totenwache", wie es eine Zeitung umschrieb. Allein 26 der Toten kamen aus der Kleinstadt östlich von Madrid.

Fast scheint es, als habe jeder in Madrid seine ganz persönliche Erfahrung mit den Anschlägen gemacht. Oder zumindest aus dem Bekanntenkreis über schreckliche Schicksale erfahren. "Wäre ich an diesem Tag nicht zu spät aus dem Haus gegangen, hätte es mich auch erwischt", ist zu hören. "Einer der Bauarbeiter von dort drüben ist gestorben", berichtet die Frau in dem Brotladen. "Er kam immer so gegen elf auf ein zweites Frühstück." Andere traf es im Kollegenkreis. "Eine unserer Lehrerinnen, sie war 38, ist getötet worden. Sie hatte zwei Kinder von 4 und 7 Jahren", erzählt Carmen. "Das tragischste ist, dass sie nur in den Zug stieg, weil sie glaubte, einen Arzttermin zu haben. Aber der Termin war erst am Tag darauf." Der Zug, es war einer der Linie C-7.

Jörg Vogelsänger / DPA
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