Mosche Katsav Der einsame Präsident


In Israel bereitet die Staatsanwaltschaft ihre Klage gegen Staatspräsident Katsav vor - wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung. Katsavs Karriere ist damit am Ende, an seine Unschuld glaubt nur noch seine Ehefrau.
Von Silke Mertins

Wenn die israelische Presse Gila Katsav mit Fragen bestürmt, sieht die unscheinbare und schüchterne Präsidentengattin aus, als wollte sie in einem Mauseloch verschwinden. Tapfer widersteht sie dem Fluchtinstinkt und spricht mit mitleiderregender Stimme.

"Ich glaube an die Unschuld meines Mannes." Gila Katsav gehört allerdings zu den ganz wenigen, die das Staatsoberhaupt noch für eine verfolgte Unschuld halten. Polizei und Justizministerium gaben am Montag offiziell bekannt, dass die Ermittler der Staatsanwaltschaft empfehlen, Anklage gegen den Präsidenten zu erheben. Er soll zehn ehemalige Mitarbeiterinnen sexuell belästigt, genötigt und in zwei Fällen sogar vergewaltigt haben.

noch nie so schwere Beschuldigungen

Skandale hat es in Israel schon viele gegeben. Katsavs Vorgänger Eser Weizman musste wegen des Verdachts der Korruption zurücktreten. Doch so schwere Beschuldigungen wurden noch nie gegen einen amtierenden Politiker erhoben. Im Falle einer Verurteilung drohen dem Staatsoberhaupt bis zu 14 Jahre Gefängnis.

Katsav weist die Anschuldigungen zurück und sieht sich als Opfer eines "öffentlichen Lynchens ohne Prozess oder Ermittlungen". Verzweifelt weigert er sich, zur Kenntnis zu nehmen, dass seine politische Karriere de facto zu Ende ist. Selbst wenn ein Amtsenthebungsverfahren misslingt und er bis 2007 aufgrund seiner Immunität im Amt bleiben kann, wäre er in keiner Funktion mehr tragbar.

Israel nimmt Schaden

Im jüdischen Staat höchster Repräsentant und moralische Autorität zu sein, das ist der Traumjob des 61-jährigen Vaters von fünf Kindern gewesen. Im Jahr 2000 gewann er überraschend gegen den Favoriten Schimon Peres. Als erster Präsident orientalischer Herkunft wollte der im Iran geborene Katzav in die Geschichte seines Landes eingehen.

Stolz betont er im In- und Ausland seine Herkunft. Bis heute spricht der als Kind nach Israel eingewanderte Politiker gut Persisch und schwärmt von der iranischen Kultur. Zu der aus Europa stammenden Elite des Landes hielt er stets Distanz. Doch nun steht er nicht mehr für die gelungene Integration der jüdisch-orientalischen Bevölkerung, sondern nur noch für einen peinlichen Sex-Skandal, der Israels Ansehen Schaden zufügt.

Erschütterung ist groß

Dabei war es für Katsav zuvor in seinem Leben meist nur bergauf gegangen. Mit 24 Jahren wurde er Bürgermeister seines Heimatstädtchens Kirjat Malachi. Für den nationalkonservativen Likud-Block zog er 1977 in die Knesset ein. Später bekam er verschiedene Ministerposten und brachte es bis zum stellvertretenden Regierungschef. Auch als Präsident hatte er über Jahre einen guten Eindruck gemacht. Die Erschütterung ist deshalb besonders groß.

Profitieren könnte ausgerechnet Katzavs ehemaliger Gegenkandidat Peres. In Jerusalem ist zu hören, dass er gern noch einmal antreten würde.

FTD

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