VG-Wort Pixel

Bangladesch, Mai 2020 Rückkehr nach Bangladesch: Erinnerungen an die Gründung der Republik

"Es war eine Reise in tiefe Abgründe": Bernard-Henri Levy im Interview
Sehen Sie im Video: "Es war eine Reise in tiefe Abgründe" – warum es Bernard-Henri Lévy immer wieder in Krisengebiete verschlägt.
Mehr
Vor 50 Jahren berichtete Bernard-Henri Lévy als junger Reporter über den Krieg, in dem Bangladesch seine Unabhängigkeit von Pakistan erstritt. Heute kämpft das Land mit den Folgen des Klimawandels und muss eine der größten humanitären Krisen der Gegenwart meistern.
von Bernard-Henri Lévy

Bangladesch, Mai 2020. Flöten und Trommeln schmettern die Melodie in die Luft, zartgliedrige Kinder stehen Spalier und klatschen rhythmisch in die Hände, weißbärtige Kriegsveteranen singen gemeinsam die Hymne des freien Bengalen. Zwischen den Bambusrohren haben sie gelbe Spruchbänder aufgespannt: "Willkommen zurück in Jessore, Veteran Bernard-Henri Lévy!". Nun ja, Jessore. Beinahe fünfzig Jahre sind seitdem vergangen. Mit einer Handvoll anderer war ich damals dem Appell des französischen Schriftstellers und Staatsministers André Malraux gefolgt, der die französische Jugend dazu aufgerufen hatte, eine internationale Brigade gegen die abscheulichen Verbrechen der pakistanischen Armee zu bilden, die im Osten des Landes mit aller Härte die aufstrebende Unabhängigkeitsbewegung des heutigen Bangladeschs bekämpfte.

Ich landete damals in Kalkutta. Überquerte die Grenze zwischen Indien und Pakistan in Satkhira, begleitet von einem Topaz-Händler, der aus seinem Dorf geflüchtet war und seine drei Töchter nachholen wollte. Und genau hier, siebzig Kilometer weiter nördlich, in Jessore, war ich unter Bomben und Beschuss angekommen. Damals konnte man den Ort kaum eine Stadt nennen. Es gab weder einen Flughafen noch dieses Gewirr aus Kolonialbauten, unfertigen Wohnhäusern und Lehmhütten. Es gab damals auch kaum Bewohner. Nun schauen Kindern in Lumpen, Zebu-Händler und entmutigte Bettler irritiert auf diesen Ausländer, der so gefeiert wird. Nur der Himmel ist derselbe geblieben, seltsam bleich. In der Luft hängt immer noch der gleiche säuerliche Duft, in den sich der Geruch von gekochtem Kokosnussöl mischt. Und, sobald man den Basar verlässt, erblickt man wie damals eine traurige, mit dem verfaulten Wasser der Reisfelder getränkte Ebene. Sie wird von einer löchrigen Straße geteilt, auf der sich Rikschas, mit Holz beladene Karren und wacklige, bis unters Dach mit Menschen gefüllte Busse um Platz streiten. Es sieht aus wie das Bangladesch, das ich damals im Alter von zwanzig Jahren bereiste.

#weileswichtigist

Das Virus hat in diesem Jahr unseren Alltag geprägt – und unsere Berichterstattung. Zwischen Corona, Trump und den US-Wahlen blieb wenig Raum für andere Themen. An einige möchten wir mit #weileswichtigist erinnern: an Menschen, die im Krieg leben, in Armut oder auf der Flucht. Die Idee zu diesem Rückblick entstand in Zusammenarbeit mit dem französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy. Er hat dieses spezielle Jahr genutzt, um aus verschiedenen Ländern zu berichten. Seine Reportagen führen uns in Kriegs- und Krisengebiete, es geht um Menschen und um das, was sie verbindet. Wir ergänzen seine Texte durch Auslands-Reportagen unserer Kolleginnen und Kollegen. Über die Stiftung stern können Sie ausgewählte Hilfsorganisationen unterstützen.

Ein junger Franzose mit einer gelben Jacke

Akim Mikherjee, ein junger maoistischer Führer, hatte mich zu jener Zeit kurz hinter der Front in Empfang genommen. Anlässlich meiner Rückkehr habe ich Mofidul Hoque vom "War Liberation Museum" in der Hauptstadt Dhaka seinen Namen genannt und darum gebeten, ihn ausfindig zu machen. Er hatte den Namen an die Polizei weitergeleitet, die seine Spur nur schwer wiederfand, da die meisten Untergrund-Kommunisten damals Tarnnamen verwendeten. Doch nun stehen wir tatsächlich wieder an diesem Ort, vor dem Haus, in dem wir Anfang der 1970er Jahre ein paar Nächte verbracht hatten, ehe wir uns zu den Reis- und Blutsümpfen durchschlugen, deren marxistisch-leninistisch inspirierten Revolutionäre Material für mein erstes Buch werden sollten.

"Mein Vater ist tot," verkündet theatralisch der fünfzigjährige Sohn meines damaligen Freundes, der vor der Tür auf mich wartet. "Er hat oft von Ihnen gesprochen," fährt er fort, als wir auf der Veranda Platz nehmen und einen Teller mit Bananen serviert bekommen. "Von einem jungen Franzosen mit einer gelben Jacke. Er hat etwas aufbewahrt." Aus einer Plastikhülle holt er zwischen vergilbten Zeitungsausschnitten eine Visitenkarte hervor, auf der ich mit kindlicher Handschrift die Adresse meiner Eltern notiert hatte. "Aber kommen Sie, sehen Sie sich das Zimmer an. Hier ist er gestorben. Nichts hat sich verändert." Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Pritsche wiedererkenne. Oder den Tisch mit den alten bengalischen Gedichtbänden. Aber eines hat sich nicht verändert: Auf dem nackten Boden, neben einem Altar voller Kerzen, Weihrauchstäbchen, religiösen Bildern und Schellen, lehnen zwei verblichene Schwarz-Weiß-Porträts von Marx und Lenin an der Wand, in gleichem Maße verehrt wie Shiva und Vishnu. Ich schiebe sie zur Seite, um den Fensterladen zu öffnen und etwas Licht hereinzulassen. Eine schwarze Spinne springt zwischen diesen Reliquien einer anderen Zeit hervor und landet auf einer Laterne. Ein Zeichen. Aber was für eins?

Die Heldinnen der Nation

Im Museum, das an den Unabhängigkeitskrieg erinnert, der zur Gründung der Volksrepublik Bangladesch führte, treffe ich auch jene Frauen, die Birangonas genannt werden. Sie gelten als Heldinnen der Nation. Leider verdanken sie diesen Status vor allem der Tatsache, dass sie – genau wie vierhunderttausend andere – während des Krieges von Soldaten der pakistanischen Armee missbraucht wurden. Neun Monate später, als die Kinder dieser Vergewaltigungen zur Welt kamen und das Land seine Unabhängigkeit erklärte, traf Mujibur Rahman, der erste Staatschef Bangladeschs, eine historische Entscheidung: Anstatt die Frauen zu verstoßen, wie es in den meisten traditionellen Gesellschaften wohl üblich gewesen wäre, erklärte er sie zu seinen Töchtern.

Im Gespräch mit „Heldinnen der Nation“ – vor fünfzig Jahren habe sie für die Unabhängigkeit ihres Landes gekämpft
Im Gespräch mit „Heldinnen der Nation“ – vor fünfzig Jahren habe sie für die Unabhängigkeit ihres Landes gekämpft
© Marc Roussel

Ob diese Frauen wissen, dass ich vor fünfzig Jahren in die Rolle eines intellektuellen Söldners geschlüpft war und versucht hatte, diesem jungen Staat mit ein paar ökonomischen Kenntnissen weiterzuhelfen, die ich selber erst kurz zuvor bei einem Experten für chinesische Volkskommunen erworben hatte? Wurde ihnen erzählt, dass ich das Privileg gehabt hatte, ihren Präsidenten kennenzulernen und ihm zu erzählen, dass ihr Leid und ihre Widerstandsfähigkeit sie zu Heldinnen der jungen Geschichte des Landes machen würden? Einiges davon hatten sie gehört, ja. Aber vor allem interessieren sie sich für die aktuelle Revolution im Westen, die Gewalt gegen Frauen kriminalisiert.

Die Damen wirken alterslos. Sie laufen in kleinen Schritten. Einige sitzen im Rollstuhl. Voller Stolz tragen sie ihren Nasenschmuck und bunte Saris. Aber was für eine Wut aus ihnen spricht, wenn sie von den Misshandlungen berichten, die sie erlebt haben! Mit furioser Kraft erzählen sie von ihrem jahrelangen Kampf, nicht als Opfer betrachtet zu werden, sondern als vollwertige "Mukti Bahini", als Freiheitskämpferinnen und Wegbereiterinnen eines weltweiten Feminismus.

Treffen mit der strengen Regierungschefin

Sheikh Hasina Wajed ist Mujibur Rahmans Tochter und seit elf Jahren die Premierministerin des Landes. Wir sind eine Generation. Sie kennt meine Geschichte, darum hat sie mich zu den Feierlichkeiten anlässlich des hundertsten Geburtstags ihres Vaters eingeladen, der zugleich an die Staatsgründung vor fünfzig Jahren erinnern soll. Wegen Corona muss das Fest verschoben werden. Aber ich bringe ihr einen Brief des Präsidenten Emmanuel Macron mit, den ich – auch wegen Corona – auf den Couchtisch zwischen uns lege, just unter das Porträt ihres Vaters, das in dem nüchternen Salon hängt, in dem sie mich gemeinsam mit dem Botschafter Jean-Marin Shuh empfängt. Sie will den Brief nehmen, überlegt es sich dann aber anders. Spitzbübisch lächelt sich mich an, als ihr Protokoll-Chef sich erhebt und mit Handschuhen den Brief für sie öffnet. Sie hat den Ruf, eine herrische Führerin zu sein, erbarmungslos mit ihren Gegnern. Ihr braungoldener Sari erinnert an eine Rüstung, ihre Brille hat ein schuppiges Muster, das den eisigen Glanz ihrer grünen Augen betont – sie ähnelt tatsächlich Indira Gandhi in ihrer besten Zeit. Doch in diesem Moment sticht vor allem ihre jugendliche Heiterkeit hervor, als wir unsere gemeinsamen Erinnerungen an die nationale Revolution Bangladeschs austauschen. Und auch eine gewisse Wildheit, als ich die Ermordung ihres Vaters erwähne: 1975 löschten Militärputschisten nahezu ihre gesamte Familie aus. Nur sie und ihre Schwester überlebten dieses Massaker, weil sie sich gerade im Ausland aufhielten.

Der französische Philosoph und Publizist Bernard-Henri Lévy
© stern

Bernard-Henri Lévy

Der französische Publizist, Philosoph und Filmemacher wurde am 5. November 1948 in Algerien geboren. Von Marokko aus zog die jüdische Familie 1954 nach Paris, wo Bernard-Henri Lévy in besten Kreisen aufwuchs. Später studierte er dort, verfasste Bücher und Essays. Seit früher Jugend zieht es ihn an die Fronten und in die Krisengebiete der Welt. Als Philosoph sucht er den Erkenntnisgewinn im Geschehen; als Publizist kommentiert er geopolitische Konflikte, polemisiert gegen Kulturrelativismus und plädiert für die Einhaltung der Menschenrechte weltweit. Seine medienwirksamen Auftritte machten ihn über Frankreich hinaus berühmt

In Golora, einen Vorort des Distrikts Manikganj, fängt das andere Bangladesch an. Der bäuerliche, dörfliche Teil des Landes. Das Bangladesch, das ich einst besucht hatte, um Maulana Bashani zu interviewen – den ehemaligen maoistischen Bauernführer, der dem späteren Staatschef Mujibur Rahman die Führung über die sozialdemokratische Unabhängigkeitspartei Awami-Liga streitig machte. Ein halbes Jahrhundert später gedenke ich vor einem bescheidenen Monument aus roten Backsteinen den Zivilisten, die hier in den letzten Kriegsstunden hingerichtet wurden. Wie viele solcher Gräber mag es noch in diesem Land geben? In wie vielen Dörfern, an wie vielen Wegen und Blumenfeldern liegen ihre Gebeine? Niemand weiß es. Niemand weiß, wie viele Menschen von den mörderischen pakistanischen Militärs und den islamistischen Milizen getötet wurden. Dass es ein Völkermord war, steht heute fest: Zwischen 1971 und 1972 gab es systematische Massaker zur Unterdrückung der Unabhängigkeitsbestrebung. Ob eine, zwei, drei oder vielleicht vier Millionen Menschen umgebracht wurden, ist nicht genau bekannt. "Ihr seid ein Volk, dem es nicht erlaubt wurde, seine Märtyrer zu zählen. Das seine Toten in Ehren halten muss, obwohl weder Gräber, Namen noch die Anzahl der Opfer bekannt sind," sage ich zu einer Gruppe von Jugendlichen, die mir seit Golora und den bei Touristen beliebten Ruinen des dortigen Palastes gefolgt sind. "Solange es noch Zeitzeugen gibt, sollte darum in allen Dörfern an dem Gedenken gearbeitet werden. Überlebende und ihre Nachfahren müssen die Überlieferung der Familiengeschichten gewährleisten."

Der aufgeklärte Islam und die anderen

Die Frau, die ich treffen möchte, nenne ich Benazir. Wir sind über Facebook in Kontakt getreten. Sie leitet eine Mädchen-Mittelschule im Osten des Landes. Seitdem sie für ihren Unterricht ein Kopftuchverbot angeordnet hat, lebt sie unter Polizeischutz. "Wir müssen die Gesichter der Schülerinnen sehen können," erklärt sie in einem winzigen Restaurant in der Altstadt von Dhaka, in dem wir Paturi essen – in dünne Scheiben geschnittener Fisch, der in Senf mariniert und in Bananenblättern serviert wird. Sie fährt mit gedämpfter Stimme fort, nachdem sie einen Blick auf die Nachbartische geworfen hat, und auf die Straße, die um diese Zeit vollgestopft ist mit Motorrollern, Tuk-Tuks und Kleintransportern. "Wir sind keine Koranschule. Wir haben hinduistische Schülerinnen, buddhistische, christliche und auch schiitische. Die sind zwar muslimisch, aber auch sie stehen im Fadenkreuz von Jamaat-e-Islami." Sie meint die länderübergreifend agierende islamistische Organisation, kurz JI genannt, die 2014 bei den Parlamentswahlen in Bangladesch nicht antreten durfte, weil sie Verbindungen zu radikalen Gruppen wie dem IS unterhalten soll.

Bernard-Henri Lévy in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Der Buriganga ist die Lebensader der Metropole – doch seine Gewässer sind stark verschmutzt
Bernard-Henri Lévy in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Der Buriganga ist die Lebensader der Metropole – doch seine Gewässer sind stark verschmutzt
© Marc Roussel

Das ist ein Aspekt, den man immer vergisst, wenn man von Bangladesch spricht. Auch mir war damals diese Zweiteilung nicht bewusst: Auf der einen Seite jene, die sich ein "Land der Reinen" wünschen und bereits die DNA des islamistischen Fundamentalismus in sich trugen – auf der anderen Seite eine mehrheitlich muslimische Gesellschaft, die  multikonfessionell geprägt ist und respektvoll gegenüber ihren Minderheiten. Die neu gegründete Republik Bangladesch verankerte 1972 das Prinzip des Säkularismus in ihrer Verfassung. Ist nicht jetzt der richtige Zeitpunkt, sich daran zu erinnern, da der Krieg zwischen den zwei islamischen Strömungen erneut tobt? Und könnte mein geliebtes Bangladesch nicht eine wichtige Rolle spielen in dieser Auseinandersetzung zwischen dem aufklärerischen Islam und dem Wahnsinn im Namen Gottes?

Das Drama der Rohingya

Ein Lager ist immer ein Lager. Und ich werde nie sagen, dass es glückliche Flüchtlinge gibt. Aber durch Zufall führt meine Reise mich auch nach Cox Bazar, zum Flüchtlingslager Kutupalong, dem wohl größten der Welt. In den vergangenen drei Jahren wurden hier über 800.000 muslimische Rohingya aufgenommen, die im buddhistisch geprägten Nachbarland Myanmar bedroht und verfolgt werden. Trotzdem läuft hier im Vergleich zu europäischen Flüchtlingslagern wie beispielsweise jenen auf Lesbos, vieles besser. In den insgesamt 34 Camps können die NGOs überwiegend frei arbeiten. Es gibt ausreichend Seife, Handtücher, Zahnputzbecher, Wasserstellen. Nach den ersten chaotischen Wochen, in denen die Überlebenden der Massaker die Hügel abholzten, um heizen zu können, wurden Verbindungswege aus Bambus gebaut und mittlerweile ist so etwas wie eine neue Stadt entstanden. Zwischen Gassen, Hütten und manchmal sogar winzigen Gemüsegärten, können sich die Familien ihren Lebensunterhalt sichern, wie in der Heimat. Natürlich gibt es ähnlich wie auf Lesbos auch hier Konflikte mit den benachbarten Dörfern, deren Bewohner sich darüber beschweren, dass sie als "angestammte Bangladescher", schlechter dran seien als die Geflüchteten. Aber die Behörden haben ihrem Druck bislang nicht nachgegeben. Eine Lektion in Lebensmut seitens der Rohingya, die alles verloren haben, nur nicht ihre Würde. Aber auch eine Lektion in Menschlichkeit seitens der Bangladescher, die selbst wenig haben, und doch die Kraft aufbringen, es mit anderen zu teilen.

Die Menschen in Kriegs- und Krisenregionen sind dringend auf Hilfe angewiesen. Wir leiten Ihre Spende an ausgewählte Hilfsorganisationen weiter. Bitte spenden Sie an IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01, Stichwort: #weileswichtig ist – www.stiftungstern.de

Drecksarbeit für den reichen Westen

Ich hatte vergessen, wie viel Elend es im Land gibt. Ich hatte die Sweat-Shops vergessen, in denen der Westen die Arbeit, die er selbst nicht machen will, von den zwölfjährigen Enkelkindern der "Mukti Bahini", der Unabhängigkeitskämpfer, erledigen lässt. Ich hatte die Horden von Arbeitslosen vergessen, die sich auf den Müllhalden von Bashantek, mitten in Dhaka, mit streunenden Hunden und Greifvögeln um Nahrung streiten. Und ich hatte vergessen, dass auch so etwas dazu gehört: Ebenfalls im Zentrum von Dhaka erheben sich die Trümmer des Slums von Rupnagar, der auf Holzpfählen erbaut wurde. Einen Tag vor meinem Besuch hat hier ein zerstörerisches Feuer gewütet. Nun wird die Kloake aus stinkendem schwarzem Wasser, auf der die Menschen leben, allmählich sichtbar. Und dort, wo es bereits dämmert, obwohl es noch nicht einmal Mittag ist, zwischen Abfällen, Abwasserkanälen, Rattenkadavern und fauligem Bambus, erblicke ich einen Mann mit asketischem Blick. Er trägt ein Tuch um die Hüften geschlungen und eine Haube auf dem Kopf, er scheint sich zu waschen. Aber nein. Er taucht in das schwere Wasser und in den Schlick, um Blechstücke aufzusammeln, die er für ein paar Takas auf dem Flohmarkt verkaufen wird.

Tatsächlich habe ich gar nichts von all dem vergessen. Denn dieses Elend existierte damals nicht. Der Buriganga, der heute ein monströses Gewässer voller Plastikberge ist, war noch ein richtiger Strom. Das Viertel Hazaribagh, in dem 200.000 Menschen am Rande eines Sumpfes aus Müll und Gift trinken, angeln und baden, war früher ein ländlicher Vorort, in dem die Gerber ihren tausendjährigen Beruf ausübten. Und die Vorfahren meines Rikscha-Fahrers waren Mukti Bahini und stolz auf ihren Beruf.

Klimawandel und Corona

Auch das war damals kein Thema: Wenn es einen Ort auf der Welt gibt, an dem die Bedrohung einer Klimakatastrophe offensichtlich ist, dann hier. Bangladesch ist ein Land, in dem sich mehrere hundert Flüsse zu einem Delta formieren. Die großen Ströme des indischen Subkontinents wie der Ganges und der Brahmaputra kommen hier zusammen und münden vereint im Golf von Bengalen. Auch das Schmelzwasser aus dem Himalaya landet hier, das während der Zeit des unberechenbaren Monsuns und der Wirbelstürme die Flussebenen übersteigt und kolossale Erdrutsche verursacht. Ich kann mich noch an eine Inselkette vor Cox Bazar erinnern, die inzwischen verschwunden ist. Etwas weiter im Norden hat das Wasser die Reisfelder überschwemmt und nichts als kahle Anhöhen hinterlassen. Ich spreche mit einem Heringsfischer, der erst 30 Jahre alt ist, aber doppelt so alt aussieht. Er sagt, dass er sein Haus schon dreimal umsetzen musste, weil das Meer jedes Mal sein Land weggerissen hatte. Ich treffe einen Bauern, der noch nie das Wort "Klimawandel" gehört hat, mir aber von einem neuen Gesetz erzählt, das Flüsse wie Menschen behandele, die respektiert aber auch gezähmt werden müssen.

Dieses arme Bangladesch. Das Land steht an vorderster Front im Kampf gegen Islamismus, Armut, Migrationschaos und ökologische Katastrophen. Auch einen sanitären Kampf muss es führen: Wegen der zerstörten Böden und der Umweltverschmutzung grassieren Fieber, Durchfall, Atemwegs- und Hauterkrankungen; die lymphatische Filariose, die viszerale Leishmaniose, die Melioidose, Dengue, japanische Enzephalitis sowie der Nipah- und der Hendra-Virus, die durch den Kot von Fledermäusen übertragen werden und in drei von vier Fällen für Menschen tödlich sind. Und nun ist auch noch das Corona-Virus hinzugekommen.

Die Feierlichkeiten zum hundertsten Geburtstag des Präsidenten müssen abgesagt werden. Auf den Straßen schützen sich die Menschen mit Behelfsmasken in allen Farben und Formen, darunter auch Vogelschnäbel oder Tiermäuler. Das Land stellt sich selbst unter Quarantäne, es schließt seine Grenzen und läuft in Gefahr, mehr denn je in der Dunkelheit und der Nichtbeachtung der Welt zu versinken. Damals war ich einer der ersten, der sich auf den Weg in dieses verfluchte und wunderbare Land machte. Fünfzig Jahre später steige ich in das letzte Flugzeug Richtung Europa. Mir bleiben nur Gebete – und die Hoffnung auf mehr Beistand für dieses Land und seine Menschen.

Dezember 2020, Nachtrag der Redaktion. Nachdem ein Umsiedlungplan für die Rohingya im Jahr 2019 noch verworfen wurde, wird er nun umgesetzt: Mindestens 100.000 Geflüchtete sollen aus den überfüllten Camps auf einer vorgelagerten Insel untergebracht werden, rund eine Bootsstunde vom Festland entfernt. Menschenrechtsorganisationen bezweifeln, dass die Insel dafür geeignet ist. In den vergangenen Jahren ist es zu Konflikten gekommen, u.a. weil viele Bauern aus der Region ihr Land für das beständig wachsende Flüchtlingslager zu Verfügung stellen mussten. Die Rohingya gehören zu den am stärksten verfolgten Minderheiten weltweit. Gegen Myanmar wurde ein Verfahren wegen Völkermords eingeleitet. Doch die Regierungschefin, die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, weist sämtliche Vorwürfe zurück. Viele Geflüchtete würden gern in ihre Heimat zurückkehren – ihre Situation bleibt jedoch ungelöst      


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker