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Tod im Gaza-Streifen: Als der Krieg zu den Baalushas kam

Ein Foto ging um die Welt. Es zeigte am Tag drei des israelischen Angriffs auf den Gaza-Streifen eine weinende Mutter, die sich über ihr totes Kind beugte. Im Arm einen kleinen blutverschmierten Jungen - die ersten zivilen Opfer des Krieges. Eine Familiengeschichte aus Jabaliya.

Von Manuela Pfohl

"Feuerpause, neue Gefechte, Vermittlungsbemühungen, internationales Ringen um humanitäre Erleichterungen." Anwar und Samira Baalusha haben noch nichts von den jüngsten politischen Entwicklungen in Israels Krieg gegen die Hamas gehört. Der Strom ist abgestellt im Flüchtlingslager Jabaliya. Die beiden sitzen mit vier Kindern in einer Notunterkunft im nördlichen Gaza-Streifen. Es ist der zwölfte Tag seit Beginn des Angriffs. Vor zehn Tagen starben ihre fünf Töchter. Seitdem denken die Baalushas nicht mehr an die Zukunft. Sie denken nur noch an die Vergangenheit. An die Nacht, als der Krieg gegen die Hamas zu ihnen nach Hause kam.

Anwar Baalusha kümmert sich nicht um Politik

Den ganzen Abend lang waren am 29. Dezember in Jabaliya die Einschüsse zu hören gewesen. Anwar Baalusha hatte ein paar Mal zum Himmel geblickt, wo die Kampfflugzeuge der israelischen Armee zu sehen waren. Immer dann, wenn sie ihre Raketen über Jabaliya abschossen, hoffte er, dass sie ins Nichts fallen. Der 38-Jährige machte sich Sorgen um seine Familie. Neun Kinder, das jüngste, Bar'a, gerade zwei Wochen alt, waren auf seinen Schutz angewiesen und natürlich seine Frau Samira. Am Tag zwei des Krieges gegen die Hamas war schon von dutzenden Toten die Rede. Seit Stunden jagten die Ambulanzen mit Geheul durch das Camp. Die Israelis hatten erklärt, dass sie mit ihren Luftangriffen gezielt gegen Hamas-Kämpfer vorgehen. Anwar hatte nichts mit den Radikalislamisten zu tun. Er war nur ein einfacher Familienvater. Einer, der schon ewig im Flüchtlingslager lebte und seit drei Jahren ohne Geld und ohne Job war, weil er nicht mehr auf dem israelischen Markt arbeiten durfte. Er hatte sich nie um die Politik gekümmert. Deshalb würde er auch kein Ziel der israelischen Vergeltung sein, glaubte er. Die ununterbrochenen Luftangriffe machten ihm trotzdem Angst.

Das Totengebet um Mitternacht

Kurz vor Mitternacht liegen die meisten Bewohner in Jabaliya schon in ihren Betten. Auch bei den Baalushas ist alles still. Um 22 Uhr hatte Samira ihren Kindern Gute Nacht gesagt und sich mit Bar'a, dem kleinen Mohamad und ihrem Mann schlafen gelegt. Knapp zwei Stunden später, um 23.50 Uhr, erschüttert eine Detonation das Haus und Anwar wird aus dem Bett geschleudert. Samira kann in der Dunkelheit der Nacht kaum etwas erkennen, sie fühlt einen Druck auf ihrem Körper. Anwar hört noch, wie sie die Shahada rezitiert. Das Totengebet. Dann spürt er nichts mehr.

Samira sieht, dass sie unter einer großen Uhr liegt und vielen Steinen. Es gelingt ihr, sich zu befreien. Sie sagt: "Ich stand auf und begann meine Kinder zu suchen. Ich fand Bar'a. Sie war am Leben, obwohl ihr Bett unter den Ruinen lag. Dann ging ich auf die Suche nach Mohamad, der neben mir geschlafen hatte. Auch ihn fand ich lebend unter den Trümmern, einige Leute halfen mir, ihn auszugraben." Doch das Zimmer, in dem die anderen Kinder geschlafen hatten, ist verschüttet. Samira versucht, den Beton beiseite zu schaffen. Alle Nachbarn helfen mit. Samira schreit vor Verzweiflung und Angst, so laut sie kann, bis sie zusammenbricht. Sie hat eine Kopfverletzung. Erst im Krankenhaus kommt sie wieder zu Bewusstsein, fragt nach den Kindern und ihrem Mann, sie hatte ihn nicht mehr gesehen in der Nacht.

Ein Foto geht um die Welt

Anwar weiß nicht, wie er aus der Wohnung auf die Straße gekommen ist, er merkt nur, dass ihn jemand festhält und fordert, er soll stehen bleiben. Er blutet überall und wird in einen Krankenwagen gedrängt. Erst viel später beginnt er langsam zu begreifen, was die Menschen um ihn herum tun und was sie ihm sagen: Eine Rakete hat das Haus, in dem die Baalushas wohnten, zerstört. Fünf seiner Kinder sind dabei ums Leben gekommen. Tahrir, Ikram, Samar, Dunia und Jawahar. Mädchen im Alter von vier bis 17 Jahren. Anwar fehlt die Kraft zu schreien.

Am nächsten Tag geht ein Foto um die Welt. Es zeigt Samira, die sich weinend über den toten Körper ihrer vierjährigen Tochter Jawaher beugt. Im Arm hält sie Mohamad. Der Anderthalbjährige schaut mit ängstlichen Augen und blutverschmiertem Gesicht in die Kamera. Die toten Töchter von Samira und Anwar Baalusha sind die ersten zivilen Opfer des Krieges. Ein "Kollateralschaden", wie die israelische Armee später bedauernd erklärt. Eigentlich hatte der Angriff der Emad-Aqeel-Moschee gegolten, die direkt neben dem Haus der Familie liegt. Ein Versteck für Hamas-Kämpfer, wie die Soldaten glauben.

Die Hoffnung auf Zukunft begraben

Zur Beerdigung am 30. Dezember kommen hunderte Menschen. Männer tragen die in Hamas-Fahnen gehüllten Leichen der Kinder durch die Straßen und schwören in lauten Sprechchören Rache. Anwar widerspricht ihnen nicht. Die Frauen weinen, Samira fragt: "Hatte mein zwölf Tage altes Kind eine Rakete bei sich? Oder hatten meine Töchter AK-47s in der Hand? Warum mussten sie sterben?" Anwar und Samira glauben nicht mehr an Gottes Gerechtigkeit und auch nicht an die Versicherungen der Israelis, dass sie keinen Krieg gegen Zivilisten führen. Anwar legt seine Kinder in die Erde. Die Hoffnung auf Zukunft hat er schon begraben. Wo soll sie auch sein, in Jabaliya?

Es ist ein elendes Stück Land, auf dem die Baalushas leben. Trocken, staubig, trist. "Jabaliya Refugee Camp" steht auf einem Schild an der Straße. Mehr als 100.000 Palästinenser sind hier im Norden des Gaza-Streifens auf anderthalb Quadratkilometern untergebracht. Viele schon in der dritten Generation. Es sind Flüchtlinge, die irgendwann mal in den Dörfern der Umgebung lebten, die jetzt zu Israel gehören, und Menschen, die hier im Camp geboren wurden. Die meisten sind auf die Hilfslieferungen mit Lebensmitteln und Medikamenten durch die internationalen Hilfsorganisationen oder die Uno angewiesen. Sie haben keine Jobs, sie verdienen kein Geld, sie haben oft noch nie etwas anderes gesehen, als ihr 1948 eingerichtetes Lager.

Hässlichgraue Betonblöcke, dicht an dicht gedrängt, säumen die Straße. In einem von ihnen hatten die Baalushas ihre Wohnung. 50 Quadratmeter, zwei Zimmer für elf Menschen. Als der Krieg am 27. Dezember begann, schlug eine Bombe in einem Verwaltungsgebäude der Hamas ein. Ganz in der Nähe. Die Baalushas zogen für einen Tag zum Vater, ein paar Straßen weiter. Am 29. kehrten sie zurück. Das normale Leben sollte weitergehen. "Die Mädchen mussten sich für die Schule auf ihre Mitte-Jahres-Tests vorbereiten, die während der Woche stattfinden", erzählt Samira.

Jetzt ist vom Alltag der Familie und auch vom Haus nur noch ein Schutthaufen übrig. Nach der Bombennacht hat Akram Baalusha, ein Onkel, in den Trümmern einen Pullover gefunden, eine Decke und etwas Hausrat aus der Wohnung der Baalushas. Was soll Samira damit? Sie hat ja kein Zuhause mehr für ihre Familie. Auch ein Dutzend andere Nachbarn haben keine Wohnungen mehr, seit die israelische Armee die Jagd auf Hamas im Lager aufgenommen hat. In den meisten Fenstern gibt es schon keine Scheiben mehr. Vielen Häusern fehlt das Dach, manchen die Wände. Dann kann man von der Straße direkt in die Wohnungen schauen, in ärmlich eingerichtete Zimmer, in denen die Bewohner versuchen, dem Elend ihres Alltags zu trotzen. Wo sie Wasser aus Kanistern schöpfen, um auf provisorischen Kochstellen über brennendem Holz oder mit Spiritus Tee zu kochen oder Brei für die Kinder. Wo sie sich auf grob gezimmerten Bettgestellen zusammenkauern, um in den Winternächten nicht so sehr zu frieren, jetzt, wo es kaum noch Strom und Gas für die Heizung gibt. Wo sie hoffen, dass keine Rakete sie im Schlaf trifft, wie die Töchter der Baalushas.

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  • Manuela Pfohl