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US-Bürger: Im Stolperschritt durch die Demokratie

Nicht einmal jeder zweite US-Bürger konnte 1988 zeigen, wo auf der Weltkarte England zu finden ist. In Umfragen versuchen Experten immer wieder, den Wissensstand der Amerikaner zu testen.

Der mächtigste Staat der Welt wählt im November einen neuen Präsidenten, und die Entscheidung für George W. Bush oder John Kerry wird für viele US-Bürger eine Entscheidung aus dem Bauch heraus sein. Über zu wenig politische Information kann sich die amerikanische Gesellschaft nicht beklagen, aber viele Wahlberechtigte können oder wollen sich nicht mit diesem Material auseinander setzen: "Wir sind schlecht informiert, und das ist zum Großteil unsere eigene Schuld", sagt Mario Cuomo, ehemaliger Gouverneur von New York.

Erschreckende Ergebnisse

In Umfragen versuchten Experten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder, den Wissensstand der Amerikaner zu testen. 3.700 solcher Fragen von 1940 bis 1994 wurden ausgewertet von Michael Delli Carpini und Scott Keeter in ihrem Buch "What Americans Know About Politcs and Why It Matters" ("Was die Amerikaner über Politik wissen und warum das wichtig ist"). Die Ergebnisse sind zum Teil erschreckend.

Nur knapp jeder Vierte (24 Prozent) wusste 1970, wer der damalige Außenminister der USA war. Und nicht einmal jeder Zweite (47 Prozent) konnte 1988 zeigen, wo auf der Weltkarte England zu finden ist. Im Schnitt wussten lediglich rund 40 Prozent der Befragten jeweils die richtige Antwort.

Dabei sind viele der als unwissend Entlarvten nicht dumm, wie Delli Carpini betont. Schlecht abgeschnitten haben in den Umfragen vor allem Frauen, Angehörige von Minderheiten und junge Leute. Vielen von ihnen fehlt laut Delli Carpini die Motivation, sich weiterzubilden, sich überhaupt Informationen zu beschaffen und sich mit differierenden Angaben auseinander zu setzen.

Instinkt und Informationshäppchen

Für ihre Wahlentscheidung wüssten die Amerikaner dagegen genug, ist sich Samuel Popkin von der University of California sicher. Gewählt werde allerdings nach Instinkt und unter Verarbeitung von kleinen Informationshäppchen. Solche Entscheidungen aus dem Bauch heraus würden auch bei der Auswahl von Mitarbeitern oder der Entscheidung für einen Babysitter getroffen. "Die Leute lernen nicht mehr, als sie für eine einfache Auswahl wissen müssen", sagt Popkin. In Krisenzeiten wie Krieg oder Wirtschaftsflaute würden sich die Wähler dagegen um mehr Informationen bemühen.

Um die Informationsflut zu kanalisieren und zu objektivieren, hat Richard Kimball, ein gescheiterter Kandidat für den Senat, vor 14 Jahren das "Project Vote Smart" (PVS - Projekt für schlaues Wählen) gegründet. "Es ist schwer für Bürger, zu erkennen, dass sie manipuliert werden", sagt PVS-Sprecherin Adelaide Kim. Dutzende Fragen gehen täglich bei ihr ein: zur politischen Einstellung eines bestimmten Kongress-Kandidaten, wer denn eigentlich antritt, wie man sich für die Wahl registrieren lässt und so weiter. Viele hätten bei ihren Anfragen nur "eine sehr vage Vorstellung, was sie eigentlich wollen", beklagt das PVS. Etliche US-Bürger stolperten sozusagen ohne Landkarte durch die Demokratie, auf die sie so stolz seien.

Vor jeder Abstimmung bittet das PVS Kandidaten für die Gouverneurs- bis zur Präsidentenwahl um Angaben über ihre Einstellung zu Themen wie Abtreibung, Energie- und Gesundheitspolitik. Große Unterstützung erhalten die Demokratie-Aktivisten dabei nicht: In den vergangenen acht Jahren ist allein bei den Kandidaten für einen Sitz im Kongress die Zahl derer, die Antworten zurückschickten, von 72 auf 50 Prozent gesunken.

Mit Bezahlung zur politischen Diskussionen

Eine ganz andere Strategie der Informationsverteilung hat daher James Fishkin von der kalifornischen Stanford University vorgeschlagen. Vor jeder Wahl sollte ein landesweiter Feiertag eingeführt werden, an dem US-Bürger in Kleingruppen über die relevanten Themen diskutieren. Jeder soll für seine Teilnahme 150 Dollar erhalten. Ein solcher "Deliberation Day" (Tag zum Überlegen) garantiere ernsthafte Gespräche, sagt Fishkin. Denn nur allzu oft gingen die Wahlberechtigten davon aus, dass ihre Stimme ohnehin nicht zähle.

Ein landesweites Pilotprogramm für einen solchen "Deliberation Day" wird in diesem Jahr am 16. Oktober vom Fernsehsender PBS gesponsert. Denn: "Die Öffentlichkeit ist sehr klug", sagt Fishkin, "wenn man ihr nur eine Chance gibt".

Jerry Schwartz/AP / AP
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