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Unruhen in Athen: "Es war wie im Krieg"

In Athen und anderen Städten lieferten sich Steine werfende anarchistisch ausgerichtete Autonome und die Polizei stundenlang Straßenschlachten. Anlass ist der Tod eines Jugendlichen, der von Polizisten erschossen wurde.

"Es war wie im Krieg", sagt die Inhaberin eines Schuhgeschäfts im Zentrum Athens nach den Krawallen in der griechischen Hauptstadt. In Athen und anderen Städten lieferten sich Steine werfende anarchistisch ausgerichtete Autonome und die Polizei stundenlang Straßenschlachten. Läden und Banken standen in der Nacht zum Sonntag in Flammen. Die Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas gegen die Randalierer vor, die Autos umwarfen und als Barrikaden benutzten. "Mein Geschäft ist ausgebrannt", berichtet die Inhaberin des Schuhgeschäfts am Sonntag im Radio weiter. "Ich bin am Ende. Die Chaoten haben alles zerstört." Auslöser war der Tod eines Jugendlichen bei Zusammenstößen von Autonomen und Sicherheitskräften.

Schon seit Jahrzehnten verüben Autonome in der griechischen Hauptstadt fast jede Nacht Brandanschläge. Ihre Attacken richten sich gezielt gegen Banken, Vertretungen multinationaler Unternehmen und Polizeistationen, dagegen verschonen sie in der Regel die Geschäfte der "kleinen Leute" wie Kneipen oder Imbissbuden. Mit ihren Anschlägen "kommentieren" sie das nationale wie internationale politische Geschehen. Die Autonomen kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Der 15-Jährige, der am Samstagabend Opfer der tödlichen Polizeikugel wurde, war der Sohn eines bekannten Athener Schmuckhändlers.

Rechtsfreie Räume

Die griechische Autonomenbewegung sieht ihre Ursprünge in der Zeit des Widerstandes gegen die Obristenjunta (1967-1974). Vor allem der Stadtteil Exarchia im Zentrum Athens ist seit Jahren eine Art "verbotene Stadt" für die Sicherheitskräfte. Dort haben die Autonomen aber auch Drogenbanden das Sagen. Alle schienen sich bislang damit abzufinden. Der "Staat im Staat" Exarchia wirkte wie ein Sicherheitsventil. "Die Autonomen werden dort in Ruhe gelassen, damit sie uns im Rest der Stadt in Ruhe lassen", sagt Grigoris S., ein junger Bereitschaftspolizist.

Man habe sich das ja an den fünf Fingern abzählen können, dass es einmal soweit kommen würde, meint ein altgedienter Journalist zum Tod des Jungen. "Am späten Samstagabend lief alles schief", meint Alexis Papahelas, Chef der konservativen Athener Zeitung "Kathimerini". "Und das zwingt uns hier und jetzt, die Antwort auf die Frage zu finden, wie lange wir noch die Gesetzlosigkeit in diesem Stadtteil dulden."

Doch Innenminister Prokopis Pavlopoulos steht vor einer schwierigen Aufgabe. Auf keinen Fall will er mit der Brechstange der Staatsgewalt vorgehen: "Wir müssen die Menschenrechte achten und den Chaoten das Handwerk legen. Das ist nicht so leicht."

Takis Tsafos/DAP